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No. 1.
Israelitischer
1908 .
Lehrer und Cantor.
Organ für die Gcsamuitinttrcsscn der israelitischen Cnltnsbramten
(Beüage zur Jüdischen Presse.)
Hcrausgegeben von Dr. Hirsch Hildesheimer.
Inhalt: Prüflings-Ordnung für Religions-Lehrer und Lehrerinnen.— Eorrespondenzen. — Rezensionen. — Inserate.
Prüfungs-Ordn««- für Religions-Lehrer
«nd.Lehrerinnen.
Berlin, 4. Januar.
An die ,Bereinigung jüdischer Religionslehrer Berlin*
ist wiederholt die Aufforderung herangetreten, einen Prüfungs-
?lusschuß für jüdische Religionslehrer und -Lehrerinnen zu
bilden. Die Zahl der Lehrpersonen, denen es versagt war,
sich auf normalem Wege durch Besuch eines Seminars die
erforderliche Qualifikation zu erwerben, ist nicht unbeträchtlich.
Für Religions-Lehrerinnen fehlt es gänzlich an einer derart-
igen Anstalt. Allen diesen, die sich durch Privat- oder Selbst-
studium das erforderliche Wisien angeeignet haben, soll die
Prüfungskommission der ,Bereinigung jüdischer Religions-
lehrer Berlin* die Möglichkeit bieten, sich einen Ausweis
über ihre Qualifikation zu verschaffen. Der vor ca. eineinhalb
Zähren entworfene und in mehrfachen Beratungen eingehend
durchgearbeitete Prüfungsplan ist folgender:
Die B o r b e d i n g u n g e n fiir die Zulassung zur
Prüfung sind:
Ter Nachweis a) eines streng-religiösen Lebenswandels
im Geiste des gesetzestrcueu ׳Judentums, unter Anführung
maßgebender Referenzen; d) des Besitzes einer allgemeinen
Bildung, nötigenfalls durch Anfertigung einer schriftlichen
Arbeit über ein zu stellendes Thema.
Die P r ü f u n g selbst ist zunächst eine schriftliche
«Klausurarbeiten) über je ein Thema aus dem Gebiet der
Gebete, der Bibel, der Geschichte und der Religionslehre.
Von dem Ausfall dieser schriftlichen, hängt die Zulassung zur
mündlichen Prüfung ab, die sich auf sämtliche Fächer des
Religionsunterrichtes, einschließlich der allgemeinen Pädagogik,
erstreckt. Hierauf folgt eine praktische Lehrprobe an einer
Religionsschule in Gegenwart der Prüfungs-Kommission.
An Lehrerinnen werden die gleichen Anforderungen ge-
stellt mit Ausnahme der rabbinischen Litteratur, deren Kennt-
ins im Urtert von Lehrerinnen nicht verlangt wird.
Tie Prüfungen finden während der Oster- und der
Wöihnachtsferien in Berlin statt. Die Prüfungs-Kemmission
setzt sich aus vier Herren zusammen, von denen einer in Ge-
bete, Liturgie und Grammatik, einer in Bibel und rabbini-
nischen Fächern, einer in Geschichte und Bibelkunde und einer
in Religiouslehre und Pädagogik prüft. Bei Stimmen-
gleichheit entscheidet der Vorsitzende der Vereinigung.
Gesuche um Zulassnng zur Prüfung, sowie alle An-
fragen sind an den Schriftführer der Vereinigung, Herrn
Direktor Dr. M. H i l d e s h e i m e r-Berlin X. 24, Linien-
straße 111, zu richten.
Die Prüsungsgegen stände bilden:
1. Gebete: Kenntnis des Siddur, der Haggada und leichter
und wesentlicher Teile des Machsor
n. Pentateuch: Kenntnis des Pentateuch und einige Ge-
wandtheit im Lesen von Raschi (Letzteres nur für Lehrer).
HI. Propheten: Tie Haftoroth.
IV. Hagiographen: 1. Psalmen: Außer den Gebets-
Psalmen: Ps. 1, 2, 8, 14, IS, 16, 21, 23, 27, 30, 32, 41, 42, 43,
46, 47, 61, 79, 103, 187, 189.
2. Mischle. 3. Ruth, Klagelieder, Esther.
V. M i s ch n a h : Interpretation einiger Mischna-Traktate
mit der Erklärung des Bertinoro. (Nur für Lehrer.)
VI. Grammatik: Elementare Formenlehre, — Geivandheit
4m Schreiben der Duobrot• und Eurfivschrift.
VII. Geschichte: Genaue Kenntnis der biblischen Geschichte
an der Hand der Bibel und Kenntnis der wichtigsten Parüen aus
der nachbiblischen Geschichte. — Geographie Palästina s.
VIII. Religionslehre: Verständnis des Lehrinhalts
der jüdischen Religion sowohl in ethischer wie in religiöser Be-
Ziehung. Als Lehrbücher werden empfohlen: Stern, Amude
Hagolah und Kizzor Schulchan Aruch.
IX. Bibelkunde: Vertrautheit mit den 24 Büchern der
heiligen Schrift. — Das Wesen des Prophetismus, Charakter der
Psalmen, der Bücher Hiob und Koheleth.
X. Liturgie: Die gottesdienstliche Ordnung des Jahres.
XI. Pädagogik: Die Grundbegriffe der Pädagogik und
Methodik des Unterrichts. Als Leitfaden wird empfohlen :Rein,
.Pädagogik" und H a ß m a n n , ,Erziehungslehre."
Eorrespondenzen.
Bund gesetzeslreuer jüdischer Lernvereine.
Bresla«, 2. Januar. (Eig. Mitt> Anläßlich des
Vereinstages der ,Freien Vereinigung" ist vergangene Woche
in Berlin die Konstituierung eines Verbandes erfolgt, dessen
Wichtigkeit für das gesehestreue Judentum um so weniger
zu unterschätzen ist, als er diejenigen Elemente in!sich zu-
sammenschließt, auf denen unsere ganze Hoffnung ruht, jenen
Teil unserer Glaubensbenassen, denen die Zukunft gehört:
unsere Jugend. Seit vielen Monaten waren die größten-
teils von Berlin aus geleiteten Vorarbeiten im Gange, welche
ein Zusammenfaffen der gesetzestreuen Jugend zu einein
großen Verbände erstrebten. Wohl hatten sich bereits ge-
setzestteue Studenten im ,Bunde jüdischer Akademiker" ver-
einigt, um den Zusammenschluß der akadeinischen Universi-
tätsjngend zur Pflege echt jüdischen Geistes und jüdischer
Wissenschaft zu fördern, allein den übrigen Altersgenossen,
die doch den weitaus größeren TeilUlden, fehlte bisher ein
solches Band, das die Beziehungen Gleichgesinnter enger zu
knüpfen, die religiösen Lebensanschauungen zu stützen und
zu stärken geeignet ist. Daher sind zunächst die verschie-
denen Lernvereine, deren engste Fühlung mit den gesetzes-
treuen jungen Kaufleuten bekannt war, über ihre Stellung
zu einem Bunde der gleichstrebenden Vereine beftagt worden.
Wie vorauszusehen war, wurde von allen Seiten die Grün»
düng-eines deraitigen Verbandes mit Freuden begrüßt. Es
war eine große Summe von Arbeit, der sich der Jsraelittsche
Forbildungs-Verein ,Montefiore" unterzog, als er für dm
24. Dezember die konstituierende Versammlung vorbereitete,
aber der Erfolg blieb nicht aus. Nicht wmiger als zwei»
undzwanzig Vereine hatten Delegierte mtsandt, und
zwar: Der ,Montefiore-Verein* in Berlin, die ,Mekor-
Chajim-Vereine* in Hamburg, München und Leipzig, der
.Machsike-Thora* in Breslau, die ,Talmud-Thora-Vereine'
in Köln und Zürich, der ,Tiphereth-Bachurim" in Frankfurt,
,Chewrath-Bachurim" in Nümberg, ״jkium-Emuno" in
Straßburg,der ״JüdischeJugendbund" in Basel,Idie ,,Chinuch-
Neorim-Vereine" in Karlsruhe und Jchenhausen, der ״Le»
schaun Limmudim" in Posen, die, ,Haschkomoh-Chewrah" in
Lübeck, der ״Behrendt-Lehmann-Verein" in Halberstadt und
der ,,Ez Chajim-Verein" in Kitzingm. Schriftlich hattm
ihrm Betritt zu dem zu begründenden Verbände der ״Mekor-
,Chajim-Verein* in Fraickfurt, der ,Aurach-Chajim* in Würz-
bürg und Fulda, der , Ohawe-Thora-Verein' in Fürth und
der ,Tiferech Bachurim-Asrein" in Memel erkläck, sodatz von