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So «sprach die schone Tochter des Königs,
und holder
Von Tränen des Mitleids befeuchtet,
Erglänzte ihr dunkles Auge. Du aber, o Nil,
Hörtest gerührt die sanlte Rede und trugst
die Worte
Leise murmelnd von Land zu Land.
Rasch zogen die Jahre dahin. Das hilflose Kind
War längst zum Knaben geworden, und dieser
zürn Jüngling, .
Der unbekümmert um Lust und Freude,
Die lauten Feste des Hofes fliehend,
Gedankenvoll im Schilf oft saß und träumend
Den Lauf deiner Wogen verfolgte. Heiße
Tränen
Entrollten seinem Aug' und starre Trauer
Wohnte in seinen Blicken; und du, o Nil,
Du kanntest diese Tränen, galten sie doch
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Dem armen gedrückten Volke, dem er ent¬
stammte,
Den geknechteten, entwürdigten Juden!
Du aber lächelst jetzt dieser Tränen: sahst
du ihn doch
In jener dunklen Schreckensnacht
Die jede Erstgeburt getötet,
Einherziehn an der Spitze der jubelnden,
Frohlockenden Juden. Stolz und königlich
Ragte er über die Masse des Volkes,
Drohend blitzte sein Aug* und weithin
Leuchtete seine bleiche Stirn. Vor seinem
Pfade
Floh scheu das wilde Getier der Wüste,
und bebend
Teilte sich zu seinen Füßen das Meer,
Das weite Meer,
Die heilige Macht der Freiheit erkennend.
Marie Gugenie delle Grazie.
Die zwei Wochenabschnitte, welche
an den beiden kommenden Sams¬
tagen ans der heiligen Schrift Vor¬
gelesen werden, erzählen nns in
schlichter Form die Schicksale unseres
Erzvaters Abraham und seiner Frau
Sarah.
Das Wanderleben, welches er im
Lande Kanaan geführt hat, wird
ebenso einfach als unerreichbar schön
geschildert. Er ist kein Held im Sinne
anderer Völker, deren Ahnen zu
Halbgöttern erhoben wurden.
Die heilige Schrift berichtet uns
von ihm, wie edel er dachte und auch
so handelte. Obwohl von götzendiene¬
rischen Eltern im Lande Aram jen¬
seits des Euphrat geboren und in
einer solchen Umgebung erzogen, ge¬
horchte er doch der Stimme, welche
ihm den einzigen allmächtigen Gott
offenbarte und ihm die Lostrennung
von seiner Umgebung befahl.
.Bei Streitfällen bestand er nicht
rechthaberisch, auf seinen Anspruch,
sondern leistete oft Verzicht auf sein
Recht, um in Frieden zu leben. Er
war so gastfreundlich, daß er Wan¬
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derern, die in seine Nähe kamen,
entgegenlief und große Freude daran
fand, sie bewirten zu können.
Für die Sünder in Sodom und
den Nachbarstädten, welche wegen ih¬
rer Härte und Unmenschlichkeit die
Strafe des Himmels auf sich gezogen
haben, flehte er vermittelnd zu dem
Ewigen, daß sie um weniger Ge¬
rechter willen verschont werden mö¬
gen.
Diese und andere menschlich guten
Eigenschaften haben i.hn aus seiner
Umgebung herausgehoben und ihn
seinen Nachkommen zum nachah¬
menswerten Beispiel gesetzt.
Wir, die einst diese Verse Wort
für Wort lesen und verstehen gelernt
haben, erlebten alle die Berichte mit.
Wir wanderten mit ihm, liebten die
einzelnen Personen, die er 'liebte,
auch. Wir sahen den Vater Abraham
bei seinen edlen und guten Handlun¬
gen und erzählten unseren Vätern
am Freitag nachmittag, wo eine all¬
gemeine Prüfung des während der
Woche vorgenommenen Stoffes statt¬
fand, von ihm und von Sarah und