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Die landwirtschaftliche Vergangenheit und Zukunft des deutschen Judentums.
Von Dr. Leo Löwen st ein (Licariae).
Vorsitzender des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten.
Seit den Kreuzzügen währt die Zurücksetzung
des deutschen Judentums auf allen Gebieten, tobt
der Kampf gegen uns von den mittelalterlichen
Scheiterhaufen am Rheine bis zu den in diesen
Wochen stattgefundenen nationalsozialistischen Ge¬
walttätigkeiten in Berlin und anderen deutschen
Städten. Vor den Kreuzzügen haben die deutschen
Juden an der Wiege deutscher Kultur im Gebiete
des Rheines und der Donau kräftig für die
Entwicklung derselben mitgesorgt. Das Verhält¬
nis zwischen Juden und Nichtjuden war bis zu
jener verhängnisvollen Zeit in den deutschen Lan¬
den das denkbar beste. Es war jene Zeit, in der
sie von Kaisern und Fürsten geschätzt wurden,
in der z. B. der Bischof von Speyer sie zur
Ansiedlung in diese Stadt zog, um „den Ruhm
von Speyer tausendfältig zu vermehren". Be¬
sonders charakteristisch für den Zustand vor und
nach den Kreuzzügen war der Umstand, daß die
Juden vorher unbehindert Grund und Boden
besaßen und bebauten, während der mit den
Kreuzzügen erwachte Fanatismus und Haß ihnen
dieses Recht nahm und sie aus Jahrhunderte in
das städtische Ghetto sperrte.
Erst im Verlaus des 19. Jahrhunderts gelang
es den deutschen Juden wieder in einigen Ge¬
bieten unseres Vaterlandes zu Landbesitz und
Landbau zu kommen. Aber diese Entwicklung ist
bisher sehr langsam und unvollkommen gewesen.
Während das deutsche Volk in seiner Gesamt¬
heit etwa zur Hälfte landwirtschaftliche Berufe be¬
treibt, ist der jüdische Teil desselben erst zu einem
Prozent in landwirtschaftlichen Berufen. Die Ur¬
sache dieser Entwicklung liegt eben lediglich in
jenem jahrhundertelangen Zwange, nicht aber in
irgend einer Unfähigkeit zu landwirtschaftlichem
Berufe. Nach meinen sehr eingehenden Erfahrun¬
gen sind sogar die wenigen Juden, die in der
Landwirtschaft als Großgrundbesitzer oder Bauern
oder Gärtner hauptberuflich tätig sind, fast ohne
Ausnahme erstklassige Landwirte, die in keiner
Weise hinter ihren nichtjüdischen Berufsgenossen
zurückstehen. Die gegenteiligen antisemitischen Be¬
hauptungen, daß die Juden zur produktiven Land¬
arbeit nicht geeignet seien, haben sich in jeder
Beziehung als unwahr erwiesen.
Es sind nun in einer Reihe von Jahrzehnten
in Deutschland von jüdischer Seite Anstrengungen
gemacht worden, um die deutschen Juden mehr
als bisher zur Landwirtschaft zu bringen. Aus
mehreren Gründen ist der Erfolg dieser Be¬
mühungen leider gering geblieben. Es ist nun
die Frage, ob man auf diesem Gebiete, nachdem
man die bisherigen Fehler erkannt hat, weiter
und nachdrücklicher arbeiten solle oder nicht. Es
ist mir bekannt, daß in manchen Kreisen unesrer
Glaubensgenossen derartige Bemühungen nicht
begrüßt werden. Ganz besonders findet sich dieser
Widerstand in den Reihen der jüdischen gro߬
städtischen Intelligenz. Das ist zwar begreiflich,
aber, wie mir scheint, eine für die Zukunst des
deutschen Judentums recht gefährliche Gedanken-
und Gefühlsrichtung.
Ich will hier gewiß nicht etwa einer Umschich¬
tung des Judentums zur Landwirtschaft usw. das
Wort reden. Es ist selbstverständlich ein Unding,
zu verlangen, daß Juristen oder Mediziner nun
auf einmal zur Landwirtschaft umsatteln sollen.
Was aber unbedingt notwendig ist für den physi¬
schen, sittlichen und nicht zuletzt den staats¬
bürgerlichen Bestand des deutschen Judentums
ist eine stärkere Verankerung desselben im deut¬
schen Boden.
Die physischen und sittlichen Vorteile, die eine
solche stärkere Beteiligung des deutschen Juden¬
tums an der Landwirtschaft diesem bringen würde,
braucht wohl nicht weiter erörtert zu werden.
Walther Rathenau sagt einmal in der „Kritik
der Zeit": „Man züchte nicht Serien von Gro߬
stadtgeschlechtern, sondern befördere den gene¬
rationsweisen Austausch von Stadt und Land."
Alle Rekrutierungsstatistiken haben seit jeher ge¬
zeigt, daß körperlich die Landbevölkerung der
städtischen weit überlegen ist. Auch für das
deutsche Judentum bringt auf die Dauer die
Stadt Degeneration, vor der uns nur Regene¬
ration durch ländlichen Einschlag retten kann.
Es liegt aber hier auch noch ein sehr wichtiges,
unsere staatsbürgerliche Stellung im deutschen
Vaterlande betreffende Moment vor. Wir werden
diese auf die Dauer nicht einmal im heutigen
Umfange austecht erhalten können, wenn wir das
deutsche Judentum nicht mehr als bisher im deut¬
schen Boden verankern. Es ist nun einmal eine
vielfache Erfahrung der Geschichte, daß nicht nur
Völker, sondern auch die einzelnen Schichten und
Teile derselben sich nur dann gleichberechtigt und