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Jüdische Korrespondenz.
die Juden Palästina erhalten sollen. Die
jüdisch-sozialistischen Organisationen in Ru߬
land „Poale Zion" und der „Bund" sollen
Aufrufe erlassen haben, in denen sie solche
Kundgebungen als durchaus unzeitgemäß und
kriegshetzend znrückweiscn und ihren zionistischen
Anhängern anempfehlen, sich von jeder
Stellungnahnie oder Aeußerung zugunsten
des englischen Planes bezüglich Palästinas
sernzuhalten."
„Diese Zurückhaltung der sozialistischen
f ionisten in Rußland gegenüber dem falschen
piclc Englands ist sehr weise und zeugt
von gesundem politischen Instinkt. Die Inden
der ganzen Welt tvissen, daß die türkische
Regierung seit Jahrhunderten eine aus¬
gesprochene Sympathie für die Juden in der
Türkei, und zwar nicht bloß für die so¬
genannten spaniolischen Juden, an den Tag
gelegt hat. Niemals hat es in der Türkei
eine antisemitische Politik gegeben. Unter dem
Halbmond genossen die Juden von jeher und
genießen sie besonders seit der Aufrichtung
der jungen Türkei ungeschmälerte politische
und bürgerliche Rechte. Wir erkennen es mit
hoher Befriedigung an, daß die Juden ein
treues und zuverlässiges Element des türkischen
Reiches sind. Die Engländer haben den Zio¬
nismus nur als politische Karte ausgespielt,
um der Türkei Verlegenheiten zu bereiten.
So haben sie beispielsweise das Märchen
durch Reuter verbreiten lassen, als ob die
Türken Jaffa und die umliegende» Ortschaften
von Jerusalem nicht bloß geräumt, sondern
die jüdischen Bewohner grausam mißhandelt
hätten. Kegen diese Verleumdungen Englands
haben die türkischen Juden, obenan der Ober¬
rabbiner der Türkei, in öffentlichen Kund¬
gebungen feierlich Einsprache erhoben. Außer¬
dem haben auch bekanntlich die diplomatischen
Vertreter und Konsuln der neutralen Staaten
ihren Regierungen ausführliche Berichte ge¬
sandt, wonach es sich deutlich herausstellt,
daß all diese Gerüchte vollständig jedes
Grundes entbehren. Die türkischen Juden
haben die Aufmerksamkeit ihrer Glaubens¬
genossen auf der ganzen Erde auf dieses
Falschspiel der Engländer gelenkt. Es bedarf
ja keines geschichtlichen Nachweises, daß die
Engländer niemals etwas für die schönen
Augen der anderen, sondern immer nur in
ihrem eigenen Interesse gehandelt haben. Was
die Engländer den Türken zu Unrecht vor-
warfen, daß sie nämlich Jaffa grausam
evakuiert haben sollen, das vollsühren sie jetzt
in Tat und Wahrheit. Die ganze Bevölkerung
von Jaffa und anderen Orten nm Jerusalem
wurde von den Engländern erbarmungslos
in die Wüste gejagt.
Was Jerusalem selbst betrifft, so wollten
wir Türken diese heiligen Stätten der drei
monotheistischen Religionen den Wechselfällen
des Krieges entziehen. Wir besitzen einen
tiefen Respekt vor diesen geheiligten Orten,
an denen sich die größten Begebenheiten der
drei Religionen abgespielt haben. Wir haben
Jerusalem treu bewacht und behütet. Keine
Reliquie, gleichviel welcher Religion, durfte
angetastet werden. Und was tun die Eng¬
länder? Fliegerbomben zerstören geweihte
Stätten, die den Juden, Christen und Mo¬
hammedanern gleich teuer und unanrührbar
sind. Uebrigens ist noch nicht aller Tage
Abend. Die Waffen haben noch nicht das
letzte Wort gesprochen. Wir werden die Eng¬
länder aus allen ihren Stellungen vertreiben.
Das falsche Spiel der Engländer ist auf¬
gedeckt, während wir die ehrlichen Karten in
der Hand behalten. Die Juden aller Länder
können völlig beruhigt sein. Die Türken sind
die letzten, die die Verdienste der Juden in¬
mitten dieses Weltkrieges verkleinern wollen,
und da sie immer ein treues und loyales
Verhalten erwiesen, besteht nicht das geringste
Hindernis, daß nach Friedensschluß solche
Juden, die von derselben Gesinnung getragen
und belebt sind, wie wir sie in unseren eigenen
Juden kennen und schützen gelernt haben,
willkommene Aufnahme im türkischen Reiche
finden werden."
Ein Sonderberichterstatter der „Vossjschen
Zeitung" in Konstantinopel hatte mit dem
Großwesir Talaat-Pascha eine Unterredung
über die Zionistenfrage in Palästina. Der
Großwefir sagte unter andern,: Wir waren
stets von den besten Gefühlen für unsere
jüdischen Mitbürger beseelt, und die Juden
in unserem Reiche waren uns immer ebenso
lieb wie alle anderen Bürger. Die Türkei
ist ja das einzige Land, das nie eine anti¬
semitische Bewegung gekannt hat, wie sie in
allen anderen Ländern zu finden ist. Bei uns
hat es eine judenfeindliche Bewegung nie
gegeben, die aus die Politik unseres Landes
hätte Einfluß gewinnen können. Die koloni¬
satorische Bewegung der Juden in Palästina
besitze das Wohlwollen der Regierung, er¬
klärte der Staatsmann weiter. Freilich steht
diese auf dem Standpunkt, daß den Juden
keine Vorrechte vor den anderen Bürgern
eingeräumt werden können.
Zu dem Brief Balfours an Lord Roth¬
schild, in dem der englische Minister im
Namen seiner Regierung den Juden eine
nationale Heimstätte in Palästina verspricht,
sagte der Großwesir: Ich bin fest überzeugt,
daß hinter diesem Versprechen nicht einmal
ernste Absichten stecken. Der einzige Zweck
ist der, Sympathien zu gewinnen und die
Juden der ganzen Welt für die Ziele der
Entente einzufangen.
Was die Frage der freien Einwanderung
anlangt, versteht sich von selbst, daß jede
Einwanderung sich in den natürlichen Grenzen
der derzeitigen Aufnahmsfähigkeit bewegen
muß, und es wäre unnatürlich, wenn etwa
mit einenunal Hunderttausende nach Palästina
einwandern würden. Diese könnte das Land
gar nicht ernähren. In der wirtschaftlichen
Entwicklungssreiheit, sagte der türkische Staats¬
mann, haben die Juden in Palästina niemals
eine Beschränkung erfahren; im Gegenteil,
wir wissen das, was in Palästina von den
Juden aus wirtschaftlichem Gebiete geleistet
worden ist, sehr wohl zu schätzen.
Die Frage, ob den Juden in Palästina
eine gewisse Selbständigkeit in der örtlichen
Verwaltung gegeben werden könne, beant¬
wortete der Großwesir dahin: Die Juden
können nur dieselben Rechte genießen, wie
alle anderen Staatsbürger. Aber wir haben
ja bereits in unserer jetzigen Verfassung ein
ziemlich weitgehendes Selbstverwaltungsrecht
der Gemeinden, und in einem neuen Gesetz¬
entwurf, den wir eben jetzt dem Parlament
vorlegen, beabsichtigen wir, hierin noch weiter
zu gehen. Alle Gemeinden von 5000 Ein¬
wohnern und darüber werden das Recht der
Selbstverwaltung haben, und auch die kleineren
jüdischen Gemeinden können stets auf das
Wohlwollen der ottomanischen Regierung
rechnen. _
Antisemitische Propaganda in
England.
Aus dem Haag wird dem „Neuen Wiener
Journal" berichtet:
Die Sorgen, die den Londoner» durch die
Luftangriffe erwachsen, haben die Sensations¬
blätter der Metropole nicht bloß zu anhalten¬
den Ausfällen gegen die Behörden veranlaßt,
sondern haben auch ein neues Agitations¬
mittel geliefert: Die Juden sind schuld an
der Verwirrung, die ans Angst vor Luft¬
angriffen in London Platz gegriffen hat. Die
antisemitische Hetze wird namentlich von den
Evening News mit vollem Behagen betrieben.
Dieses häßliche demagogische Treiben hat von
zwei bezeichnenden Tatsachen seinen Ausgang
genommen. Ganze Familien verbergen sich,
sobald es dunkel zu werden beginnt, in großen
Gebäuden oder vor allem in den Untcrgrund-
stationen, und viele Leute verlassen London.
Es findet ein Auszug nach „the country“
statt, insbesondere nach Plätzen wie Brighton
und Reading, im allgemeinen aber überall¬
hin, wo verwandte oder bekannte Familien
wohnen. Die „Tube"-Stationen füllen sich
jeden Abend mit Müttern und Kindern, die
dort ganze Lager errichten und es den Reisen¬
den unmöglich machen, an die Züge heran¬
zukommen. Es ist nicht leicht, diesen Ansturm
abzulenken, denn jeder kann mit einer Karte
für einen Penny hinuntersteigen. Der Kern
der schwierigen Situation ist in dem Ent¬
schluß der Behörden gelegen, das Publikum
nicht zu warnen, sobald es dunkel geworden
ist. Die Evening News verlangen nun nicht
bloß mit «pott und Drohungen, daß die
Behörden auch bei Finsternis Warnungs¬
zeichen im Falle eines Luftangriffs geben,
sie benutzen die Gelegenheit, um der Legende
Eingang in die Volksmeinung zu verschaffen,
daß die Tausende, die nach Brighton geflohen
sind, „alieiis“ (Fremdlinge) sind. Man weiß,
daß das Wort koroignor für das englische
Ohr einen häßlichen Klang besitzt. Engländer
wollen es zum Beispiel auf sich selbst im
Ausland nicht angewendet wissen. Aber für
die Evening News ist es noch nicht häßlich
genug und sie gebrauchen im Zusammenhänge
mit den Luftangriffen regelmäßig das abscheu¬
liche Wort, das die Kriegsbureaukratie in
Umlauf gebracht hat: alien. Auch die Tausende,
die jeden Abend ihre Zuflucht zu den Unter¬
grundstationen nehmen, sind natürlich alieiw,
wenn man den Evening News glauben will.
Das Blatt weist dann vor allem auf die
Inden im Eastend hin, denen die Jingopresse
wegen ihrer deutschen Namen und ihres
deutschen Jargons schon seit jeher nicht grün
ist, und die, meist aus Rußland stammend,
seit dem Abfall Rußlands von der Entente
nicht sehr populär sind. Die Evening News
haben ihr Möglichstes beigetragen, um die
Volksmenge gegen diese Unglücklichen aufzu¬
hetzen. Die Erfindung, daß sie das Publikum
sind, das vor den Luftangriffen flieht, ist das
Gewagteste, was sich die englische Hetzpresse
auf diesem Gebiete leistet. Wenn sich jemand
einmal zur Abfassung der Geschichte der
gelben Presse niedersetzen wird, schreibt zum
Beispiel der Londoner Korrespondent des
Nieuwe Rotterdamschen Courant, so wird er