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voll Kraft und Feuer. Jetzt steht also die Entscheidung bei'
der Kammer der Reichsräthe.
— Der Gesetzentwurf über die- staatsbürgerlichen und
bürgerlichen Rechte der israeliriscix-en Staatsange¬
hörigen lautet nach dem Beschlüsse der Kammer der Ab¬
geordneten :
Art. 1« Den israelitischen Staatsangehörigen stehen fortan
im ganzen Umfange des Königreichs bei gleichen Pflichten
auch gleiche staatsbürgerliche (politische) und bürgerliche Rechte
mit dm christlichen Staatsbürgern zu. Art. 2. Vorstehende
Bestimmung, welche die kirchlicher, und Schulverhältrusse der
Israeliten unberührt laßt, soll als ein ergänzender Bestand-
tbeil der Verfaffungsurkunde angesehen werden. Dieselbe tritt
mit dem- Lage der Bekanntmachung in Wirksamkeit und kann
nur in der durch Art. X {. 7 der Verfassungsurkunde vor-
geschrrebemn Weise abgeandert werden. Alle entgegenstehende
Bestimmungen früherer Gesetze und Verordnungen sind auf¬
gehoben. Art. 3. (Transitorische Bestimmung.) Bei Anjüssl'g-
machuiigen der Israeliten in Gemeinden diesseits des Rheins,
in welchen bis jetzt solche nicht ansässig waren,-und in jenen
Gemeinden, in denen sie bisher ansässig waren - über die Zahl
der bis jetzt ansässigen Familien, steht den betreffenden Ge¬
meinden bis zum Erscheinen des revidirten Gemeilid§rdikls
und der revidirten Gesetze über Ansässigmachung und Verehe¬
lichung das Absolut hindernde Widerspruchsrecht zu.
Ntüucherr, 16. Deebr. Wir habenseitdem
Beschlüsse der Abgeordnetenkammer über das Juden-
f iit a 5 tci p ationsgefe tz absichtlich einen Tag oergehen-
lasseii^ mit den erstell Eindruck desselben auf das größere
Publikum kennen zu -lernen. Hier in/München, wo
es zwar nicht an Inden fehlt, /auch nicht an solchen,
die unter dem Schutze irgend einer Firma einen wahr¬
haft gräulichen Geldwucher treiben (ein Geschäft freilich,
das hier auch Christen aller Stände höchst lebhaft be¬
treiben), wird verhättnißmäßig wenig von allen den
Nebeln empfunden, - die mit dem Ansiedelu von Juden
unter Christen für diese Letztem verbunden sein sollen.
Demgemäß sollte man meinen, das hiesige Publikum
werde sich wenig oder gar nicht darum kümmern, ob
die Juden im Lande den Christen gleichgestellt werden
oder nicht, um so welliger, als das fromme München
in keinem Falle fürchten darf, die emaneipirten Israe¬
liten dürsten sich vielleicht mit der Zeit gar des Altars
und des Beichtstuhls bemächtigen. Und doch findet ge¬
rade das Gegeutheil .statt. Jin jndenreichen Franken
und Schwaben — wenn nicht anders durch die Geist¬
lichkeit und durch die sonstigen Elnaneipationsgegner noch
Aufregung hingetragen wird — ist's gewiß mäuschen¬
still gegen hier bei uns, wo kein Mittel nnaugewendet
geblieben ist, das' geeignet sein konnte, die Leidenschaften
anzustachelii. Wohin man mir kolnmt, da kann man
über die unkirchlichc Regierung und über die ketzerische
Kammer schimpfen Heren in einer wahrhaft märzlichen
Ungmirtheit, und selbst an Drohungen ähnlicher Art,
wie sie von einigen frommen Herren auch in der Kam¬
mer geäußert wurden, fehlt es keineswegs. Dieses
Strohfcuer, eben weil es nur ein künstlich angefachtes
ist, wird jedoch voraussichtlich schnell vorübergehen null
um so gewisser vernünftigen Ansichten Platz mache», E
je mehr zuftiedengestellt Diejenigeil silld, welche nich!
vom politischen Parteistandpunkt aus oder in pure,,^
Fanatismus, sondern in gerechter Würdigung der in ]
gemeindlicher Beziehung wirklich gegebenen Bedenke»,;
sich dem - ministeriellen Gesetzentwürfe widersetzt habe,» -
Diese Alle getrosten sich nämlich der guten Hoffnung, j
daß daS revidirte Gemeindcedikt milsamnlt den revidirtc,^
Gesetzen über Verehelichung und Ansässigmachuug scho» -
die nöthige Sorge dafür tragen werde,- daß keiner chrifi-!
lichen Gemeinde die israelitische Mitbevölkerung nbcw
den Kopf wachsen könne, und schon jetzt läßt sich mit \
Bestimmtheit entnehmen, daß ntan vor lauter Eifer, dil^
bairischen Christeligenteinden vor dem Eindringen dciV
Juden sicherzustellen, wieder das Kind mit dem Bat j
ansschntten, nämlich seinen eigenen Angehörigen allig
Vorbedingungen der Ansiedelung rnöglichst erschwere» ß
wird. Eben darum verlangt ja das Volk frit cuiein I
Decennium nach einer Revision der genannten.Gesetze, ß
weil sie zu streng sind; wie soll es erst werden , wen»
das Ein- und Widerspruchsrecht der Gemeinden eine noch
sonverainerc Bedeutung erhalten soll?
München, 16. Deebr. Die Emanclpa-
tipati o ns fra ge hat die seitherige Majorität «ich
nur gänzlich gesprengt, sondern auch eine höchst seind-
selige Stimmung und Gegenüberstellung des rechte»
Centrums mit der Rechten an die Stelle der früher»
Harinonie gesetzt. Die Erbitterung über den Beschluß,
Die Debatte nach der Rede des Grasen Hegnenberg z»
schließen, hat zu höchst stürmischen Scenen im Vorzim¬
mer des Saals, deren ich bereits neulich erwähnte, gc-
führt. Nachklciuge dieser Verstimmung finden sich im
Volksboten und im Münchener Tageblatt, wo ein förm¬
licher Krenzzng gegen die Inden gepredigt und ein Adres-
senstnrm gegen die Emancipation an die Kammer der
Reichsräthe, die allein noch Helsen könne, heraufbeschwo¬
ren wird. Leute, welche die Stimmung Altbcnerns ge¬
nau kennen, versichern übrigens, daß diese fanatischen
Aufforderungen in Felge des Jagdgesetzes wenig Anklang
finden werden. Die Sprache der genannten nt,d anderer
geistesverwandten Blätter übersteigt die Blüthezeit der
radikalen Presse.
Oesterreich.
Wien, 10. Deebr. Berichten aus Prag zu¬
folge wird nun das dortige Ghetto wirklich aushören ju 1
bestehen, und eine Verschmelzng der I ud engem c in dc
mit der christlichen verfassungsmäßig eintreten. Die von
letzterer dazu gestellten Bedingungen erstrecken sich haupt¬
sächlich auf Überlassung der den Inden eigenthümlich
gehörigen Kolnmnnalgebände und auf Entrichtung einer
Einkaufssumme voll 80,000 Fl., wogegen die gleiche
Berechtigung an allen städtischen Armen- und Wohl-
thätigkeitsanstalten eintreten sollte. Die darüber gepflo¬
genen Unterhandlungen haben, wie man vernimmt, das
erwünschte Resultat herbcigeführt. ,
Verlag von C. L. Fritz sch e°
Druck von I. H. Nagel.