Seite
112
(136)
gleichgeachtet mit den anderen halten können,
wenn sie eine entsprechende Verbindung mit dem
Boden haben. Gerade dieses letzte Moment sollte
uns K. C. er, die wir zumeist durch unsere Lebens¬
stellung dem Lande besonders fernstehen, darauf
besonders aufmerksam machen. Wir deutsche Ju¬
den dürfen den Rechtsanspruch auf unseren Anteil
am deutschen Boden, den uns nicht nur der
zahlenmäßige Anteil an der Bevölkerung, son¬
dern auch eine ehrenvolle deutsche Vergangenheit,
unsere Leistungen für Deutschland in Frieden und
Krieg, zuletzt noch das zum Schutz des deutschen
Bodens vergossene Blut von 12 000 jüdischen Ge¬
fallenen gewahrt, nicht verjähren lassen.
Der Fehler der Bestrebungen der letzten Jahr¬
zehnte in Richtung zur Scholle, die übrigens nie¬
mals sehr weitgehend waren, war hauptsächlich
folgender. Es wurden landwirtschaftliche Schulen
begründet, die an sich Hervorragendes leisteten
und noch leisten. Ich nenne hier insbesondere die
unter der ausgezeichneten Leitung Silberbergs in
Ahlem stehende Schule der Simonschen Stiftung.
Ich habe erst vor kurzem den erfrischenden Ein¬
druck einer Besichtigung derselben genießen kön¬
nen. Aber diese Schulen erziehen junge Land¬
wirte und Gärtner, ohne daß man auch für die
weitere landwirtschaftliche Existenz dieser jungen
Menschen sorgt. Es ist jedoch in keinem Berufe
so sehr wie in der Landwirtschaft Selbständigkeit
das unbedingt erstrebenswerte Ziel. Tatsächlich
haben wir heute in Deutschland eine recht beträcht¬
liche Anzahl tüchtiger jüdischer Landwirte und Gärt¬
ner, denen es aus wirtschaftlichen Gründen nicht
möglich ist, die ersehnte selbständige Existenz aus
einer eigenen Bauernwirtschaft oder Gärtnerei
zu erlangen. Dabei sind auch gerade für diese
Personen durch die antisemitischen Strömungen
die Gelegenheeiten zur Anstellung in landwirt¬
schaftlichen Betrieben besonders schwierig.
Für eine praktische Bearbeitung dev Hin¬
lenkung einer in Betracht kommenden . Anzahl
deutscher Juden zur deutschen Scholle ist daher
der Weg vorgezeichnet. Die bisherige landwirt¬
schaftliche Ausbildung in Ahlem usw. muß wie
bisher weitergeführt werden. Dazu muß neu
eine Siedlungsaktion eingeleitet werden,
welche dazu in jeder Beziehung geeignete und
ausgebildete junge -Menschen aus die deutsche
Scholle bringt. Eine solche Siedlungsaktion, wie
sie vor einigen Monaten mit unerwartet günsti¬
gem Erfolg vom Reichsbund jüdischer Front¬
soldaten, der sich dabei an alle jüdischen Organi¬
sationen zu gemeinsamer Arbeit wendet, ein¬
geleitet wurde, erfordert natürlich erhebliche Mit¬
tel, aber auch recht intensive seelische Mitwirkung
aller jüdischen Kreise, wenn sie gelingen soll.
Ganz besonders darf hierbei der jüdische
Akademiker nicht beiseite stehen. Der K.C.
müßte auf Grund seiner ganzen Tendenz eine
solche Aktion in jeder Beziehung mit voller Kraft
fördern. Auf einer unserer letzten Tagungen hat
Ludwig Holländer zu noch größerer Entfaltung
idealer Geistesrichtung gemahnt. Eine solche wird
uns auch auf diesem Gebiete zum Erfolge führen
und damit den Kampf, den der K. C. als seine
Lebensaufgabe betrachtet, siegreich beenden zum
Segen nicht nur des deutschen Judentums, son¬
dern ganz besonders auch des deutschen Vater¬
landes, dem wir hierdurch für ^seinen Aufbau
neue Kräfte geben. ■ . ' "
Verantwortlicher Redakteur: Dr. Hermann Serial, Berlin. — Verlag: Philo-Verlag, Berlin SG 68, Lindenstratze 13.
Druck: D. FeUchenseld. Berlin SW 68.