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Zentrum der islamitischen Welt gestalten. Als Endziel seiner
Pol Hä schwebt Sun wohl die Errichtung einet kräftigen Kali¬
fats in Jerusalem vor. Die Richtung d i ese» politischen Macht¬
strebens geht in erster Linie nicht auf eine staatlich« Ver¬
einigung aller Mo tim — «r findet tick zum Bei ^is l mit dir
RoUsittt* dis Mostim als Miaderheitselement in der britischen
Polltft in Indien spielen, sehr gut ab- Aus diesem Gesichts¬
punkt ist ein kräftiger und einheitlich geführter arabischer
Föderativer Staat der auf weltlicher Grundlage gebildet werden
und dem Vorbild Mustafa Kemels in der Türkei folgen kann,
nicht besonders erwünscht. Obwohl diese Richtung keinesfalls
nur ah» Werkzeug einer britischen Politik angetanen werden
darf, hat als viel mehr Anknüpfungspunkte an britische Richt¬
linien. sie man im allgemeinen senkt. Die Errichtung eines
kirchenpolitischen islamischen Zentrums in einer britischen
Provinz liegt auf der Ebene bestimmter englisch-imperia¬
listischer Vorstellungen. — England wäre nicht abgeneigt, die
politische Energie der jungen arabischen Generation, die auf
das Ziel ainer staatlichen Emanzipation gerichtet ist, auf diese
Verstellungsweit ab? »lenken. Die Ernennung Emin e!
Husseinis durch den High CommiwMioer zum Grodmufti von^
Jerusalem (1922) gegen die Meinung des damaligen moslemi¬
schen Rates, dürfte wohl kein Zufall asm- Dis Zulassung, die
Zoamlhensetstfng und die politische Tendenz der moslemischen
-Vslf'-Konfsranz ia Jerusalem vor zwei Jahren kann di aas
Annahme nur verstärken.
Ein Bündnis mit diesem Kreis ist sowohl für uns Zionisten
ah auch für den Partner nicht denkbar, weil die angebliche
Verteidigung der Manischen Heiligtümer in Jerusalem vor
der J«Ungefähr die Grundlage der religionspoHtischen Propa¬
ganda des Mufti in allen Landern des Orients bildet. Der
Mufti von Jerusalem ist durch die Unruhen von 1929 grob und
bekannt geworden (die zionistisch« Presse ha an der Ver¬
breitung seines Ruhmes nicht wenig mitgearbeiiet). Der Grob-
muftf braucht wohl für seine Pläne eine bestimmte — sehr be¬
schränkte — jüdische Einwenderung (such sonst hat er manche
Berührungspunkte mit dar britischen Politik), aber er braucht
«*e als sh »e rindig» B egü ti g ung setses Argmoents. «lab die
Heiligtümer des Iwsms ob unterbrochen durch eine jüdische
Invasion bedroht werden, und dab nur durch einen Zusammen-
echiub der moslemischen Welt um Jerusalem dieser Gefahr zu
begegnen ssi
in aller kurze
Da r fast ad t Das Staat sp r a easnu gibt bekannt: „Da
27jlhrige jüdische Kaufmann Wili Bondorf aus Ober-Rnmstadt
wurde zum Schutte semer eigenen Person am 11. April dam
StaattpoKxeigeftngnis n^efuhrt, weg er mit der 17 jährige«
Deutschen Emma Katharina Kehr aus Ober-Ramstadt ge¬
schlechtlich verkehrt hatte. Der Name der Kehr wird d esh a l b
veröffentlicht weil sie dem Begehren des Juden keinerlei Wi¬
derstand <*ntgegensetzte und damit ihre PflldUvergessenheit
gegenüber ihrer Rasse zum Ausdruck brachte.“
*
Berlin. Der „Reichsverband Deutscher Handelsvertreter
und Geschäftsreisender (RDHG) e. V “, zu dem sich der „Bund
Nationalsozialistischer Handelsvertreter“, der „Centralverband
Deutscher HarfdelsvertreSsTvereine“ und der „Verband reisen¬
der KnuOeute Deutschlands“ zummmengeschloaaen haben, teilt
den bisherigen Mitgliedern dieser drei Organisationen in einem
Riotdachreiben unter $ X Ziffer 1 seiner Satzung mit, dab ihre
Eingliederung in den „RDHG“ „unter der ausdrücklichen Vor¬
aussetzung erfolgt, daß sie arischer Abstammung sind“.
Berlin. Nach Verhandlungen zwischen deutschen und
österreichischen Filmherstellern haben sch diese bereit erklärt,
in deutschsprachigen Filmen jüdische Sc h auspieler nicht mehr
zuzulasaen. Sie zörwwn nur noch in den wenigen fremd¬
sprachigen österreichischen Filmen auf treten.
Das Krefelder Stadttheater gibt sog. Groschenkarten
aus, die wenig bemittelten Beziehern erhebliche Preisermäßi¬
gungen gewähren. In den Richtlinien der Theaterverwaltung
für die Spielzeit 19.14—35 wird als Vorbedmgung für «he Preis-
ermäbigung gefordert: „Der Antragsteller mub arischer Ab¬
stammung asm.“
In Stettin wurde am 11. Aoril die jüdische Schule der
Stettiner Synagogen*esneinde eröffnet, und eine jüdische Ge¬
nossenschaftsbank „Iwria" gegründet, zu «Jeren Geschäftsführern
die Herren Welcher und Brandt bestellt worden sind.
3. Die zukunftsreichste Strömung unter den heutigen pe-
lüstinenstsdken Arabern ist woM die I s t a k I a i-Gruppe (als
ihre Vertreter sind im Ausland besonders Auni-Abdul Chadi
und Hamdi a| Husejni bekennt). Wenn diese Gruppe auch vor¬
läufig unter der älteren arabischen Generation zahlenmäßig
nicht stark vertreten ist, übt sie euf die jüngere Schicht doch
einen starken Rsiz aus. Die Gestaltung der fetzten Unruhen
in Palästina ist wahrscheinlich auf ihr Drängen und auf ihre
Organ isationskunot zurückzuführen. Obwohl diese Gruppe bei
DurrhechnittazioniaQsn für eine hoffnungslos „radikale' gilt,
MN der man sich «mter keinen Umständen an einen gemein¬
samen Tisch setzen kann, ist sie eigentlich die einzige, die eis
Kontrahent einer jOdhch-arabischen Verständtgurur auf arabi-
jüdhch-arabischen VeTStärvdigurg auf arabi-
...r Seite in Frage käme. Die politischen B eg ebungen dieser
Grupp« gehen über die Grenzen Palästinas hinaus. Zum Unter -
s ch isd vom Mufti-Kr eia ist ihr Ziel ausgesprochen staats-
politisch. Sie etstrAt einen groben föderativen arabischen
5*aat, der Irak, Syrien, Tiansioraanien und Palästina «mfasacn
aplL Wenn sich in dirsrm Kreis manchmal allerlei politische
Schwärmereien über ejn Reich vom NO bis Womul und von
Ari en bis Aleppo bemerkbar machen so ist doch das reel-
Politiache Ziel dieser arabischen Unabhängigkkitspartei durch
die offervmchtbchen Tatsachee beschränkt, daß die ägyptische
Nation sich aus der arabische» Weh haausen (wickelt hat und
die Halbinari Arabien für eine Verbindung mit den Küsten¬
ländern auf lange Sicht nicht h Frage kommt
Die btaklal-Partei ist wofel der Anfang einet unab¬
hängigen arshierhin Politik. Wader ihr Ziel — ein selbstän¬
diger föderativer arabis che r Staat — noch ihre Taktik sind
organisch mit besamen europäischen Staat ver-
banden. Sb tat eis Kon, aa» dem noch ■tticßt. auch für die
Bgihifei selbst, unerwartete T k ocht raffen wird.
Ist das Ziel der arabischen llnabhängigkettsbewegiinp mit
unseren zionistischen Bestrebungen zu vereinen? Vom Stand¬
punkt des Wünschenswerten gesehen könnte ein jüdisches Pa¬
lästina innerhalb einer grobes arabischen Föderation auch
unser Ziel werden. Es ist. wahrscheinlich, das letzte Ziel jeder
ernsten zionistischen Außenpolitik. Sowohl wirtschaftliche, als
auch politische und strategische Motive sprechen dafür.
Wirtschaftlich gesehen, braucht das jüdische Palästina,
insbesondere die aufkommende jüdische Industrie, einen Markt
für ihre Produkte. Als Markt kann naturgemäß das kleine
Palästina nidu genügen. Die europäischen Länder kommen
für unsere I n dustrieprodukte aus allzu verständlichen Gründen
kaum in Frage. Die wichtigste Hoffnung ist der benachbarte,
zu neuem wirtschaftticken Leben erwachende Orient. Das
pefestincnamch-syrisch« Zollabkommen, das einer Zollunion
ähnlich ist, ist ein großer Segen für das Land. Die Erweiterung
dieser Zollunion auf den Irak und ihre Sichenmg durch eine
politische Einheit Ist für die Weiterentwicklung einer jüdischen
Industrie auf lange Sicht unerläßlich.
Politisch gesehen kann wahrscheinlich nur eine jüdisch¬
er abiache Föderation das psychologisch so heikle Problem von
Mehrheit»- und Mmderheitsvolk in Palästina einer tragbaren
Löaung näherbringen. Da* Einbeziehen Palästina« in einen
großen föderativen Staatenbund, in dem die Araber auf lange
Sicht die Mehrheit haken werden, wird es don arabischen
Nationalismus und dem palästinensischen Araber innerlich und
politisch ermöglichen, ach mit einer Minderheitsatellung inner¬
halb Palästinaa. die die notwendige Folge des jüdischen Na¬
tionalheims sein muß. abzufinden. Die organisch-föderative
Verbindung Palästinas in wirtschaftlicher als auch in politischer
Hinsicht mit einer große n arabischen Föderation, wird die pa-
lästinefttischen Araber nicht nur ethisch, sondern auch macht¬
politisch von irgendeiner eventuellen Zurücksetzung von seiten
einer jüdischen Mehrheit sichern. Wie schon manche An¬
zeichen besagen, ist es einer arabischen Emanzipations¬
bewegung, deren Ziel die Bildung eines großen föderativen
Staates ist, riet leichter mit dem Zionismus zu einem Einver¬
ständnis zu kommen, als einer spezifisch palästinen-
s i s c h-arabtschen Bewegung, deren Horizont auf da, pa¬
lästinensisch-arabische Problem verengt ist.
Auf weite Sicht ist eine mit einem Autonomen Palästina
verbundene arabische Föderativ« eine viel größere Sicherung
gegenüber dem ständigen Gefahren quell aus der Wüste, als
eine noch so starke europäische imperialistische Macht. Je
größer der jüdische Jischuw im Lande wird, je mehr seine
wirtschaftliche und kulturellen Potenzen eine unabhängige
pol iti sc h e Sicherung fordern, desto klarer wird sich zeigen, daß
diese Sicherung nur auf Grund einer Verbindung mit dem
Volke zustande kommen kann, mit dem wir durch eine natür¬
liche Nachbarschaft verbunden sind.
Di« jüdische Bcwölkeraag in Erez
Jisrael auf 22 Prozent gestiegen
Wie aus soeben veröffentlichten amtlichen Statistiken her¬
vorgeht, ist der Anteil der jüdischen Bevölkerung Palästinas an
der Geaamtbevölkerung ira Laufe des Jahres 1933 auf volle
22 Prozent gestieg e n. Ungeachtet der Hindernisse, die die Pa¬
lästina egieumg der jüdisdfen Einwanderung bereitet, wurden
im Jahre 1933 3# 327 jüdische Neuem W a nder e r registriert. Die
jüdische Bevöftarwg Palästinas zählt jetzt 245 NO Seelen.
Ueber 15000 jüdische Neueinwanderer haben iro Verlaid des
letzten Jahres Arbeit auf verschiedenen Gebieten gefumfen. ln
industrielle Betriebe wurden 4000 Arbeiter neu eingereiht.
Ebenso viele haben bei Bauarbeiten Beschäftigung gefunden,
gegen 3000 Arbeiter ha die Landwirtschaft aufgenommen.
Berlin. Der Preußische Unter richtsminister hat am
7. April 1934 an die zuständigen Behörden einen neuen Erlaß
zur Durchführung des Gesetzes gegen die Lieberfüllung deut¬
scher Schulen und Hochschulen gerichtet, in welchem es heißt:'
Gleichzeitig mache ich darauf aufmerksam, «laß die zur
Ausführung des Reichs*esetzes gegen die Ueberfüllung deut¬
scher Schulen und Hocnschulen ergangenen Erlasse betreffend
die Aufnahme von Nichtariern in höhere und mittlere Schulen
selbstverständlich auch fernerhin, und zwar sowohl für öffent¬
liche wie für private Anstalten in Geltung bleiben. Zur wei¬
teren Durchführung des genannten Gesetzes bestimme ich so¬
dann, daß auch bei der Neuaufnahme von Nichtariern, die den
Beschränkungen des Gesetzes vom 25. April 1933 unterworfen
sind, die Abstammung angemessene Berücksichtigung zu finden
hat. Unter den Anmeldungen ist, so weh die hinreichende Be¬
gabung für einen erfolgreichen Besuch einer höheren oder
mittleren Lehranstalt anzuerkennen ist, den Nichtariem mit
nach gewi ese nem arischen Blut ein schlag der Vorzug vor Nicht¬
ariem und den Kindern aus seit längerer Zeit in Deutschland
angesessenen Familien der Vorzug vor «len Kindern erst seit
kurzer Zeit, insbesondere seit 1914 eingewanderter nichtariocher
Familien zugeben, ich gebe der Erwartung Ausdruck, daß die
Anstaltsleiter in sachgemäßer Anwendung der hiermit gegebe¬
nen Richtlinie» dafür Sorge tragen, daß von den Anmeldungen
der unter die Beschränkung de« Gesetzes fallenden Nichtarier
in erster Linie diejenigen Berücksichtigung finden, denen vom
Standpunkt einer im nationalsozialistischen Geste geführten
Gemeinschaftserziehung die verhältnismäßig geringsten Beden¬
kest entgeffenstehen. Dabei iss darauf zu achten, aaß dort, wo
die ZaiJ der ngemehtilen antnahmareifen. Schjjer größer eis
die Zahl der verfügbaren Plätze Ist, Kinder r arischer Abstam¬
mung auf keinen Fall hinter solchen nichtarischer Abstammung
zurückgesetzt werden. Zum Besuche der höheren und mittleren
Lehranstalt geeignete Kinder arischer Abstammung verdienen
vielmehr den Vorzug bei der Aufnahme, selbst wenn dann die
Zahl der zur Aufnahme kommenden Nichtarier hinter der Ver¬
hältniszahl Zurückbleiben sollte.
Jerusalem. Die Gesamtsumme der Depositen, die in
Palästina’-Banken hinterlegt sind, beträgt jetzt nicht weniger als
zehn Mittionen Pfund und übersteigt die von Ende 1932 um
das Doppelte. Es handelt sich hier um Gelder, die noch nicht
in die palästinensische Wirtschaft investiert sind und die als
Reserve für zukünftige wwtschafthche Betätigung anzusehen
sind Der starke Zufluß von Barkapital bringt es mit sich, «laß
die Banken nicht in der Lege sind, für diese brachliegenden
Gelder Zinsen zu zahlen.
' Jerusalem. In einer soeben veröffentlichten, vom
High Commissoner Sir Arthur Wauchope Unterzeichneten Ver¬
ordnung wird für Palästina der Mieterschutz emgeführt. Die
Veronkuing sieht s owohl eine Einschränkung des Kündigungs-
r echt es der Ha us w ir t, als auch die F estse t z ung von Höchst¬
mieten vor. A3s Grundsatz wird festgelegli daß die Miete für
ein Zimmer IV» Pfund monatlich nicht übersteigen darf, wäh-
rerul jetzt für ein Zimmer vielfach 4—5 Pfund Miete gefordert
werden. Von der P til äs tina-Regsenmg wird ein Mieten-Kom-
missar bestimmt, der in Streitfällen zwischen Mietern und Ver¬
mietern die Entscheidung ru treffen hat. Gegen die Entschei¬
dung des Mieten-Kommissars steht den Parteien ein Berufungs¬
recht an einen zu bildenden besonderen Mietgerichtshof inner¬
halb von zwei Wocften nach der Entscheidung des Kommissars
zu. Die neue Verordnung ist dazu bestimmt, ein Ueberhend-
nehmen des Mietwuchers und der Häuserspekulation in Pa¬
lästina zu verhindern.
Gemeindekonfllkt in Dresden durch
Schiedsspruch der Reichsvertretung
entschieden
Innerhalb der Gemeinde Dresden war in den letzten
Wochen ein Verfasswngsstrnt ausgebrocherx der in seinem
Kern über den Dresdener Fall hinaus von Bedeutung ist. Die
Gemeinde stand vor der Neuwahl ihrer Gemeindevertretung
(Gemeinderat). De Verhandlungen über die Aufstellung einer
Einheitoliste nicht zum Ziele führten, glaubte der Gemeindevor¬
stand. einen Wahlkampf dadurch vermeiden zu müssen, daß er
„unter vorübergehender Außerkraftsetzung entgegenstehender
Bestimmungen der Setzungen" die Mitglieder des neuen Ge¬
meinderats von sich aus oeri^f. Diese Berufung ist im Ge¬
meindevorstand einstimmig unter Mitwirkung der Vorstands¬
mitglieder aller Parteieinrichtungen erfolgt. Gegen diese Ma߬
nahmen des Gemeindevorstandes haben einige Organisationen
der Dresdener Gemeinde entschieden Widerspruch erhoben.
Sie machten dabei sehr wesentlich grundsätzliche Bedenken da¬
gegen geltend, «laß unter Außerachtlassung der Gemeindevrr-
lassung die Geroeindetretung vom Gemeindevorstand be¬
rufen werde. Um eine Lösung zu finden, die eine Befriedung
der Gemeinde ermöglicht, haben sowohl der Gemeinde vor stand
wie die Hauptopponentin, die Jüdische Volkspartei, die Reichs¬
vertretung der deutschen Juden um einen Schiedsspruch er¬
sucht mit der Erklärung, daß sie sich einem solchen Schieds¬
spruch unterwerfen würden.
Der Schiedsspruch der Reichsvertretung ist nunmehr er¬
gangen. Er billigte zunächst die Auffassung, daß bei der
augenblicklichen Lage des deutschen Juderaums die Vermei¬
dung eines Wahlkampfes wünschenswert sei. Er stellt darüber
hinatts fest, daß die besondere innerjüdische Lage der Dresde-
mt G iTnindr die Durchführung eines Wahlkamepfa» io der
Ta beso nder s bedenklich erscheinen lasse. Ein Wahlkampf sei
bet dar in der Dresdner Gemeinde bestehenden Lage für das
Wohl der Gemeinde keineswegs ungefährlich. Der Schieds¬
spruch führt dann aus: „Die Gemeinde ist dadurch, daß eine
Finhrirtti»*e — der normale Weg zur Vermeidung eines Wahl¬
kampfes — nicht zustandegekommen ist, in eine Notlage gera¬
ten, die irgendwie gelöst werden muß. Es muß aber euch für
diese Lösung daran festgehoiten werden, daß eine Führung der
Gemeinde nur möglich ist durch eine Körperschaft, die vom
Vertrauen de, Gemeinde getragen ist. Der verfassungsmäßige
Apparat der Gemeinde, der «las sicherstellen sott» funktioniert
zurzeit nicht ohne Gefährdung der Gemeinde. Es dort dadurch
nicht die Gemeinde infolge Fehlen» eines Gemeinderates Scha¬
den leiden. Aber es darf «leshalb auch keine Gemeindekörper¬
schaft Zustandekommen, die in ihrem Dasein überhaupt nicht
legitimiert ist. Diese Legitimation kann grundiätxlich nicht in
der Berufung durch den Gemeindevorstand gesehen werden.
Der Gemetndevorstand ist selb« dasjenige Organ, das immer
wieder der Bestätigung durch des Vertrauen der Gemeinde be¬
darf, mag die Bestätigung durch welche politischen Mittel
immer gesucht und gefunden werden. Der einzelne Gemeinde¬
vorstand mag dieses Vertrauen noch so sehr rechtfertigen und
besitzen. Es führt zu unerträglichen Ergebnissen, wenn jeder
einzelne Gemeindevorstand selber Richter darüber ist, ob er
noch die notwendige Verbindung mit der Gemeind« besitzt, um
legitim auch in einer Notzeit deren Vertrauensmänner berufen
zu können. Es muß entweder die Zustimmung der Gemeinde in
der Einigung aller ihrer weltanschaulichen Gruppen über die
Zusammensetzung der Gemeindevertretung zum Ausdruck kom¬
men oder es muß von einer dritten Stelle entschieden werden,
ob die in Betracht gezogenen Berufungen ihre Legitimation in
«len Bedürfnissen und im Witten der Gemeinde finden. Damit,
daß der Dresdener Gemeindevorstand seine Maßregel dem
Schiedsspruch der Reichsvertretung unterworfen hat, ist der
Weg zu einer solchen Entscheidung eröffnet."
Der Schiedsspruch stellte sodann fest, «laß ernste Mei¬
nungsverschiedenheiten über die richtungsmäßige Zusammen¬
setzung des Gemeinderat$ nicht bestehen, so daß lediglich die
E ersonelle Zusammensetzung des Gemeinderates nachzuprüfen
leibe. Dabei kommt der Schiedsspruch zu dem Ergebnis, daß
die Berufenen „ihrer Persönlichkeit nach zur Mitwirkung im
Gemeinderat sowohl an sich als auch in der Zusammenarbeit
miteinander geeignet erscheinen", daß sie auch „zur Vertretung
der Anschauungen, deren Träger sie sind, qualifiziert" seien.
Der Schiedsspruch entscheidet auf Grund dieser Feststellungen
„Die Zusammensetzung des Gemeinderats der Gemeinde
Dresden gemäß den Beschlüssen des Gememdevorstande» vom
II., 14. und 27. 2. 34 berücksichtigt alle für das Gemeindeleben
wichtigen Weltanschauungen und Kräfte. Der Gemeinderat in
dieser Zusammensetzung ist in allem Wesentlichen von der Zu¬
stimmung der großen Gruppen des Dresdener Gemeindelebens
getragen. Die Einwendungen, die gegen die Zusammensetzung
de* Gemeinderats vorgebracht werden, berühren seine Verbun¬
denheit mit der Gemeinde, seine Legitimation in der Gemeinde
und seine Fähigkeit zur Führung der Getnende nicht. Diese
Zusammensetzung wird deshalb hierdurch gebilligt. Die neuen
Gemeindevertreter leisen ihre Befugnis ab aus dem Willen der
übergroßen Mehrheit der Gemeinde und der Feststellung dieses
Willens durch die R eschsvertret ung Die Feststellung auf «fie¬
sem Wege ist notwendig, weil der verflasstmgsmäßige Weg
zurzeit nicht gangbar ist. Die Berufung erfolgt für die Dauer
der laufenden Wahlperiode bis zum 31. 12. 1935. Danach hat
die Neubildung der Gemeindekörperschaften auf dem verfas¬
sungsmäßigen Wege stattzufinden '
Rückgang
der Berliner rad Wi
Die Reichsv ertr etu u n g den deutsd
Juden und «ler Vorstand der Jüdischen
meinde zu Berlin veranstalteten Pressebesprechungel
denen folgende Daten bekanntgegeben wurden:
Die jüdische Bevölkerung Berlins, die nach
der letzter Zählung 172 000 Seelen umfaßte, ist heute, noch
Berücksichtigung der Abwanderung und der sie teilweise kom¬
pensierenden Zuwanderung aus den Kleinstädten noch
immer etwa 166000 Seelen stark. Die Austrittsbe¬
wegung ist im März schlagartig zum Stillstand gekommen.
Dagegen sind etwa HXX) bis 1200 Wiedereintritte zu ver¬
zeichnen Die Zahl der Steuerzahler beträgt
etwa 50000. Das Wohlfahrtsamt der Gemeinde, dem
tausend ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung stehen, hatte
sich mit etwa 19 000 Petenten zu befassen und hat lediglich aus
Steuermitteln 700000 bis 750000 Mark verausgabt. In den Ge¬
meindeschulen sind 2938 Schüler in 69 Klassen eingeschult,
134 Lehrkräfte, davon 62 neu eingestellte, sind an den Gemeinde¬
schulen tätig. Der Hauptansturm der Schüler, die wegen Ent¬
ziehung der Schulgeldermäßigung die allgemeinen Schulen ver¬
lassen haben, konnte bewältigt werden. Verhandlungen über
eine Erweiterung des Sch ul Werkes sind im Zuge. Das Kranken«
haus der Gemeinde weist ein« durchschnittliche Belegschaft
von JfiOPbtienten auf. Derzeit sind 168 jijfHsdie ud 19 nicht-
iüdisiAfc-ratienten im Krankenhaus untergebrecht Die Ein¬
fuhr von Koscherfleisch aus dem Ausland, in erster Reihe aus
Dänemark — Geflügel kommt außerdem auch aus Holland,
Ungarn und der Tschechoslowakei — ist mit bedeutendem Mehr¬
aufwand für die gemeinnützigen Institutionen verbunden. Die
Darlehenskasse der Gemeinde hat etwa 200 000 Mark an unge¬
fähr 2000 Darlehensnehmer verliehen.
Der von der Wiener Israelitischen Kultus¬
gemeinde veröffentlichte statistische Aus¬
weis für die Zeit von Anfang Januar bis Ende November 1933
zeigt eine erschreckende Abnahme der jüdischen Bevölkerung.
In den erwähnten elf Monaten waren unter de« Wiener Juden
2534 Sterbefälle und 690 Austritte zu verzeichnen; dem stehen
im ganzen 857 Geburten und 336 Eintritte bezw. Wiedereintritte
gegenüber. Die Abnahme macht also gut 65 Prozent der Zu¬
nahme aus. die Geburtenzahl ist etwa 4 auf 1000. Auch die
Ehe- und Scheidungsttatisrik weist auf eine Krisis hin. Man
rählte in der elfmonatigen Periode 985 Ehen und 306 Schei¬
dungen. Von «ien aus dem jüdischen Religionsverbende Aus«
getretenen waren nur 20 Prozent Kultussteuerzahler; die Flucht
aus dem Judentum steht also in keinem Zusammenhang mit
d* r Besteuerung. Die verminderte Heiratslust der starke Ge¬
burtenrückgang und die Lieberhandnahme «3er Scheidungen
sind hauptsächlich auf die zunehmende Verelendung der
Wiener Judenheit zurückzuführen.
. Di* Ursachen des Rückganges der jüdischen Bevölkerung
sind, wie wir wohl kaum zu bemerken brauchen, in Wien una
Berlin ganz verschieden. Die vielen, die Zahl der Geburten
bet weitem übersteigenden Sterbefalle sind eine gemeinsame,
auf der Ueberalterung des deutschen Judentums beruhende
Erscheinung. Eine wiener Besonderheit sind dagegen die
zahlreichen Austritte, die zweifellos damit Zusammenhängen,
j * ^ er ^idner Juden immer noch politisch
d er S ozialdemokratie anhängt und der von dieser Partei aus-
f ’egebenen Parole des Austritts aus den Religionsgesellschaften
olgen zu sollen glaubt. I n Oesterreich war diese sorialdemo-
hratische Austrittsbewegung stets besonders stark, während
in Deutschland fast nur diejenigen Personen, die eine führende
Stellung innerhalb der Sozialdemokratie einnahnwn, aus diesem
Grunde aus dem Judentum ausgetreten sind. Selbstverständlich
ist hierbei auch em gut Teil Mimikri dabei.
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