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Studien. Zur neuesten Geschichte der Juden in Mähren.
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Wir glaubten einen großen Lbeil der in unserem religiö¬
sen Gemeinwesen erlebten unerfreulichen Erscheinungen auf
den Umstand als nntwirkende Ursache zurückführen zu müssen,
daß unsere Jugend, sobald sie in höhere Bürgerschulen, Gym¬
nasien oder technische Bildungsanstalten ein treten, sofort dem
eitern Eingehen in das tiefere Heiligthum unserer religiösen
Schriften fremd werden, nach wenigen Jahren selbst die im
Zugendunterrichte gewonnenen religiösen Eindrücke verwischt
sind, und während ihnen alles Hohe und Herrliche im Ge¬
bete des allgemein Menschlichen eröffnet wird, die Eckennt-
niß des Hohen und Herrlichen im jüdischen Gebiete ihnen
verschlossen bleibt.
Wir hielten es daher für äußerst wichtig, diesem Uebel
zu begegnen, und hielten uns verpflichtet, wenigstens an Einem
Orte im Lande, wo die besten und meisten höhern Bildungs¬
anstalten zu finden sind, den jüdischen Schülern derselben auch
Gelegenheit zu einem Fortschreittn im höhern Religionsunter¬
richt zu bieten, und bestimmten daher, daß unsere theologisch-
akademische Anstalt an einem entsprechenden Orte errichtet, und
deren Unterrichtsstunden so vertheilt werden sollen, daß dort
die Schüler der Höhern Bürger-, Real- und technischen Schu¬
len, so wie die des Gymnasiums täglich einen Theil des Un¬
terrichtes in den höhern jüdischen Religionsgegenständen mit-
gemeßen können.
c) Eben so erkannten wir es als heilige Aufgabe, die
künftigen jüdischen Religionsdiener, als Rabbiner, Relkgions-
weiser, Prediger, Lehrer und Vorbeter vollkommen mit der
jüdisch-theologischen Wissenschaft für ihren Beruf auszurüsten
und zugleich die allgemeinste Pflege der Wissenschaft des
Ludenthums anzustreben.
Die Erreichung dieser höchst wichtigen Zwecke hielten
wir nur durch die Errichtung einer eigenen jädisch-theologi-
schen akademischen Anstalt und der entsprechenden talmudi-
schen Borbereitungsklassen (8« 37) möglich.
Die bedeutendste Schwierigkeit, die uns hier zu über¬
winden war, lag in der Ausgabe, einen solchen Weg zu er¬
mitteln, auf welchem unsere künftigen Theologen gleichzeitig
und gleichmäßig gründliche jüdisch-theologische Tüchtigkeit und
allgemeine gelehrte Wissenschaftlikeit erlangen können, ohne
das eine oder das andere Gebiet zu vernachlässigen, und ohne
übermäßige Verlängerung der gewöhnlichen Studienjahre.
Wir bestimmten daher, daß an den Schulen der Bezirks-
orte ein dreijähriger talmudischer Vorbereitungs - Curs, der
übrigens auch mit jeder andern Ortsschule verbunden werden
kann, eröffnet werde; daß die künftigen jüdischen Theologen
überdies noch ein Jahr speziell den talmudischen Studien
unter Leitung des Bezirks-Rabbiners leben und sodann in die
erste Abtheilung der akademischen Anstalt übergehen sollen.
Während des vierjährigen Kursus dieser Abtheilung sollen
dieselben zugleich privatim den Unterricht des Untergymna-
stums daselbst genießen, hierauf in die zweite Abteilung tre¬
ten und während deren ebenfalls vierjährigen Kursus zugleich
dstentlich das Obergymnasium frequentiren; und glauben wir
auf diese Weise hinreichend und zweckmäßig dafür gesorgt zu
haben, daß sodann unsere jungen Theologen jüdisch-theologisch
und allgemein wissenschaftlich genügend vorbereitet in die letzte
akademische Abtheilung treten können, um dort die letzte theo¬
logische Reife zu erlangen.
Die speciellen Lehrpläne für diese Lehranstalten liegen in
ihren Umrissen fertig und werden dem erst zu wählenden
Landessynagogenrathe zur allfälligen Anwendung übergeben
werden.
Wie bei allen Anstalten so auch namentlich bei den Lehr¬
anstalten haben wir uns die Aufgabe gesetzt, mit möglichst
geringen Kosten das möglichst vollkommene Ziel zu erlangen,
so daß selbst in der kleinsten Synagoge das Wesentlichste der
religiösen und bürgerlichen Bildung erreicht werden könne.
Wesentlich wird aber die Ausführung der allgemeinen
ortssynagogalen Lehranstalten durch specielle, für dieselben
verfaßte Lehrbücher und hinlänglich dafür qualificirte Lehrer
bedingt.
Sollten diese Letzter» erst aus der neu zu gründenden
höhern Bildungsanstalt hcrvorgehen, so würde dieses so sehn-
lichst anzustrebende Ziel in eine weite Ferne gerückt werden
müssen.
Wir waren daher bedacht, wo möglich einen Weg aus¬
findig zu machen, auf welchem dieses Ziel wenn gleich nur
annäherungsweise in kürzerer Frist zu erreichen wäre, und
hält der Oberlandesrabbiner, wenn cs ihm gegönnt sein würde,
für Ausarbeitung entsprechender Lehrbücher und die Eröffnung
eines kurzen Lehrkurses für strebsame bildungsfähige Lehrer
die erforderliche Muße und Kräfte zu gewinnen, dieses Ziel
für nicht unerreichbar.
Geraumere Zeit der Reife wird aber jedenfalls die Reor¬
ganisation unserer Schulen fordern, wenn nicht durch verführ¬
tes, unreifes und mangelhaftes Stückwerk diese unsere heilig¬
sten Hoffnungen für alle Zukunft vernichtet werden sollen.
(Motiv k.) Die in den §§• 59—70 enthaltenen Bestim¬
mungen hinsichtlich der Versorgung verschiedener Funktionen
durch Einen synagogalen Angestellten, so wie die Einfüh¬
rung ^es Reiligions-Weiseramtes nJOin mio gingen aus
der mehrerwähnten Rücksicht hervor, eine solche Ordnung der
Verhältnisse zu ermitteln, daß selbst in dem kleinsten Kreise
und mit den verhaltnißmäßig kleinsten MittelNf doch die we¬
sentlichsten Aufgaben der jüdischen Religionslehre ihre gehö¬
rige Lösung finden können. Eine Rücksicht, die bei der mög¬
lich bevorstehenden Gestaltung vieler kleinen und kleinsten
Gemeinden nie aus den Augen verloren werden darf.
Mit diesen Bestimmungen soll keinem jetzt in einer klei¬
nen Gemeinde bereits.Angestellten irgendwie in seinem Titel
oder seiner Würde zu nahe getreten werden.
Eben so wenig in Zukunft auch nur der kleinsten Ge¬
meinde das Recht verkümmert werden, sich Angestellte höhern
Ranges und Anstalten umfassendern Personals zu schaffen,
sobald sie die dafür erforderlichen Mittel haben und verwen-