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XII. Jahrg. °
Prag, -en 16. Juni 1911
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Nr. 12.
Frühling ist in Judäa
Von Michael Sachs/)
Wie die Blum’ auf Meeresgründe
Sich zur Frühlingssonne kehrt,
Also grösst in dieser Stunde,
Land, gerühmt aus Gottes Munde,
Dich dein Enkel, grambeschwert.
Ach, wie mögen deine Hügel
Heut, bekränzt mit Blüten sein.;
Ach, wie mag des Lenzes Flügel
Basans Trift, des Segens Spiegel
Schmücken, und Engeddi's Hain!
Ölbaum, Palm* und Feig' und Myrte
Ziehn sich um des Landmanns Haus,
Und es ruht der müde Hirte,
Den in Schlaf die Taube girrte,
Unter Terebinten aus.
Muntrer Bienen bunte Reigen
Schweigen in dem süssen Kraut,
Dass nun bald von allen Zweigen,
Die von Edensfrucht sich beugen,
Süsser Honig niedertaut
Tau des Himmels, komm hernieder,
Tränke dieses Wunderland!
Reicher Sommer, kehre wieder,
Unterm Schall der Jubellieder .
Fülle dieses Volkes Hand! !
Aber nein, des Landes Schöne
Ist schon längst, schon längst verdorrt,
Seit dem Tag, wo seine Söhne,
Dass der Bosheit Sieg sich kröne,
Rom vertrieb nach West und Nord.
Ach, seit jenem Trauertage
Grünen Jordans Ufer nicht!
Noch betäubt vom Mörderschlage
Wohnet Leid und Totenklage
Auf Judäa's Angesicht.
Wo der Kinder Blut geflossen,
Fliesst nicht Milch und Honig mehr;
Wo, von Räubern ausgeschlossen,
Flieh'n die echten Stammgenossen,
Bleibt das Erbe freudenleer.
*) Geboren 1808 m Glogau, gestorben in Berlin 1864; berühmt ebenso als Gelehrter
wie als Echter und Redner.