Seite
Meraturblatt des Orients.
Berichte, Studien und Kritiken
für
jüdische Geschichte und Literatur.
JW 1 .
Leipzig, dm 5. Januar
185 ».
Inhalt. Studien. Die literarischen Vorlagen des Talmuds. Von Dr. Fürst. — Literarische Miscellen. Zusätze und Er-
ganzungen zu dem Denkmale Maimon Frankels. Von Dr. B. Beer. — Michel Josef Esq. Ein Ehrengedächtniß von L. DukeS.
Die Familie Kimchi. Von L. Dukes. Josef Kimchi. — Kritiken. Kurze Uebersichlen. Zwei Predigten von JrlliritL. Angez.
von Dr. Fürst. — Ankündigungen.
Die
literarischen Vorlagen
des
Talmuds.
j. Fortwirkende Geistesbildung und anhaltende Pflege
der gesittigenden Kultur bilden den urbaren Acker, worauf die
fchn'ftenthümlichen und wissenschaftlichen Erzeugnisse und Ar¬
beiten entweder erstehen und wachsen oder erhalten und be¬
wahrt werden. Die geschichtliche, musternde Darstellung der
literarischen Ergebnisse kann daher nur nach einer gewon¬
nenen Anschauung über die geistige Kultur versucht oder mit
Glück ausgeführt werden. In der jüdischen Literatur¬
geschichte kann e6 natürlich auch nicht anders sein. Die
Anschauung über die Kultur dieses bald einheitlichen bald
zersprengten Volkes, der prüfende Einblick in seine geistigen
Pflanzstätten, in seine Hochschulen und Synagogen, in seine
gesellschaftliche, in den mannigfachsten Bildungöformen sich
kundgebende Geistesbildung, «haben der kunstrichtenden Be¬
schreibung des Schriftcnthums voranzugehen, und von diesem
Grundgedanken geleitet, ließ ich, um eine Geschichte der jüdi¬
schen Literatur in Asien in der Zeit des ersten Jahrtausends
unserer Zeitrechnung geben zu können, eine zusammenhängende,
pragmatische kulturgeschichlliche Darstellung der jüdischen
Hochschulen daselbst vorangehend Die Hochschule zu Ne-
1) Diese kulturgeschichtliche Vorarbeit ist besonders ge¬
druckt u. d. T.: Kultur- und Literaturgeschichte
der Juden in Asien. Aus den Quellen bearbeitet von
Dr. Julius Fürst. Erster Theil. Leipzig, J849, 8 bei W.
Engelmann. Im Verlaufe der weitern Arbeit cirire ich cs
u. d. T.: KuLG« i. —
harde'a mit den dieser sich anschließenden Städten Huzal
Schafjatib, die zeitweiligen .Lehrstätten in Machusa,
Koche, Schakanzib und Schilhi, die Hochschule zu
Pum-Badita und Sora, zu Na re sch ^ und Nehar»
Pekod* und ihre mannigfachen Schicksalswendungen imVer-
2) Naresch oder auch Nirasch war der Ort, wohin
Papa um 354 die Hochschule von Sora verlegt hatte. Ueberdit
geographische Lage des Ortes vermuthet Dukes (rabb. Blu¬
menlese S. 217), daßNaresch nüuNaraisa in dcr Nähe von
Bagdad identisch wäre (Büsching, Geographie 16» T. S.224),
was jedoch mit der Annahme der Chronisten, daß sie in der
Nähe Sora's war, nicht ganz übereinftimmt. Naher bezeich¬
net wird Naresch als in der Nachbarschaft von Be-Biri
oder HJO Sota 10») gelegen, zwischen welchen
viele Hügel und Abschüsse (nh^D oder nmiDI nibyo)
waren und die nahe Reise sehr beschwerlich machten; beide
Städte hat daher schon Rab als solche bezeichnet c'Erubin
56a). In Naresch lebte Huna b. Josua zur Zeit Papa'S
(354) als Rosch-Kalla (Berach. 57 a) und über die Beschwer¬
lichkeit des Wegcs zwischen den briden Städten, die ihn vor
der Zeit alt gemacht, führte er Klage i/Erub. I <v). Eine
andere Stadt in der Nähe von Naresch war Würdonia
'N'OVTW), wo man ebenfalls nur durch Auf- und Nieder-
steigen kommen konnte (Sota !. e.). Für Naresch kommt
übrigens auch „Markt Naresch" (t£nn Npw) vor (Sota
l. t\). Was nun die Einwohner anlangte, ss waren diese
weder in Schrift und Mischna, noch in Gesittung vortbeil-
Haft bekannt und der erwähnte Rosch Kalla rechnete sie da¬
her gar nicht zu den kulruvirten Städten Kidd. 4Vb z
Chullin 127 a). Papa verwünschte sie ganz und gar und
wegen ihrer Gottlosigkeit bildete er den Schristvers nach:
Naresch will nicht das Wort Gottes hören (Chullin !. <\).
Ueber die Verschmitztheit und Listigkeit der Nareschäer
hatte bereits Rab den Reim-Spruch: * Tpp^ hN^I. 3’
TpDD d. h. der Nareschäer, wenn er dich küsset, so-
zähle ja nur deine Zähne nach (Chullin 1. c.), —
3) Wie bei den Bewohnern von Naresch so hat Rab
1