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Nr. 73
JUEDISCHE RUNDSCHAU
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2a Bcrthold FchvcSs fünlzigsten Geburtstag
Am 11. September dieses Jahres ist Hcrthold Fciwel
i.iif/'? J a,irc alt R cwor ^ c ". r>rcii5ip Jahre war er in der
Zionistischen Organisation leitend tätig und jedem der drei
c Tichictc, i" denen sich die zionistische Bewegung entfaltet,
sn- J, m Gebiete der Kultur, der Wirtschaft und der Politik,
fU- ^ t er den Stempel seiner Persönlichkeit aufgedrückt. Mit
)c ig ; - '•■ \\ Jahren half er Theodor Hcrzl bei der Vorbereitung des
'• f^icn Kongresses. Als ich ihn das erste Mal vor dem
iau- i ^j f£ tc (-i«ch Martin Buber war dabei) tu Berlin traf, wußten
itii- , | )f jjie unerschöpflich aus jener Zeit zu erzählen, ein wahrer
a i i ^.] )n |z von Legenden und Anekdoten aus einer schon mythisch
er ;. \ ', :tt -ordcncn Zeit, der der Sammlung wohl wert wäre. Mit
ich: ; ^ ir (in Bubcr, Lilien und auch Wei/mann zusammen hat dann
" ( ' ' iiiwel, der auch Redakteur der „Welt" war, mehrere Jahre
Ji:- i j„ selbstloser Hingabc sich einer Aufgabe gewidmet, deren
I .inciiwirkeiidc Größe und Bedeutung damals noch nicht voll
. : 1 geschätzt werden konnte. Er hat für Westeuropa und
uc insbesondere für den deutschen Sprachkrcis das begründet,
.V; ■ ' H . 3S man die kulturelle Bewegung des Zionismus, die jüdische
^naissance im Westen nennen kann. Er hat dazu bei-
% reiraccn, das jüdische Schrifttum und die jüdische Kultur
Vc de? Ostens denen zugänglich zu machen, die des Hebräischen
„;..'"''; ..."<} des Jiddischen nicht mächtig waren, und denen die
^oi o ^ enthüllte Welt einer eigenartigen autonomen, jüdischen
Li! 'iuiltur w ' c cmc Offenbarung kam. Er hat als Herausgeber
' ■ lirr „Jungen Harfen" zum ersten Mal jüdische Lyriker und
• : Künstle um den Zionismus als Mittelpunkt vereinigt, er hat
's ,j,-n Indischen Verlag miSbegriindet und geleitet, er hat durch
£ l'ehcrsct/ung von Morris Roscnfeld eine Wirkung cr/iclt,
■1 ji; uns heute bereits historisch anmutet, der von ihm heraus-
! ^ebene Jüdische Almanach war nicht nur für das Wcst-
i Acutum, sondern auch für die deutsche Welt das erste
; ; pokument eines neu erwachten Volkes, er hat gemeinsam
-it Weizmann und Buber zuerst die Idee einer jüdischen
• Hochschule propagiert. Und bis auf das Gebiet der Jugcnd-
rrriclumg ging damals seine alle jungen Keime sorgsam
i !;iun<le Liebe: er war durch einige Jahre Herausgeber der
■■; /disclirift „Jung Israel''.
- Spätere Jahre sahen Fciwcl dann in Deutschland und in
< jer Schweiz auf wirtschafilichcm Gebiet tätig, und als bei
: i Kriegende Wei/mann vor den großen schweren Aufgaben,
'! ,:!(• nach der Balfnurdcklaration vor der Zionistischen Orgari-
i (,-.;ion standen, sich überall nach fähigen Mitarbeitern umsah,
j ;.i!j(c Fciwel seinem Rufe, gab seine Stellung auf, um in
; *v zionistischen Bewegung wiederum seine in den langen
hhren inzwischen gereifte wirtschaftliche und po'itischc Bc-
\ r .i-.igung in den Dienst der Sache zu stellen, der seine Jugend
■ besten Kräfte dargebracht hatte. Seither hat Fciwel
: v.iedcr wie in früheren Tagen eng mit Weizmann zusammen-
• "Arbeitet, seine überragende Klugheit, seine Fähigkeit, ver¬
irren c Beziehungen zu durchschauen und zu ordnen, seine
■ '.'.iiMlicnkennlnis und seine unermüdliche Energie haben ihm
''in einem Stützpunkt der Zionistischen Organisation gemacht.
■ [r hat den Keren Hajcssod geschaffen und durch die
;i schwierigsten Anfangsiahrc sicher zu seiner jetzigen Position
■ ' -riährr. Es war dies keine leichte Aufgabe. Der Keren
■ l!:jessod war bei seiner Gründung unpopulär, den weiten
'hssen unbekannt, von vielen führenden Zionisten befeindet.
Her ältere Schwesterfonds, der Keren Kajcmeth, war seit
lehren überall populär. Die Sammelmittcl des Keren Kajcmeth
~i c.rcn gut eingeführt und dem Juden auch aus seinem sonstigen
j: !ihc;i bekannt: Büchse, Toraspende, Gaben anläßlich freudiger
{ Ereignisse. Der Keren Ha ; essod forderte ct.vas völlig neues:
f t ; *e Steuer für die jüdische Volksgemeinschaft, forderte es
y. mi denselben Menschen, die bereits mit Staats- und Gcmeindc-
v; ■■::(■[!] überlastet waren. Der Keren Kajcmeth hatte eine
: >.r<\ leicht verständliehe Losung: Auslösung des Bodens
Heiligen Lande. Der Keren Hajcssod hatte eine strittige,
'£ '/\hzh verwobene Aufgabe: die Deckung des Palästina-
• r, idgcts, das nicht er bestimmte und nicht er verwaltete,
■■ini och ist es unter der Leitung Fei weis gelungen, in
: a crimen Jahren die Organisation des Keren Hajcssod so
'f\ ^zubauen und so zu befestigen, daß er heute mit immer
'Agenden sicheren Einkommen in allen Ländern der Erde,
i\ ;n Juden wohnen, rechnen kann. Die Oppo«ifion gegen den
'"fcn Hajcssod ist überall geschwunden, die jüdischen Massen
; ^cn von seiner Arbeit und Notwendigkeit, er hat sich
... -rchjTcsct/t.
■ , Aber Fciwcls Tätigkeit war während dieser letzten sechs
; "c nicht auf den Keren Hacjssod allein beschränkt. Er
".'•jn allen wirtschaftlichen und politischen Fragen teils die
.. : -^kutive beraten, teils die Hauptarbeit selbst getan. Dabei
. ."Jt er sich immer im Hintergrunde und ließ anderen den
"-Hm für vieles, was sein Werk war.
Selbst in diesen Jahren angespanntester wirtschaftlicher
. . -I politischer Tätigkeit ist Fciwel den Traditionen seiner
; >cik1 treu geblieben. Er hat sich das Verständnis für alle
^cn, den weiten Blick und eine liebenswürdige Kultiviertheit
< ^«hrt. Er ist in einer Atmosphäre, die oft voll von
j Bindungen und rnciischlichen Unzulänglichkeiten war, ein
; C; :cr Freund und ein Mensch geblieben.
]l HansKohn.
r' t
' i:
Professor Bsnetli siebzig Jahre
^Das Augustlicft der „Monatsschrift für Gc
.;'\ichtc und Wissenschaft des Judentums'
steint als Festnummer zu Ehren Professor Eduard
-, a ^ths, der am 15. August 70 Jahre alt wurde. Prof.
7 : ;^h i;t durch seine wissenschaftlichen Leistungen weit
;.;',uie Grenzen seines Wirkungskreises, der Berliner Hoch-
für die Wissenseliaft des Judentums, bekannt. Die
; '''h-Fc-tnumincr der „Monatsschrift für Geschichte und
', .^n^ehaft des Judentums" enthält neben einer großen
v ,, , c von Abhandlungen, die sich vorwiegend an Fach-
...; llr 'e wenden, mehrere Aufsät/e, die jeden Juden intcr-
/; crc, i- So hat die Darstellung, welche Max Weber,
; npkniiiitc Heidelberger Soziologe, vom Judentun gibt,
;uiiu^tc S Aufsehen crrc«t; insbesondere ist sein Bestreben,
;.',; n wnilichkeiteu des jüdisch-religiösen Lebens aus der
* i cr Juden als „Paria-Volk" zu erklären, auf starke
■v' 1 , c . !1 Rcstoßcn. Nun prüft Prof. Julius Guttinann
-j «»eranzicluing philosophischer, bibclwisscnschaftlicher
„^volkswirtschaftlicher Gesichtspunkte den Standpunkt
.■■'>iJ? u:,d Klangt bei voller Würdigung der wisscn-
: ..^ ""nicn Verdienste, die sich Weber um die Auffassung
• »'Wischen Geschichte erworben hat, bezüglich jener
• ' Anschauung zu abweichenden Ergebnissen. Ein anderer
Y°" Rabbiner Dr. Bäck zeigt in einleuchtender
■■■s^n' NVK: bereits die Midraschlchrer gegen christliche Auf-
'■ü c '|^ c , n anzukämpfen hatten. — Die Mitgliedschaft der
.„ ,j C,, aft für die Wissenschaft des Judentums wird be-
7! ', cl1 durch Einzahlung des Mitgliedsbeitrags von 8 M.
; : '%h Postsc heckkonto Paul Veit Simon, Berlin 7030,
!c h- ! ,; Mitglieder erhalten die Monatsschrift, die in
Marken Heften erscheint, unentgeltlich.
F" ' ^icri. 1925 s, " d nach Jcm von ^ er paläßtiiiciisischen
m •■''tu i^ herausgegebenen „Commercia! Bulletin" 6278
■ i5 gckoa " nd 17ü8 ^fückkcJirendc Einwohner in Palästina
Der 15 Hiiüionen Dollar-Drive
Unmittelbar vor Redaktionsschluß erhalten wir folgende
tclcgraphischc Meldung:
Am 12. und 13. September wurde in Philadelphia
die Kampagne des Joint mit einer Beratung eröffnet. Es
wurde u. a. eine Resolution angenommen, die es als selbst¬
verständlich erklärt, daß die amerikanische
J u d c n h c i t das Werk der jüdischen Siedlung
in Palästina freigebig unterstützt, insbesondere
durch das Medium der „Jcwish Agcncy". Wir werden den
ausführlichen Bericht in der nächsten Nummer nachtragen.
New York. (J. T. A.) Mr. David A. Brown, der
vom Joint Distribution Conimitlcc eingeladen worden ist,
die Kampagne zur Aufbringung von 15 Millionen Dollar für
jüdische Hilfsarbeit zu leiten, hat aTif die Aufrage mehrerer
Persönlichkeiten, warum die P a 1 ä s t i n a - K o 1 o'n i s a t i o n
nicht auch in die Kampagne eingeschlossen ist, folgende
Antwort erteilt:
„Die Kampagne bezweckt nicht allein die Aufbringung
von Geldern für die Kolonisation in Rußland, sondern
sie will Mittel suchen, um auch die jüdische Not in
anderen Ländern lindem'zu helfen. Was die Koloni-
;ition in Palästina betrifft, so verfügt dieselbe über In¬
stitutionen wie Keren Hajcssod und Keren Ka¬
jcmeth, die ganz und gar dem Aufbauwerk dienen.
Ich selbst habe die Zionistische Organisation gestützt und
für die zionistischen Institute geworben. Der Keren Hajcssod
ist ein ständiges Institut. Ocffcntlichc Sarnrnlungen für das¬
selbe werden vielleicht noch zehn Jahre hindurch not¬
wendig sein. Vielleicht einige Jahre mehr. Später werden
sich _ die Einkünfte stabilisieren. P a I ä s t i u a - Ko I on i-
sation ist mehr als eine Lösung des Wirt¬
sc h a f t s p r o b 1 c m s. Hier ist ein Ideal, die
Erfüllung einer z w c i t a u s <• u d j ä h r i g c n Pro¬
phezeiung. Zwischen Palästina-Kolonisation und Kolo¬
nisation in Rußland besteht keine Verwandtschaft.
Ich habe es den zionistischen Führern oft gesagt, es sei
gefährlich für ihre Idee, das Palästina-Aufbauwerk mit
irgendeiner anderen Aufbaulätir.'kcit in Beziehung zu bringen.
Viele behaupten, die Leiter der Kampagne für die
russische Kolonisation gehen mit Absicht darauf hinaus,
der zionhti-chcii Siehe in Amerika zu schaden. Das ist
absolut falsch. Die Führer dieser Kampagne, unter
denen ;:ur!i l\\ zu rechneu bin. opfern Zeit und
Mittel für die P a 1 ä s t i n n - B c w c g u n g. Viele von
uns haben sieh mit der zionistischen Sache verbunden,
mag unser Interesse atreh rein humanitären Zielen gelten.
Es- ist eben so, daß P; I.'i ;(in.i nkht das einzige Judm-
problcm l:?t, e? belebt eine Judeufragc auch in Amerika,
und nicht nur in Palistina und Amerika, sondern auch
in Polen, Rumänien, Deutschland. Oesterreich, Tschecho¬
slowakei, Lettland, Litauen und Rußland. Ich fühle das
am dringendsten, w;il ich während meiner Reisen durch
diese Länder mit den Juden dort in intime Berührung
gekommen bin und ihre Not gesehen habe."
*
New.York. (T. T. A.) Di<! Zentralkomitee der
Zionistischen O ; ;•• ;i n i s a t i o n Amerikas und Jcr
Rat des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses hielten eine g<
meinsamc Sitzung ab, die der Aktion des Joint Distribution
Committee gowidmd war. Fs wurde beschlossen, die Tätig¬
keit des Joint, i.owtlt ;;ie .bieh auf Hilfe und Aufbau bezieht,
zu unterstützen, jedoch das Projekt der „Krim-Koloni
sation" als schädlich zu bekämpfe n.
Das administrative Komitee des Amcr i k a n i sch - J ü -
dischen Kongresses hielt unter dem Vorsitz von Joseph
Barondeß chic Sitzung ab, in der beschlossen wurde, die Frage
der jüdischen Kolonisation in Rußland einer eingehenden und
sachgemäßen Prüfung zu unterziehen, um dann die öffent¬
liche Meinung Amerikas genau informieren zu können. Es
wurde ein Komitee eingesetzt, das aus den Herren Dr, A.
Koralnik, Dr. A. J. Rougy und Karl Shcrman besteht-
Die I^fansiofJ'nnrj le Rußland
Moskau. (J.T. A.) Die Rorjicruiu'skommL.'-'lon tur die
jüdische L a n d an s i cd Inn g in Rußland (Kom/et)
hat an alle untergeordneten Behörden Instruktionen ergehen
lassen, wonach die Angehörigkeit zu irgendeiner zionistischen
Gruppe kein Grund sei für die Nichtzulassung zur
Landansicdlung auf Grund des von der Regierung ge¬
nehmigten Ansicdlungsplans. Sollte sich ein Siedler einer
antisowjetischen Betätigung schuldig machen, so sei er
von der Siedlung nicht auszuschließen, sondern es sei gegen
ihn nach den allgemeinen Gesetzen zu verfahren.
*
Moskau. (J.T. A.) Die Gesellschaft Agro-Joint hat
weitere 400000 Rubel für die Förderung des jüdischen Koloni¬
sationswerkes bereitgestellt Der größere Teil dieser Summe
wird für den Bau von Kolonistenhäusern verwendet werden.
In den jüdischen Kolonien Scdc Menuchah, Jugulctz und
Bcrdifschcw werden im Herbst d. J. Landwirtschaftsschulcn
eröffnet werden.
Eine PrölcsSvsrsanimluEg cegen £a$ Krim-Projekt
Tel-Awiw. (J.T.A.) Ende August wurde im Eden-
Theater zu Tel-Awiw eine Protcstvcrsammhing
ftc^cn den Plan der Judenkolonisation In Rußland abge¬
halten. Nach Ansprachen des Vorsitzenden, Herrn Dan zig,
sowie der Herren Dr. B i n j a m i n und Dr. W o I f g a n g
Wcisl, wurden folgende Beschlüsse angenommen: l. Dcru
Projekt der jüdischen Kolonisation in der Krim muß Wider¬
stand geleistet werden. 2. Die Versammlung sieht in diesem
Projekt eine politische, wirtschaftliche und sittliche Gefahr,
sowie einen Versuch, den P a 1 ä s 11 n a - A u f b a u zu
schädigen. 3. Die Verantwortung trifft eine Gruppe
amerikanischer Notabcln. die sich mit der Sowjctrcgieruug
gegen Palästina verbinden. Auch die Palast in a-
Rcgicruug trifft Schuld, weij sie entgegen dem
Sinne des Mandats, den Juden die versprochenen
Staatsiändcrci,cn vorenthält. 5. Der Zionisten-
kongrc3 wird ersucht, alle Schritte zur Verhinderung des
Planes zu unternehmen und darauf hinzuwirken, daß die
Gelder der Ansicdlung russischer Juden in Palästina zugute
kommen.
(Wir glauben nicht, d.-ȧ derartige Protcslvcrsammluiigcn
und überspitzte Formulierungen — man nennt die l)m-
schichtungsvcrsuchc der russischen Juden eine „sittliche
Gefahr"! — der zionistischen Sache nützen oder auch nur
eine ernste Auseinandersetzung des Probleme« fördern.
Vielmehr könnte durch eine nüchterne und sachliche Prüfung
der Tatsachen die übertriebene Einschätzung des so¬
genannten Krim-Projektes verhindert und so dts Material
gewonnen werden, das wirklich gegen die Joint-Aktion
vorgebracht werden kann. Solitc ein Kampf unvermeidlich
werden, was wir nicht wünschen, dann müßte cr u. E.
mit aller Würde und ohne Demagogie geführt werden.
Rc3. d. „J. R.".)
Slclüffcs Land
Von Dr. S. Lac h m a n n, Bad Landeck.
Wir gewährr n nachstehenden Ausführungen Raun,
ohne uns mit allen ihren Einzelheiten zu identifiziere».
Wir stimmen mit dem Autor in der Auffassung über-
cin, daß von jüdischer Seite nicht der geringste
Anlaß zu einer feindseligen Einstellung der katho¬
lischen Kirche gegenüber dem Aufbau der nationalen
Heimstätte in Palästina gegeben wurde. Andererseits
läßt sich jedoch nicht übersehen, daß die katho¬
lische .Kirche tatsächlich mit (wenn auch ungerecht¬
fertigtem) Mißtrauen das Wachstum des jüdischen Ein¬
flusses in Palästina verfolgt. — Der Artikel gewinnt an
Interesse ange^chis eines Angriffes, den das Or;:.m
des Zentrums, die „Germania", gegen die „Jüd.-
liberale Zeitung" wegen ihrer Bemerkungen über
katholischen Antisemitismus gerichtet hat, — eine
Kontroverse, auf die wir noch zurückkommen werden.
Red.
In der „Vossischen Zeitung" vom 23. August stellt ein
Anonymus im Anschluß au die antisemitischen Vorgänge in
Wien bei Beginn des Zior.i ;tenko;igrcsscs Befrachtungen 'über
die tieferen Ursachen an, die wohl zu einer so opnosi'iionrlleu
Einstellung der Christlichsozialcn Partei und ihres Führers,
des früheren Bundeskanzlers Scipcl, geführt kalve.i könnten,
und er kommt zu dem Schlüsse, es sei nicht der S t a a t s -
mann sondernder Prälat Seipcl, der sich gegm die P.c-
Gtivbuugen des Zionismus auflehne. Auf dem Kampfplatz, um
das Land, das drei Religionen als ihr Ursprungsland heilig
sei, trete neben den Arabern nun auch Rom; die Führer der
Zionisten sollten dieser drohenden internationalen Gefahr bei
Zeiten Rechnung tragen.
Einer solchen Auffassung kann nicht früh und nicht drin¬
gend genug entgegengetreten werden. Gar zu leicht wird
eine so hingeworfene Meinung zum Schlagwort, wird unge¬
prüft und unkritisch übernommen und verbreitet, und nun ist
die ursprünglich nur in der Phantasie drohende Gefahr Wirk¬
lichkeit geworden.
Wer die Geschichte des Zionismus auch nur obenflächiieh
kennt, weiß, daß der Ursprung der heutigen Bcwcgrng nur
in dem Sinne religiös ist, wie eben Religion in jedem, nach
Verwirklichung ringenden • idealen Streben liegt. In diesem
Sinne stellt freilich die zionistische Bewegung cin?n hohen Grau
von Religiosität dar, und dieser religiösen Schwingung ver¬
dankt sie allein den Mut ihrer Bekenner, die unbegrenzte
Opferfrcudigkcit der Chaluzim und Ch.-du/ot, den unerschüiier-
lirhcn Glauben und den unbeugsamen Willen aller Mitkämpfer.
Aber kann eine Religiosität solcher Art jemals religiöse
Empfindungen anderer Menschen als gegnerisch empfinden, be¬
kämpfen, unterdiiickcu wollen? Ist e. aber andererseits auch
nur denkbar, daß Bekenner irgendeiner Religion der Mensch¬
heit von ihrem Standpunkte aus jene Religion der jüdischen
Pioniere als Gefahr für das ihnen selbst Heilige betrachten?
Es i&t wahr: zwei Jahrtausende hindurch haben die Juden
in ihren Gebeten an jedem Morgen und au iedem Abend
zu Gott um Erlösung aus der Gahah, um die Rückkehr
in ihr altes Land, um die •Wiederaufrichtung des Tempels
gefleht. Liegt nun nicht doch die Gefahr nahe, daß die P,e-
siedelung des Landes nur die erste Etappe darstellt, der dann
die Wiedererrichtung des Tempels und wohl auch gar eine
Kampfstellung gegen Andersgläubige folgen wcrd;n? Iis wäre
in der Tat bei der großen Unkenntnis in bezug auf jüdische
Hinge, die leider nicht nur die Fcrncrstcheudeii au f .zi iohuet,
nicht verwunderlich, wenn ciin* solche Argumentation auf¬
tauchte und Anhänger fände. Wer aber auch nur ein wenig
tiefer zu schauen gelernt hat, wird das Fehlerhafte darin sofort
erkennen.
Wenn w r ir die einzelnen Abschnitte in der Geschichte des
jüdischen Volkes charakterisieren wollen, so sprechen wir von
der Zeit des ersten und des zweiten Tempels. So sieht
immer der Tempel in» Mittelpunkte der Betrachtung, und
gar zu leicht wird vergessen, daß es zwar das kultische Zrn-
tiiiiu, aber nicht Ausdruck und Symbol für das wirkliche '..eben
des Volkes gcwcr.cn ist. Mehr und mehr lehrt die historische
Forschung, wie langsam und spät sich eist jene Fülle v,.n
Riten entwickelt hat. die heute manchem al» das Wesen
des Judentums erscheinen, und es ist ganz, sicher, daß in
jenen alten Zeiten die Ausübung religiöser Pflichten in Form
von rituellen Handlungen keinen größeren Umfang- gehabt hat
als heute bei den übrigen Völkern. Immer hat sich der Aiitag
mit seinen Sorgen und Strchungcn sein Recht gefordert. Acker¬
bau und Handwerk waren die Berufe selbst der großen
Gcsetzcslchrcr, und wohl nur an Sabbaten und Festtagen
wurde ein wesentlicher Teil der Zeit auf religiöse D.nge
verwandt. Wenn sich das uns in der Literatur jener Zeit
anders darstellt, so liegt das eben daran, daß nur Schrine»
religiösen Inhalts erhalte» sind, deren Verfasser freilich von
dem Profanen und Alltäglichen höchstens nebenbei und inso¬
weit es für halachischc Probleme in Betracht kommt, erzählen.
Wenn wir aber hören, daß schon nach der Rückkehr aus dem
babylonischen Exil lange Zeit niemand an die Wiederaufrich-
tung des Tempels gedacht hat, bis die Propheten Chugg.ii
und Malcachi sehr energisch darauf bestanden, wen:; wir uns
erinnern, daß Akiba, de» man meist nur als große» Mischua-
Ichrer schätzt, ein ganz großer Politiker gewesen ist, der
nichts Geringeres critrebie als Rom zu Falle zu bringen.
dann werden wir auch die heutige Rückwanderung der Juden
in ihr altes Land nicht mehr ohne Analogie in der Vergangen¬
heit glauben. Heute wie damals, sucht das jüdische Volk, be¬
seelt von Liehe zu seiner Heimaterde, zunächst nichts anderes
als die Rückkehr zu ihr, von der allein es, gleich dem
Riesen Antäus, immer neue Schaffenskraft, immer neue Im¬
pulse gewinnen kann.
Wie aber steht es mit der Wiederaufrichtung de-. Ten;::,...
jenes religiösen Mittelpunktes, der doch nun einmal in der
Ideologie so vieler Jahrhunderte die führende Rolle gespielt
hat? Wird nicht wieder ein Chaggai, ein Malcachi in mo¬
dernem Gewände erstehen, der gebieterisch forden:' wird,
daß mau den alte» Platz für de» Tempel zurückverlange, auf
ihm das alte Heiligtum neu baue?. Nun. wenn vias ni < rl;a.ipt
jemals möglich wäre, so blieben die Deduktionen des An¬
onymus aus der Vossishceu Zeitung nicht minder abwegig.
Denn auf dem Platze des alte» Tempels steh: auch heute
kein christliches, sondern ei» mohammedanisches Heiligtum:
die sogenannte Omarmoschcc. Die Stätten christlicher Ver¬
ehrung dagegen, Nazarcth, Bctlchem, die Grabeskirchc in Jeru¬
salem, evtl. Kapcrnaum, sind i» keinerlei örtlichem Zusammen¬
hange, noch weniger in irgendeiner Konkurrenz, mit Stätten,
die den Juden heilig sein müssen. Aber tatsächlich, ist diese
Frage der Ocrtlichkcii von ganz untergeordneter Bedeutung
denn es besteht weder chic Tendenz noch vor allem auch nur
die entfernteste Möglichkeit, daß ei» Versuch, de» alten Tempel
neu zu bauen, zu irgendwelche» Konflikte» fuhren könnte.
Denn gerade die Frage der Wiederauflichlung des
Heiligtums Ist keine solche, die durch einen Wille», eine Lnt-
schließung heutiger Menschen gelöst oder auch nur in
Augriff genommen werden könnte, und das vor allem nach
den Grundsätzen derjenigen Kreise, die allein eine solche
Frage in den Vordergrund des Wicdcrbesjcdlungsproblems
stellen könnten: der jüdischen Orthodoxie. Denn ganz ab¬
gesehen selbst davon, daß nach, .4cm Glauben dec Orthodoxie