Seite
•M 1 - Israelitischer IM•
Lehrer u») Canlor.
Crgctt für die Sefmmattnterefien der israelitischen Cultusbcamtcn.
s Beilage jj»r Jüdischen Presse, l
Heransg,geben von Dr. Hirsch HU»rOü«i«er.
g1|4f!t Lri arUkl: Der Cvtwms eines volksschul-esetze«. — Nur dann! — Lorrefponden,«,. — Inserate.
Per -»tumrf rt«e» Aorkrschakgesetze».
Bo» Dr. nwtl Bldrrfel».
Alt vor wentg mehr al» Jahretfrist der eben damall
eingebrachte Lolkrschulgefttz-Entwurs de« Euliulminifter» v.
Goßler in höhere« Maße vielleicht al» alle die anderen Re-
formgesetze, mit denen zugleich er an da» Parlament gelangte,
die Aufmerksamkeit beschäftigte, da schrieben wie*) im Anschluff«
an unsere Autsührungrn über dasjenige, wa» wir von dem-
selben hoffen dürsten, solgend« Worte:
.Aber sollte» die Erwortunoe». di» vir daran knüpfe«. auch
«dermal» enltinscht werde», so hat doch der Glaub« a» de» Durch-
druch einer endliche» wahrhafte» Gleichberechtigung aller religiöse»
>»scha»»»ge». der unter de» trübe» Erfobnnige» de» letzte» Jahr-
«Hut» nur adjusehr hatte leide» müsse», eine« »nein kräftige» A»-
stoß erhalte», desse» segealreich« Aolge nicht so bald entschwinden wird.-
Unsere Vorhersage hat durch die Ereignisse der letzten
Lage eine ungeahnt« Bestätigung gesunden. Wiederum steht
heute der Entwgrf.»ine» Bolksschulgesetze» skr die Preußisch«
Monarchie im Mittelpunkte de» Interesse»; der Rtitlster,
unter deffen Luspicien derselbe entstand und dem seine Ber»
tretung vor der Oeffentlichkeit obliegt, heißt nicht mehr
Herr». Boßler, sondern »ras v. Zedlitz. Der alte Enlwurs
ist zugleich mit seine» Meister und Herrn von der Btldsläch«
verschwunden und tief einschneidende, prinzipielle Renderungen
bezeichnen diesen Wechsel; aber daljenige, ««raus e» un» an-
kommt, die Behandlung,«elche in dieftr Richtung derGoßler'sche
Entwurf unserem Bekenntnisse, zu Thetl «erden ließ, dürfen
auch in dem Zedlttz'schen sreudtgst «iedergesunden werden.
E» ist derrttt in diese« Blatte daraus hingewtese»
worden, daß in dem springenden Punfte, in Bezug auf die
Krage, ob die jüdische Religion .staatlich anerkannt*, oder
nur .kvnjtsstonir» (geduldet)* ist, der ueue Entwurf eine»
«nlschtedenen Schritt zum Beffereu bezeichnet, tusoftrn er in
seiner.Begründung* autdrücklich die Juden au« de« Begriff«
der »früher sogenannten geduldete» Religtontgesellschasien*
heraushebt und unter den höhere«, der ,vom Staate an»
erkannten* subsumtrt. Die Wichtigkeit, «elche gerade diese
Sätze für unsere Lutsührungeu haben müffen, lassen e» ge-
boten erscheinen, dieselben hier nochmal» folgen zu lasten!
. 8 a» den Begriff der »vom Staate a»erta»»ten- Religion»,
gesellschafte» betrifft, so find hiernnter »ach der geschichtliche» U»t-
Wickelung zu verstehe» einnial die öffentlich ausgenommenen bevor-
rechtete» tnrchengejellschasle», nömlich die evangeltsch« »«d katholische
Kirche, sodan» die «»sgenommenen konzesfionirte» tkircheagesellschaste».
wie die Herrohuier. die dihmische» Brüdergemeinde» und die All-
lilheraner, endlich dle früher soae»a»»te» geduldete» Religiontzgesell-
schäfte», wie die Mennoniteu, Quaker, die Anglikaner u,d die Jude».-
Ohne un» allzulange bet der ftaaMrrchtlichen Haltbarkeit
dieser Autsührungen aushallen zu wollrn, müffen wir doch
auf einen kleinen Jrrthu« in denselben Hinweise«, drffe»
Richtigstellung von nicht zu unterschätzender Bedeutung für
die ganz« Krüge ist. Während nämlich hier dt« Juden und
*) Lehrer und Santa« (BAlage »»« Jlld. Brest«) «r. 1*, 1(M.
Mennontten mit »nglikanern, Baptisten und Quäkern zu-
sammengenannt und ftaatlrechtlich ihnen gleichgestellt werdrn,
^igt die »geschichtliche Entwickelung*, aus welche sich die
״Begründung» autdrücklich beruft, ein ganz andere« Gesicht.
E» kann ketnem Kundigen zweiselhast sein, daß hier un-
mittelbar an da« Reltgton»edtct vom Jahre I78S angeknüpft
wird, deffen Bestimmungen dann im Großen und Ganzen
auch für da» Allg. Preußische Landrecht und, speziell in
Hinsicht auf die Anerkennung der Religton»gesellschasten, auch
für die gelammte spätere Gesetzgebung maßgebenden Einfluß
behielte«. Run heißt e« aber in h 2 de» gen. Edikt»
wörtlich folgendermaßen:
.Die l» »»seren Staate» bither öffentlich geduldete» Sekten find,
außer der jüdischen Ratio», die Herrnhuter. Mennonile» und
die Böhmische Brüdergemeinde, welche »nter landetherrlichcm Schutz
ihre gottesdienstliche» Zusammenkünfte halte» und diese dem Staate
»»schädliche Freiheit serner »»gestört behalten solle». I» der Folge
aber soll unser geistliche» Departement sresp. für Schlesien: die
Krieg», »d Domainen^ianuncr) dafür sorgen, daß »ich« aadere.
der chnstliche» Religio» »»d de« Staate ^fchüdlich« Bonve»«ie»la
unter dem Rame» gottetdienftlicher Bersamml«»ge» gehalten werde»,
durch welche» Mlftä allerlei der Ruhe gesöhrliche Mensche» »nd neue
Lehre» sich Anhänger »nd Proselhte» zu mache» im Kinne haben
Niöchtc». wodurch die Doleranz sehr gemißdrancht werde» würde.»
Eine einfach sinngemäße Interpretation de» ersten Satze«
muß unsere» Erachten» dazu führen, daß — wa» allerding«
bisher noch nie beachtet wurde —in demselben der ,jüdischen
Ration* gegenüber den milgenannten christlichen Sekten ein
gleichsam selbstverständlicher Anspruch aus laude»h«rrltch«n
Schutz «nd Duldung zugesprochen wird. Und damit stimmt
auch di« Tendenz de» betreffenden Edikt», welche» den «e-
danken de» Schutze» aller Bekenntnisse ohne Unterschied und
die Abwehr aller auf Proselptenmacherei gerichteten Be-
stredungen an dt« Spitze stellt, nur zu gut überein. Schwebte
doch bei jenem Erlaffe seine« Urheber Wöllner dt« Furcht
vor einer lleberwucherung de» Judenlhum» sicherlich kaum
mit einem enifernteften Gedanken vor, und galt doch derselbe
hauptsächlich der vekämpsung der von der encyklopädistischen
Schul« »erbreiteten materialistischen Weltanschauung, welch«,
durch Sekttrerei unterstützt, dem Ehrifteuthum, wie überhaupt
jeder positiven Religion gesihrltch zu «erden drohte. Bon
dieser Tendenz legt wahrlich jede Zeile de» vtelgeschmählen
Edikt» Zeugniß ab, und daß damit eine wohlwollende Be-
Handlung der von gleichen Gefahren bedrohten jüdischen
Weltanschauung sich nur zu wohl »erträgt, liegt aus der
Hand. Man betrachtt unter diese« Gesichtlpunklk auch
dt« späteren aurokraltschen und drakonische» Maßregeln gegen
die sogenannten ,Reform*-Bestrebungen im Judenthum der
Zwanziger Jahre unsere» Jahrhundert», und man wird die
Berechtigung dieftr Auffaffung nicht wohl ganz bestreiten
können. Dann ist «» aber htftortsch unrichtig, wie e« dt«
.Begründung* thnt, di« Juden hinter Herrnhutrrn u. s. w.
zurücktreten zu laffen; st« haben vielmehr ״rher mindesten»
die gleich«, wo nicht eine erhöht« ft«at»rechtltche Werth-
schätzung genoffrn.