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JUEDISCHn RUNDSCHAU
Nr. 1
Julius Bcrgcr Überbrachte die Orflfle des National-
fonds aus Jerusalem und wardigle die Bedeutung der Klein¬
arbeit de« Nallonalfouds für die Erneuerung der Zionisti¬
schen Organisation.
Üader überbrachte in hebräischer Sprache die Grüße
der palästinensischen Arbeiterschaft und lorderte in ihrem
Namen die Anspannung aller Kräfte des Golus-Judcntunis
für das Aufbauwerk in Ptilästlna.
Dr. Walter K a Ii n begrüßte im Kamen der Zionistischen
Ortsgruppe Wiesbaden, die »Ich zur besonderen Ehre an¬
rechnet, die VorbcrcKungcn für den Delcglertcntag geleistet
zu haben, die erschienenen Zionistcn aus allen Gegenden,
insbesondere aber die Ehrengäste.
Nach diesen Ansprachen erteilte Dr. Landsberg dem
Präsidenten Chaim w elantann das Wort Als Wazmano
ans Rednerpult trat, erneuerten sich die Bcgrüßungskund-
gebunden. Es dauerte mehrere Minuten, bis sich der Bei*
fallsslurm gelegt hatte uud Wcizmann seine Rede beginnen
konnte.
Die Rede Dr. Welzmanns
Meine Damen und Herren!
Als ich die Einhdung der deutschen Ziom'stcn zu ihrer
Tagung erhielt, freute ich midi unendlich, daß Ich eine
Gelegenheit luben werde, nach vielen Jahren wieder mit
alten Freunden in Berührung zu kommen, und etwas mehr in
der Nähe die Arbeit und die Leistungen der deutschen
zionistischen Organisation, von denen wir hören und wissen,
kennen zu lernen. Andererseits war diese« Oclfihl der Freude
nicht ohne einen gewissen, Ich möchte «gen, Beigeschmack
von Verlegenheit, denn Ich wußte, daß mir das Los fallen
würde, eine Rede zu halten, und ich wußte nicht, was ich
eigentlich den deutschen Zionistcn noch zu sagen hätte. Sie
werden von einer großartigen Presse bedient, sie stehen
vielleicht mehr als irgendeine andere Organisation in reger,
lebendiger Beziehung mit Palästina, Sic wissen alles, ich
kann Ihnen kaum etwas Neues bieten. Ich werde aber
immerhin versuchen, in einfachen und schlichten Worten,
Ihnen ein Bild der Jetzigen Situation, wie sie sich bei uns
abspiegelt, zu geben. Ich danke Ihnen ebenso nochmals
für die freundliche Aufnahme. Idi danke den Vertretern
der Stadt und Gemeinde für ihre freundlichen Worte. Nun
gestatten Sic mir, zu meinem Thema überzugehen.
Zunächst einiges über
dlo politische Lage
der zionistischen Bewegung. Die politische Lage der zio¬
nistischen Bewegung muß und soll jetzt hauptsachlich vom
Staudpunkt unserer Leistungen in Palästina
behandelt und betrachtet werden. Wir haben In den letzten
Jahren und vielleicht gans besonders in den letzten drei
Jahren In Palästina Fortschritte gemacht, die die erste Auf.
merksamkeit der Welt, der niehtjüdischen Welt, auf sich ge¬
zogen haben. Noch vor drei, vor vier Jahren waren ver¬
schiedene Schichten der europäischen öffentlichen Meinung
vorhanden, welche alles, was wir hoffen, alles was wir in.
Palästina hm, als Experiment und als ein riskant« Ex¬
periment angesehen haben. Wir wollen es auch nicht ver¬
hehlen, daß es Schichten innerhalb und autleriialb des Juden¬
tums gab, welche auf das Mißlingen des Experiment» war¬
teten. Der jüdische Chahiz, die Leistungen in Palistina,
haben diesen Erwartungen eine Enttäuschung bereitet. Und
jetzt steht der Aufbau Palästinas da als eine Tatsache, die
von der Welt anerkannt werden muß. Und ohne zu über¬
treiben, kann man sagen: man beginnt, mit dem Erscheinen
eine» neuen Faktors In diesem Teil der Welt zu rechnen.
Und da dieser Faktor ein jüdischer Ist, so Ist es verständlich,
daß In manchen Beziehungen dieses Auftreten der neuen
Kräfte mit Argwohn und Verdacht beobachtet wird.
Und darum sehen Sie, darum merken Sie heute, daß, wenn
auf der einen Seite ein Ansteigen und eine Intensivierung un¬
serer Tätigkeit in Palästina geschieht, auf der anderen Seite
eine gewisse Verdichtung und Verstärkung der
Widerstände, die sich dieser Arbeit entgegensetzen, ein¬
setzt. Ich glaube, es ist eine natürliche Folge unserer Ar¬
beit in Palästina: Wir treten jetzt in das (vielleicht)
ernsteste Stadium unserer Arbeit. Wir sind aus dem ex¬
perimentellen Gebiet herausgekommen und sind auf das Ge¬
biet der Verwirklichung in groOcm Stile lilnübcrgckommcn.
Wenn dem auch so ist, so möchte ich doch gleichzeitig
betonen, daß es keinen besonderen Grund gibt, wenigstens
konnten meine Kollegen und Ich keinen besonderen Grund
sehen, irgendwelche Erschütterung In unserer po¬
litischen Situation zu erwarten. Unsere Arbeit war
nie leicht und sie wird noch lange, lange schwer bleiben.
Aber Ich glaube nicht, daß es jetzt eine Kraft In der Welt
gibt, die unsere Arbeit abstellen könnte. Die Zionistcn
müssen sich ein- für allemal von der gewissen Nervosität, die in
einer so verhältnismäßig jungen Bewegung verständlich ist,
befreien, sich diese Nervosität abgewöhnen, und aufhören,
fortwährend darauf zu schauen, was geschehen wird, wenn
hier oder da eine neue Regierung ans Ruder kommen wird.
Eine neue Regierung kann vielleicht In Details, gewisse prak-
tische Maßnahme«, die wir in Palästina treffen wollen,
leichter oder schwerer machen. Sic kann aber Im Prinzip
das Fortschreiten des Aufbaus Palästina nicht hemmen und
nicht hindern. Und wenn z. B. die Regicning der Labour
party in England vielleicht eine etwas freundlichere Atmo¬
sphäre für unsere Tätigkeit geschalten hat, so liegt absolut
kern Orund vor, daß das Ansruderkommcn der konservativen
Regierung uns irgendwie in unserer Arbelt Hören würde. Ith
glaube, man kann mit einer gewissen Berechtigung sagen,
«laß gewisse Momente und gewisse Faktoren in der jetzigen
engUchen Politik vorhanden elnd, welche vielleicht de
Arbeit in Palästina In der nächsten Zukunft begünstlr/en
werden. Waa wcsenUich Ist und was der ausschlaggebende
; t-aktor auch unserer politischen Situation auf Jahre hinaus
Meinen wird, um es wieder in einem einfachen Satz zu sagen,
, »t, daß jedes Schilf, welche« in dem Hafen Jaffa äer
] Haifa einläuft, *
| produktiv« Jüdisch« Immigranten Ina Land
\ ^ R *j, ***** t0 ^ CI ? nichl * « Regierungen der Welt,
? U d ,1 ' ,ic I ,l J Qul "he öffentliche Meinung, hauptsächlich ver-
1 wtwortlich dafür sind wir und wir allein,
j . Da Ich «ine kurze Ucbcrsicht über die politische Situation
i tu geben habe, so kann ich nicht umhin, eine Tatsache zu
i «raeicJwen, welche auf die Herren in der ExekuÜve, sowie
. Y C ,! lC . dcr ff* nzcn zionistischen Bewegung, und
|wlo Ich glaube, auch der jüdischen OeHentllcnkdteine«
. . . ' - '
gewissen Eindruck gemacht hat. Und das Ist der
Bericht der permanenten Mandatskommission,
welche vor sechs Wochen in Genf taste. Zum ersten Male
hat sich eine autoritative Körpcrichaft Im Auftrage des
Völkerbundes eingehend mit der Palästiiufrnge tsiid mit der
Auswirkung des Mnndats in Palästina In den letzten vier
Jahren beschäftigt, Sic kernten den lJericht der Kommission,
und mit allem Respekt und mit der Hoffnung, welche wir
auf den Völkerbund setzen, soll es doch genagt werden, daß
wir mit diesem Bericht unzufrieden sind. Wir Lallen
den Bericht in den wesentlichen Teilen für unzutreffend, für
ein Verkennen der wahren Lage in Palästina. Hier müssen
wir eine Erklämrtg dieser Tatsache suchen. Ich bin frei von
dem Wunsche, midi irgendwie zu verteidigen aus *wcl Grün¬
den: erstens ist hier nicht das Forum, wo meine Verteidigung
geschehen soll, das wird im August oder September 1025* ge¬
schehen, smd zweitens glaube Ich nicht, daß es einer Ver¬
teidigung bedarf. Ca sei aber gesagt, daß diese TaUaelte
des Berichts wieder ein grelles Licht auf die ungeheuren
Schwierigkeiten wirft, unter welchen wir gearbeitet haben.
Meine Damen und Herren, es sei ganz offen gesagt, wenn
der Völkerbund oder irgendeine noch so wohl wollende
Körperschaft unsere zionistische Arbeit und unsere zio¬
nistischen Desiderat», unsere Leitungen In Palästina vom
rein lokalen administrativen Standpunkte zu
behandeln hätte, d. h. wenn der Vfllkcrlmnd sieh das Mandat
Palästinas an sich genau mit derselben Brille ansieht, mit
welcher er irgendein anderes Mandat ansieht, so müssen wir
zugeben, daß aus rein formalen Oründcn, wenn man da»
trockene Wort des Covcrtant und des Vcrsailler Vertrages
liest und die trockenen Formeln des Mandate«, so fallen wir
Juden und wir Zionistcn aus dem rein formalen trockenen
Worte des Mandats heraus. Mit anderen Worten! der ganze
Völkerbund, die ganze Ideologie des Völkerbundes Ist auf¬
gebaut auf gewissen Begriffen von Demokratie, von Selbst¬
bestimmung usw. In diese ohne Kommentar und ohne Ucber-
legung trockenen Begriffe paßt das Jüdische Volk nicht
hinein. Es geschieht uns hier genau so wie es in der Welt
den Juden geschieht: Wir passen sehr oft In den Rahmen,
welchen andere gemacht haben, nicht hinein. Es war eine
Anstrengung seitens des Völkerbundes, diesen Zionismus mit
allen seinen Begriffen in den engen Rahmen der Paragraphen
hineinzupressen. Und der ganze Dualismus des Mandats für
Palästina ist ein Novum in der Wcltpollük, genuu wie der
ganze Aufbau Palästinas ein Novum für die Welt darstellt.
Fafit man die Palästtnafrage als eine lokale Frage luf, so
müssen wir auf Schwierigkeiten stoücn. Faßt man die Pa-
lästinafrage, wie wir sie auffassen, als Versuch, eine große
und schwierige Frage die die Welt belästigt, als
Lösung der Jud:nfrago
auf, so kann auch der Völkerbund diese Lösung mit dem
Paragraphen in Einklang bringen. Und es besteht unsere
Aufgabe von heute darin, dem Völkerbund, der aufgeklärten
europäischen öffentlichen Meinung klar/uiiinihen, einteilt, daß
die Balfour-Deklaration und alles, was darauf folgt, nicht
den hunderttausend Juden Palästinas gegeben ist, «-Jiulcrn den
16 oder 14 Millionen Juden der Welt. Und zweitens, daß
diese hunderttausend Juden Palästinas nichts anderes sind als
Pioniere, die den Weg weisen werden den Millionen,
die nur auf eine Gelegenheit warlcn, nach Palästina zu kommen.
Und daß das Kommen und das Harren ein Recht, ein
Recht des judischen Volkes ist, ein Recht, welches nicht
verjährt ist. Dringt diese Ansicht in den Geist und die
Psyche der aufgeklärten Völker ein, so werden die Schwle-
rigkclten, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben, glaube
ich, kleiner werden. Diese Aufgabe zu vollziehen, ist
wieder unsere Aufgabe und Pflicht.
Unter den vielen Gegnern, die «ich gegen uns rüsten,
nimmt eine hervorragende Stelle eine Gruppe ein, die
unter der Führung des Vatikans
heute gegen den Zionismus und gegen das jüdische Volk in
Palästina vorgeht. Ich bin weit davon entfern», mich hier
auf Irgendwelche Auseinandersetzung mit dem Vatikan ein-
zulassen. Wir verstehen und respektieren die In¬
teressen, welche die katholische Kirche in Palästina besitzt.
Seit Jahren und in der aüeraufrichtigsten und -feierlichsten
Weise erklären wir, und suchen diese Erklärung in Tatsachen
umzusetzen, daß wir Juden an den Heiligen Stätten in Pa-
lästtna desintercssiert sind. Im Ocgentcil, wir haben Jedes
Interesse daran, daß diese Heiligen Stätten, samt ollen Fra¬
gen, die sich daran knüpfen, von der christlichen Welt
verwallet werden nach Gutdünken derjenigen, die eine Auto-
ritat und eine Möglichkeit haben, diese Verwaltung durchzu-
führen. Nichts hätte uns mehr gefreut, alt wenn diese Frage,
die im kleinen Palästina Immer schon zu Streit und Rcl-
bungsflächen Anlaß gab, sei es unter welcher Führung auch
immer, ein für allemal zur Befriedigung der Interessenten
gelöst würde. Aber ich möchte hier einmal aussprcclicn dürfen,
daß es zwischen unserer Tätigkeit und den Interessen der
kaüiollschcn Kirche keine Keldungs- oder Berührungsfläche
gibt. Es gibt nur ein gemeinsames Interesse:
Friede und Ruhe im Lande Paliatlna. Und Ich
glaube, die Zeit ist nicht mehr fern, wo ein solches Ver¬
hältnis hergestellt sein wird. Es gibt cogar Länder in der
Welt, und als ein oolches Land möchte ich Amerika
zitieren, wo die Juden und Katholiken in schönster Freund-
schalt zusammenwirken und -leben. Hoffentlich winl sich
die Zahl «solcher Länder noch, vermehren. Aber gleichzeitig;
müssen wir, und Ich tue das ous Anlaß der Agitation und der
Propaganda, die in letzter Zeit mit besonderer Betonung-
und Schärfe, und manchmal sogar mit. Vergiftung Regen uns
betrieben wird, mich scharf betonen: ein- für allemal muß
endlich verstanden werden, daß wir in Palästina
existieren und existieren wollen, daß wir nach
Palästina aus unserem guten Recht kommen, und daß wir aus
unserem guten Recht ein friedliches und kulturelles und
menschenfreundliches Aufbauwerk schaffen wollen, was, wie
ich glaube, nicht nur zu Nutzen und Ehre des jüdischen
Volkes, sondern zu Nutzen und Ehre des Landes s:ln wird, ein
Aufbauwerk und ein Land, welches für die ganze Kultur-
weit und die Menschheit von Bedeutung ist. Denn die Mensch-
heit braucht heute mehr als Je ein Aufbauwerk, das in
Frieden und Ehren geleistet wird.
Aus dieser etwas kurzen und etwas unsystematischen Dar¬
stellung der Situation, und ich bitte um Verzeihung "dafür,
werden Sie, wie ich glaube und hoffe, dieselben Folgerun¬
gen ziehen, che wir, denen Sic- die Leitung der schweren
—• ■ ... ^ .
zionistischen Geschäfte In dieser sehr schweren Zelt über¬
trugen, gesogen haben: Intensivierung und Ver¬
stärkung der Positionen in Palästina eineicciht,
Intensivierung der Aufklärungsarbeit bei un¬
seren Gegnern und Herbeiführen eines tieferen Ver¬
ständnisses für die Judenfragc «ndeiersdts. Und
wie ich glaube, sind die ersten Schritte in dieser Beziehung,
— und Ich freue mich, daß es die deutschen Zionistcn find,
die zuerst die Initiative ergriffen haben, — die Reorgani¬
sierung oder die
Anpassung der zionistischen Bewegung
an die neuen Verhältnisse, die von uns jetzt mehr fordern;
und verlangen als vor 15 oder 20 Jahren. Um wieder ein
einfaches jüdisches Wort zu gebrauchen: der Zionismus Ist
jetzt Barmlzwah geworden und hat damit schwere Verant¬
wortlichkeit auf sich genommen. Und das verlangt eine
ganz andere Einstellung und ganz andere Organisation, Da,
wie Ich glaube, dies einer der Hauptpunkte Ihrer Beratungen
sein wird, seile ich voraus, daß diese Beratungen dazu
führen werden, Mittel und Wege zu finden, neue Personen,
neue Elemente, neue Kräfte in die Bewegung hineinzubrin¬
gen, und die Organisation straffer zusammenziehen, so daf*
tatsächlich das Lehen des Zionistcn mit seiner Stellung in
der Welt und mit seiner Stellung in Palästina eng verknüpft
wird.
In dieser Richtung ward auch der Schritt getan, den Sie
jetzt, wie ich glaube, gutheißen, und welcher in der Zio¬
nistischen Organisation lange zur Debatte stand, nämlich die
Erweiterung der Jcwlsh Agency.
Dieser engeren Verknüpfung der jüdischen. Peripherie, die sich
um das zionistische Zentrum gruppier», gilt auch meine
nächste Reise nach Amerika, die Ich am 28. Januar antreten
soll; auch sie Ist ein Schritt in der Richtung einer engeren
Verknüpfung der Kreise der dortigen Juden mit dem Aulbau
in Palästina. Wahrsclicinlich haben alle, oder viele von
Ihnen, in den letzten Tagen die Aussprüche führender ameri¬
kanischer Juden, besonders unseres Freundes Louis Mar-
shall, gelesen. Und Ich glaube, wir können hoffnungsvoll
der Aussicht entgegensehen, daß in Amerika, England, Italien,
und wie Ich hoffe auch hier und In anderen Kultur¬
ländern, die Gruppierung der Jcwish Agency vor sich gehen
wird.
Nun noch
clnlgo Worte über Palästina
selbst. Wie gesagt: Ich glaube kaum, daß ich Ihnen in
dieser Beziehung, wie In anderen Beziehungen auch, ctsvas
Neues zu sagen habe. Ich hatte Gelegenheit, vor sechs
oder sieben Wochen, nach einer Pause von ungefähr IS
Monaten, in Palästina zu weilen. Ich versuchte, mir in kurrer
Zeit einen Ucberblick über das in dieser Spanne Zeit Ge¬
leistete zu schaffen, und ungefähr die Tendenzen zu merken,
nach welchen sich unsere Entwicklung dort bewegt. Ich will
mich und Sic nicht damit aufhallen, Ihnen Lobsprüche
über Chaluziim und Chaluzluth zu sagen. Ich
glaube, wir sollten davon am besten zu schweigen beginnen,
denn es ist zu groß für Worte und geht uns zu nahe. Es ist
eine ungeheure Lelstun g in Palästina entstanden, die
uns aus dem Ocblct des Beginnens, der tastenden Versuche,
auf das Ocbict der Realisierung hinübergeführt hat. Es ist in
Palästina vor allen Dingen ein ungeheures Vertrauen in die
Möglichkeit des Landes und in die Möglichkeiten des Volles
zu bemerken. Und c* findet sich In Palästina noch etwas,
und das ist vielleicht das Neue, welche» mir, einem s.ltr
offenen Beobachter, an Palästina aufgefallen Ist: ein viel
natürlicheres und viel unmittelbareres Verhältnis zu unseren
Aulgaben dort. Ich möchte es ungefähr und vielleicht trivial
so schildern: Wenn vor drei oder vier Jahren ein Judz od:r
eine Jüdin eine Kuh molk, so meinten sie, damit einen AM
des Aufbaus des jüdischen Nationalhcims vollbracht zu haoen.
Heute ist «Ine Kuh eine Kuh, die sound-.ov>l Milch
geben muß, je mehr Milch, desto besser. Das Verhalten des
Menschen ru der Kuh bt normal und natürlich geworden, und
das jüdische Nalionalhcim entsteht mittlerweile von selUt.
Dieses unmittelbare Verhältnis zum Lehen, zu dem Objekt,
mit welchem man zu tun hat, zu den Schwierigkeiten, mit
denen man zu ringen hat, ist das verheißungsvollste, was man
in Palästina heute sieht. Man hat aufgehört, darüber zu
klaren, daß in Palastina der Jordan fließt und nicht der Nil,
und'daß in Palästina viele Berge sind und nicht viele Ebenen;
man nimmt die Sachlage wie sie Ist, das jüdische Volk, das
jüdische Land, mit seinen Schwächen und Ocbrechen, srltlet.i-
ten und guten Eigenschaften, und man ist entschlösse;», aus
diesen Gegebenheiten das teste und größte zu machen. Das
hat auch auf die ganze Psychologie der Bevölkerung eine
Wirkung. Die Nervosität, die vor Jahren im Lande ge¬
herrscht hat, Ist geschwunden. Das Warten auf Wunder
hat aufgehört, und damit die schwere Enttäuschung, wenn
diese Wunder ausblieben. Mon hat eine schwere Aufgabe,
man ist sich der Schwere der Aufgabe bewußt, man Ist sich
»I>cr glichzeitig such bewußt, daß man Im jüdischen Volke
gemi™'Kräfte besitzt, um diese Aufgabe zu lösen. Das je'.z ge
Palästina steht unter dem Zeichen der neuen Einwanderung,
einer MasscncinWanderung, die jetzt stattfindet. Es
kommen jetzt im Durchschnitt ungefähr 2000 Menschen im
Monat hm, eine Immigration, die unsere größten Hoffnungen
und Erwartungen übersteigt. Ich will mich nicht Prophe¬
zeiungen hingeben, ob die Absorptionsmöglictikcit des Laaks
Immer In diesem Maße andauern wird. Mau soll am wenigsten
In Palästina ein Prophet zu sein versuchen. Ob also diese
Abr.örplionr.fähk;kclt des Landes andauern wird, darauf eine
Antwort zu geben ist schwer. Aber heute merkt man, daß
mitdem Ansteigender Immigration ein schein¬
bares und vielleicht wirkliches Ansteigen
des Absorptionsvermögens parallel läuft,
mit anderen Worten, daß, wenn ein produktiver Jude
Ins Land hineinkommt, er zwar vielleicht einen Plate besetzt,
er zugleich aber eineinhalb oder zwei Plitza
neu schafft. Und so sieht man die merkwurd'ge Er-
scheinung, und Ich holfe, daß sie nicht vorübergehend Ist,
daß im Dezember 1021, bei so hoher Immigration, die Zahl
der Arbeitslosen In Palästina fast vetsshwunden Ist, währe td
im Dezember 1023, bei einer sehr kleinen Immigration, die
Zahl der Arbeltslosen bis auf zweitausend und darüber stieg.
Sie haben es hier also mit einer ökonomischen Umwälntn,'*
zu tun, die sich vor unseren Augen vollzieht, deren Qesctzc
mir, ich muß es zugeben, verborgen sind, die ich nicht ver¬
stehe, so daß Ich mich nicht für kompetent genug halte.