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Seit jenem Tage strahlet wieder
Zum Fest mein Heller Lichterschein,
Und in das treue Kinderherzchen
Gieß Freude ich und Glück hinein.
Ich. Hall- dir, Freund, getreu berichtet.
Was ich bis heut erlebt' und sah.
Doch sage, warum stehst du plötzlich
So in Gedanken finnend da?"
„Ich seh', geheiligte Menorah,
Du hast ein Kinderherz erhellt;
O möchtest du erleuchten einmal
Die Herzen in der ganzen Welt!" Wera Machscheve«, Berliu.
Wieso es km».
- E« hatte wieder mal argen Verdruß
gegeben. Paul wollte bei einer Chanuka-
feter Geige spielen und Mütterchen mochte
so was nicht. Sie war ja so gut und
lieb und einsichtsvoll und kam de» Kin¬
dern stet- mit Verständnis entgegen, aber
für jüdische Feste war sie durchaus nicht
eingenommen. Der Besuch von Tante
Mizzi hatte noch gefehlt!. Daß diese
reiche Dame, die ausgerechnet jedes Viertel-
jahr einmal angefahren kam, gerade heute
kommen und Mutti aufhetzen mußte! Pauls
Stirnadern schwollen noch jetzt bei der
Erinnerung an die ironischen Worte, die
ihn vorhin so in Harnisch gebracht hatten.
Eine Menorah am Fenster! Müsse
mau sich nicht vor den Parteien im
Hause schämen, die entweder Arier oder
moderne Israeliten seien? Neulich hätte
auch schon Erna, Pauls gehorsame
Schwester, bei Tante Mizzi nichts mehr
genießen wollen. Paul hatte die Zähne
zusammengebissen, seinen, Fach ein Büch¬
lein entnommen, in dem er scheinbar
gleichgiltig blätterte und schließlich daS
Zimmer verlassen. Er wußte, daß Tante
Mizzi, die in allem herumschnüffelte, daS
aufgeschlagene Bändchen zur Hand neh¬
men würde und freute sich seines Strei¬
ches. Bald hörte er ihre hohe Stimme
bis auf den Flur hinaus: „Das ist doch
eine jüdische Chuzpe von dem Jungen,
mir so was unter dis Nase zu breiten,
wahrhaftig."
„Chuzpe" war ihr im Zorn entfahren.
Paul lächelte vergnügt. „Natürlich hat
er eS eigens getan, bitte verteidige ihn
nicht. Nun, mich siehst du nicht sobald
in deinem Hause. Du kannst nicht- da¬
für? Ich würde doch sehen, ob ich mir
mit solch einem Buben nicht helfen
könnte! Wozu läßt du ihn überhaupt
heimkommen? Mag er bei seinem Gro߬
vater bleiben, zu dem rr bester paßt.
WaS hat er nur aus Erna gemacht,
diesem vernünftigen, modernen Mädchen,
da« ich bald in die Gesellschaft einzu¬
führen gesinnt war. Kann ich sie heute
mi, ihren verdrehten Ansichten einem
Grafen T oder einer Komtesse A Vör¬
stetten? „Tante, ich bin eine Jüdin!"
sagte sie kürzlich mit einem Stolz, der
geradezu lächerlich erscheint. Ich habe
doch bereit« alles abgestreift und stöhne
unter dem verwünschten Erbteil meiner
Vorfahren; wie wirst erst du zu leiden
haben, wenn dir die Unvernunft deiner
Kinder alle Türen verrammelt. Nun
guten Abend. Fröhliche- Ehanuka!" Noch
ein ironische«. Lachen. Sie war draußen.
„Getaufte und Baldgetanfte. Bon
Beda." las die Mutter und legte dann
rasch da- Büchlein fort. Cs klingelte.
Erna, Pauls ältere Schwester, ein
sechzehnjährige- hübsches Mädchen, trat
ein. Paul folgte ihr. Sie warf einen
raschen Blick auf Mutter und Bruder
und fragte hastig: „Habt Ihr Verdruß
gehabt? Tante Mizzi war hier, nicht?
Da hat sie wieder Kritik geübt, wie?"
Paul sah den kummervollen Zug im
Antlitz der geliebten Mutter und schritt
erregt auf und nieder. „Wozu sie auch
kommt?!" stieß er hervor. „Un- wird
sie nicht in ihre Kreise ziehen, un- nicht!
Widerlich verjudet findet sie un«!"
„Kinder!" ES klang wie ein Wehmf.
Die Geschwister sahen einander an und