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folgtiUbtig ist t* auch, wenn «1af Zedlitz auf »rund fein«
Anschauungen (u btm Satze gelangt;
den Reiigionsviiierricht durch einen Lehrer leine» Be-
leaninille» soll zrundsätzlich kein «in» di-ib-n. welch«, eine! vom
Alande anerkannten Retigionvgesetlschafi angehört. . . . Sin» Rinder
ee, schied euer vom Staate anerkannten Beligion»arselllchaften in einer
v-lk»lch»levereinigt, so ist möglichst fOr di- Anz,tz-eigen einer
jeden von ihnen ein desonderer Religio,״unterricht einz».
richten, wenn ihre Zahl fünfzehn übersteigt.*
Die Entscheidung daiüber, welche von di-s-n beiden An-
fchauungen dt« liberalere ist, dürfen wir w»hl ruhig den
Lesern überlasten. Im Folgenden soll die Eimullanfchule ihre
Würdigung finden.
(Fortsetzung folgt.)
Videant consales!
von vr. Gar« Munk in Kerlin.
»Mein erst Befühl fei Preist und Dank!*, so können wir
trotz mancher nüben Erscheinungen der Gegenwart an« vollem
Herzen fprechen, wenn wir au Lu 60 siöolo, beim Austgange
de» Jahrhunderlst, unsere politische und soziale Stellung mit
der bet Beginn d«»felben vergleichen. Welchen Segen danken
so mannigfache Interessensphären der deutschen Judenheit dem
zur Neige gehenden SaeculumI? Vor etwa IVO Jahren
schrieb man in Deutschland über die Würdigkeit der Juden,
al« vollberechtigte Etaattbürger vollen Anthrrl zu nehmen
an den Bestrebungen der Lullur: ״Wir dulden folgerecht
keinen Juden unter unst, denn wie sollten wir Hm den Ln-
theil an der höchsten Luliur vergönnen, deren Ursprung und
Herkommen er verleugnet." Und wer war est, der dieser
״Ueberzeugung", welch« damal« fast alle maßgebenden -reise
Deutschland» theilien, traurige« Andenken mit jenen Worten
verlieh? Ein Goethe, al» er im ״Wilhelm Meister" seinen
Jdealkaat schilderte, der zwar lose Abenteurer zu seinen
ehrenwerthen Bürgern zählt, aber einen Juden al» Mitglied
der Gesellschaft » liwino zurückweist. Gleichzeitig schrieb ein
anderer deutscher Geiftesthero«: ״Ihnen Bürgerrechte zu geben,
dazu sehe ich kein Mittel, al» in einer Nacht ihnen allen
di« Köpfe abzuschnetden und andere auszusetzen, in denen
auch nicht eine jüdische Idee sei." Run, die deutsche Nation
folgte Goethe nicht, fte gab den Juden gegen den blut»
rünsttgen Naih Fichte'« Bürgerrechte, ohne ihnen die Köpfe
abzuschlachlcn; fie wagte den Versuch, ihnen »ntheil an der
7 höchsten Lullur zu vergönnen — und fie hat e» nimmer
bereut. Da» lang ersehnte Beschenk der Gleichstellung, da»
der Judenheit, zwar später al« von Frankreich und Holland,
doch endlich auch von Deutschland dargeboten wurde, war
ihnen kein Danaergeschenk, vielmehr verstanden fie et, dasselbe
voll und ganz zu schätzen und den Gebern zu danken. Mit
Feuereifer weihten ste sich den Pflichten ihrer neuen Stellung,
mit Begeisterung strömten ste zu Echaaren in die Paläste
deutscher Wiffenschast und -unst, au» ihrer Mitte sandte»
si, nicht wenige und nicht die unbedeutendsten Geister in den
Rath der Botktvertreler, ihre commerciellen Bestrebungen
trugen dazu bei, da» Ansrhrn de» deutschen Markt«» zu Heden,
aus den Schlachtfeldern floß auch ihr Blut zum Steg der
deutschen Waffen. Leider hat aber die Revolution aus polittschem
und sozialem Gedlrte auch aus religidsem revolutionär« Ge-
lüfte wachgerusen. Die kostbaren Schätze, nach denen endlich
auch den Unsrtgen zu streben vergönnl war, zeitig!« in breiten
Schuhten Untreue gegen die Blaudrntlehre und ihre Be-
thältgung, ja, nur allzu Biele glaubten, selbst damit der
neuen Aera noch immer nicht Opfer genug dargebracht zu
haben, fie wollten ״ein Vinn und eine Seele" mit den groß,
herzigen Spendern, wollten ״Urgermanen" sein und be-
mühten fich, wa« da» deutsch« Bolk nicht für nöthtg gehalten
Hane, seldstmöiderisch fich ״die Köpf« adzuschlageu und neue
auszusetzen, in denen auch nicht etne jüdische Idee war", fie
vergaßen die Abkunst und fürchteten sich, auch nur Juden ge¬
nannt zu weiden. Da fuhr e» in den achtziger Jahren wie ein
Blitzstrahl au» heitere« Himmel auf die neuen Köpfe hernieder,
und nachdem die erste Betäubung gewichen war, reiste bet
allen Einstchttgen die Erkrnnlniß, daß die vtlbstenihauplung
zwecklo» gewesen, und man Holz» die alten Köpfe au» der
Rumpelkammer heran». Aber wie hatten fie Mittlerweile ge-
Uitenl Wie hohl, wie leer waren ste zum großen Theil geworden I
Wie war di« Kenntniß de« Lehrgehall«, de« Glauben»inhalt»
de» Judeäthum« darau» gewichen! Zwar pulfirte da» jüdische
Herz noch in k,ästigen Schlägen und übte wie in den Tagen
der Vorzeit Großthaten; aber der Seist, da» Wissen, wie
waren, wie find ft» geschwunden, erstorben? ״Gotietglaube,
Lehrthäiigkell und Barmherzigkeit find die Abzeichen Jkrael»;
darum, wen^ der Jstraelit einen «ndertgläubigen findet, der
auf diesen drei Gebieten fich austzeichnet, so suche er seinen
Verkehr, denn jene« Manne« Lharakier ist dem setntgen ver-
wandt." Dieser Lustspruch der Talmudwetsen findet seine
Besläügung in der Geschichte dc» jüdischen Volke«. E« be-
darf nicht erst de» historischen Scharfblick», nicht de» psycho-
logischen Feingisühl«, nicht eingehenden Studium«, um die»
zu ergründen; jede einzelne Periode tn der Schtcksal«solge
unserer Ration läßt e» erkennen, jede« ylatl in den Annalen
unser«»Volke» redet deutlich, baßGo11e«surcht,Lehrthätigkeit und
Barmherzigkeit vereint denHolt und die-rast unsiritStamme»
gebildet. Weöhald wlr da» betonen? Weil, wie ein Philo-
soph unserer Tage l.hrt, ein Bolk nur dann fich erhalten
und eniwickein kann, ״wenn e» aus dem Boden ferner eigenen
Geschichte die Bedingungen und die Keime seiner Entwickelung
sucht. Lin Volk, da« die Lehren seiner Geschichte außer Acht
läßt, giebt fich dem Untergang prei»". Hai auch die jüdische
Gemeinschast ausgehört, ״n Bolk in de» Worte» politischer
Bedeutung zu sein, so gilt doch diese Forderung unadweirlich
auch für fie, wenn ste al« Judenheit lortan bestehen will.
Die Wahl der Mittel aber, welch« heutzutage eine Pflege
der Gottetsurcht und der Lehrthätigkeit ermöglichen, kann nur
dann etne glückliche sein, wenn in erster Linle aus die
natürliche Beanlagung der Gesammtheit wie der Einzelnen
Bedacht genommen wird- Der Jude ist ein Denker. In
den Togen grauer Vorzeit, al« alle Böller ln der Materie ihre
Göttevsuchtrn, hat die tstraelltische^Ilatlon datBanner de» einig-
einzigen Gotte« tn die Lüste geschwungen, der 1r«r Geist Ist. Unter
der Herrschaft de» Halbmonde» wie unter dem Regiment de»
Kren,,» haben zahlreiche der Unsrigen, wann und wo immer
feindliche Tücke ste unversehrt gelaffen hat, mit den vor-
nehmsten Meistern der Wiffenschast um die Palme gerungen.
Ja, selbst in den Jahrhunderten bittersten Drucke«, im Mittel-
alter, waren e« unsere Ahnen, welche tn weit größerer An-
zahl, al« andere freie Nationen, wackere Kämpen in den
Dienst der Geiste»thätigkett stellten. Der Jude hat eben zu allen
Zetten da» Streben empfunden, zu denken, zu erforschen, wa»
itch ihm bietet. Wäre e» auch nicht Gottetgesetz, daß jeder
einzelne die Glaubenslehre ergründe, niemal» hätte ln derJuden-
Herz die Geistlichkeit die Wiffenschast mit demStrmpel thre»P1tvi-
legium« belegen linnen, jeder Jude hätte doch selbst geforscht.
Wenn aber da« Streben nach persönliche^ Stikestsreihett, nach
selbstständigem Denken al» eine Naturanlage der Juden fich
zu allen Zeiten offenbart hat, so ergled« fich für diejenigen,
welche noch ,eiigeniäßen Mitteln forschen, um dem Judenthum den
Weg in di« Herzen seiner Söhne zu ebnen, die Notwendigkeit,
in erster Linie dteser Naiuranlage Rechnung zu tragen. Ste
dürsen nicht vergeffen, daß der Jude der edlen Lbneigung
huldigt, Anderen im blinden Glauben Folge zu leisten,
wo thmSelbstprüseneine eigene Entschließung ermögltcht. Wann
und wo wird nun heute »eleginheu geboten, »en Prachtbau
unserer Religion dt» auf seine Fundamente hinab mit rechtem
Blicke anzuschauen und nach Gebühr zn würdigen, an den Rosen-
blülen am Dornftrauch« unserer Geschicht« Herz und Sinn zu
laden, durch ihren Dust die willentkrast neu zu belebe«? In der
Reltgtontschule? Keine Lehranstalt, auch di« best« nicht, auch
dtejentge nicht, welche ihr, Zöglinge dt« ,um Maturität«.