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Verzweiflung In einer Zeit unfaßbarer Versch'echte»
runff der jüdischen Situation sei das Wunder des jüdi¬
schen Pali st ine verwirklicht worden, dm stark ma^
war, extern viermönetigefn brutahn Terror Stand zu Ulen
und das weiter wechsrn und sich befestigen werde.
Der Aufbau Palästinas bedeute aber nicht Preisgabe
der Gleich b e r echtigung h anderen Lindern. Völker¬
recht, VMkubwe, M iiwfitltgerbte, Gliethbsraiht»-
gung der .Menschen wd der Völker, Freiheit des Indi-
vtdwaas und Toleranz seien nicht Dinge der Ver¬
gangenheit, sondern ewige Werte. Hs sei notwendig,
«len Glauben an diese Werte zu intensivieren.
Dits jüdische Volk '«*ide mit dein R<-chtag<danken, der heute
leide. Mit der Ww«d**r durchs**tTtnig des Kerhtsgrdnnkens
werde auch das jüdische Leid üb**TWurxlm werden.
I)ie 'Sitzungen des Kongresses am Sonntag waren von
Referaten über bestimmte Gebiete gesamt jüdischer Arbeit aus¬
gefüllt Die Frag-n der jüdischen Emigration und
der jüdischen Emigrationspolitik wurden in einem
liefern* von Dr Arje I* a r t n k o w e r - Lodz eingr+iend be-
I)r. Tartnkower stellte fest, «lab das schon vor dem Kriege
überaus grobe jüdische Emigrationsbedürfnis sich auf ein Viel¬
faches verstärkt hat. Die Zahl «Irr auf Auswanderung än-
gewieserv-n Jüdin werde heute auf jährlich 2W1M! ge¬
schätzt. Davon entfallen auf Polen allein 12ÜIW0. Der Pro
zrb der Ausgliederung der Judn aus dem Wirtschaftsleben
sei vielfach nicht nur eine Folge judenfeindlicher Wirtschafts¬
politik, sondern auch 4er gesrtzmäbigen ökono¬
mischen Entwi c-k I u n g. So drücke in Polen ein in die
Millionen gehendes Proletariat, das von der danicsierltegendcn
Industrie nicht absorbiert werden kann, auf die ohnedies ge¬
schwächten jüdischen Position«™ in Handel und Handwerk. Die
dadurch entston«i*ii«*n Komplikationen seien kaum anders als
durch Auswanderung zu lösen. Andererseits ist durch Ein¬
wanderungsbeschränkungen die jüdische Emigration der Noch-
kriegsjahre auf katrm ein Drittel der Vorkriegsperiode, durch¬
schnittlich weniger als 50Ü0U jährlich, herabgedrückt
Der Referent erörterte die einzelnen Faktoren, die zu der
Verschlechterung der jüdischen Emigrationslage beitragen und
wies im Anschlub daran darauf hin, dab zu einer Bceinifüsaung
des Emigrationsproblems der Aufgabenkrels der Emigrations¬
gesellschaften, wie er vor dem Weltkrieg bestand, zu eng ge¬
worden ist. Es handele sich heute bei der jüdischen Emigra¬
tion nicht mehr nur um ein sozialpolitisches, sondern vor allem
um ein wirtschaftliches und nationales Pro¬
blem. Die Hilfsarbeit für jüdische Emigranten müsse
zur jüdischen Emigrationspolitik umgebaut
werden. Als Aufgaben einer solchen Emigra-
tionspolrtik bezeichnte Dr. Tartakower:
a> Maximale Ausnutzung der bestehenden Einwanderungs¬
möglichkeiten,
bi Schaffung von neuen Einwanderungsmöglichkeiten.
c| Organisierung und Erziehung der Auswanderer,
d) erneuter Uebergang zur Kolonisationsarbeit.
Dr. Tartakower hob sodann die Bedeutung jüdischer
Kolonisationsarbeit ak Teillösung der jüdischen Emi-
f rationsfrage hervor. Dem jüdischen Liedlungswerk in Pa-
Bstina gebühre der Primat im Volksleben. An die Stelle
der bisherigen Infiltrationspolitik jüdischer Auswanderungs-
organisationm müsse eine Aufrollung des jüdischen Emigra¬
tionsproblems in seinem ganzen Umfang vor den Augen der
Kulturweit treten. Die Stärkung des gesellschaftlichen und
nationalen Charakters der jüdischen Auswanderungsorganisa-
tionen, fuhr der Redner fort, mache den Anschlub des ge¬
samte«* j jüdischen Auswandererapparats an «len Jüdischen
Weltkongreb erforderlich, der einen beträchtlichen Teil der /
öffentlich-rechtlichen Aufgaben auf dem Gebiete der Au»*
wanderungsarbeit, insbesondere Verhandlungen mit den ein¬
zelnen Regierungen sowie mit dem Völkerbund und inter¬
nationalen Körperschaften, übernehmen könne. Nur so könne
auch «ler seit Jahren vorliegende Plan eines jüdischen Eraigra-
tionskongrassss oder der der Schaffung einer jüdischen Emi-
grationsbank tnk behandelt und verwirklicht werden.
Die wirtsduftUdie Lage der Juden in Mittel*
und Osteuropa
Die kataÄropSafe Auswirkung der Wirtschaltsentwickhmg
in den Ländern Mittel- und Osteuropas auf das Schicksal der
Wut fand einen erschütternden Ausdruck in dem auf streng
wissenschaftlicher Be oba c htung und Tatsachendeutung aufjge-
buuten Referat des bekannten Statistikers und Soziologen Jakob
Lestschinsky.
Lest sch in sky ging davon aus, «lab die Frage der natio¬
nalen Existenz des jüdischen Volkes durch «Irei grobe Nach-
Lriegsereignisse radikal beeinflubt worden sei: durch die Ent¬
stehung eines wirtschaftlichen Nationalismus infolge des Sieges
einer Mittelsten drideologie und eines mittektän«Tischen Wirt¬
schaftssystems in den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas,
dessen Folge die Verdrängung der jüdischen Massen aus
Ihren WirtachaftB>oaitionen und ihre Isolierung von ihrer ge¬
sellschaftlichen Umwelt gewesen sei; durch die Konfrontierung
der jüdischen Minderheit mit den durch den Zerfall der groben
Nationalitätenstaaten Rußland und Oesterreich zu herrschenden
lokalen nationalen Mehrheiten gewordenen Völkern, die einen
außerordentlich beschleunigten Komm«Tzialirierungs- und Ver-
städterungsproeefi durchmachen, sich eine eigene nationale
Intelligenz schaffen, ein nationales Beamtentum, einen eigenen
Mittelstand und so in schärfste Konkurrenz zu den Funktionen
! geraten, die jahrhundertelang in den betreffenden Ländern von
J Juden erfüllt wurden; diese herrschenden lokalen nationalen
> Mehrheiten führen eine unbarmherzige, grausame Nationali-
i sierung «ler Städte durch, in «lenen die Juden häufig die abso¬
lute oder relativ« Mehrheit b es ah e n , durch die in howjet-Rufi-
land sich erweisende Tatsache, dab bei absoluter wirtschaft¬
licher und juridischer Gleichberechtigung und Schaffung bester
Möglichkeiten zur Entwicklung einer eigenen Kultur bei rasch
fortschreitender Assimilation und proletarischer Emanzipation
die tatsächliche wirtschaftliche Gleichberechtigung die Frage
«ler Existenz «ler Juden als Volk keineswegs löst.
Der Referent legte sodann die Abhängigkeit «ler
wirtsrhafhehen Lage «ler Juden eines Landes, von dem in dem
betreffenden Land herrschenden Wirtschaftssystem dar, wobei
er zwischen den Ländern mit liberal-kapitalistischem, planwirt¬
schaftlichem und durch Mangel an czpansionsmögKchkeiten
nationalistisch und autark istisch orientiertem Wirtschaftssystem
unterschied. Dieser letzten Gruppe rechnet Lestschinsky
Deutschland, Oesterreich. Polen, Rumänien, Litauen und Lett¬
land zu. Fünf Millionen Juden leben in Ländern, in denen der
Mittelstand zur Macht gelangt oder seine Ideologie die herr¬
schende ist. Das Schicksal dieser fünf Millionen rechtlos
gewordener und wirtschaftlich ruinierter Juden müsse dfe
Hauptsorge des Kongresses bilden.
Auf Grund einer Analyse des Prozesses der wirtschaft¬
lichen Ausgliederung «ler Juden in Deutschland errech¬
nte Lestschinsky, dab 20 bis 22 Prozent aller Juden in
Dmtschland auf Unterstützung angew i e s en sind, vor «ler Not¬
wendigkeit dev Auswanderung stehen, diese aber nur' mit
öffentlicher Unterstützung durchführen können; etwa 20 Proz.,
vor allem Juden aus «ler Provinz, hätten ihre Geschäfte bereits
liquidiert und bereiten sich praktisch zur Auswanderung vor;
! die übrigen bereiten sich im Bewußtsein, «lab ihr Aufenthalt in
Deutschland nur ein. vorübergehender sein kann, innerlich auf
die Auswanderung vor.
Aehnlich sei die Lage der Juden in Oesterreich, wo
der AusgÜetienmgsprozet) langsamer verlaufe. In «len ost¬
europäischen Ländern — Polen, Rumänien, Litauen, Lett¬
land — seien zwar keine gesetzlichen Einschränkungen gegen¬
über den Juden verfügt worden, tatsächlich aber habe sich
die rechtliche Lage der Juden, wie auch, allerdings in schwäche¬
rem Mabe — die der übrigen nationalen Minderheiten auf sehr
vielen Gebieten zu ihrem Nachteil geändert: Bei Parlaments¬
wahlen, bei Gemeindewahlen, in «len Handels- und Handwerks¬
kammern, bei der Zulassung zu Universitäten, staatlichen und
städtischen höheren Schulen und Gewerbeschulen; als Beamte
und als Angestellte oder Arbeiter von Staatsuntemehmungen
werden Juden überhaigrt nicht beschäftigt, ln diesen vier ost¬
europäischst Ländern geht ein Drittel des gesamten Umsatzes
und ein Drittel bis 40 rrosent des gesamten Volkseinkommens
durch die öffentliche Hand. . Juden sind hierbei nur als Steuer¬
zahler und Abnehmer von Prodtdcten staatlicher und städtischer
Unternehmungen, nicht aber als Erwerbende beteiligt. 12 bis
15 Prozent der Gesamtbevölkenmg, jedoch 25 bis 30 Present
«ler der herrschenden nationalt» Mehrheit angehörenden
städtischen Bevölkerung leben von Stellen und Arbeit
bei Staat und Kommune; Juden sind von diesem Erwerbs-
zwetg vöHig ausgeschlossen. 25 bis 30 Prozent der
«liplomierten Intelligenz der nationalen Mehrheit lebt von
Staat oder Gemeinde (Lehrer und Professoren. Richter und
Staatsanwälte, Ingerbeure und Techniker, Agronomen und Sta¬
tistiker, Aerste und Tierärzte); Juden sind hierbei völlig aus¬
geschlossen. In allen vier Ländern liegt der Kreditapparat zu
zwei Drittel oder drei Fünftel in den Händen des Staates und
wird weitgehend dazu benutzt, den aufsteigenden Mittelstand
der herrschenden nationalen Mehrheit in seinem Kampf (nicht
etwa blob Konkurrenz! gegen «len jüdischen Mittelstand zu
unterstützen. Der Redner behandelte noch die Bevorzugung
des Mittelstandes «ler nationalen Mehrheiten bei der Ausgabe
von Ausfuhr- und Einfuhrlizenzen, bei der Devisenzuteilung,
bei der Konzessionierung neuer Unternehmungen, bei «ler
Steuerbemessung usw., sowie den Zudräng der zu kulturellem
Leben erwachten Bauemmassen zu den städtischen Berufen
des Handels und Handwerks.
Das Ergebnis all dieser Erscheinungen sei eine gewaltige
Deklassierung und Verarmung der jüdischen Messen.
25 Prozent (in Litauen und Lettland) bis 35 Prozent (in
Polen und Rmnänien) der jüdischen Bevölkerung sind in
der einen oder anderen Form auf öffentliche Mildtätigkeit
an g ewiesen. Die in Handel und Handwerk Beschäftigten
— und das sind zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung
— fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Die jüdische
Intelligenz ist verzweifelt, hoffnungslos. Der Niedergangs-
prozefi der höheren und mittleren jüdischen Klassen
nimmt katastrophale-Formen an. Die jüdische Jugend er¬
stickt in einem neu entstandenen sozialen und kulturellen
Ghetto.
Dieser Vetdrängungsprozefi im Handel. Handwerk und in
den freien Berufen hat den jüdischen Massen einen starken
Ansporn zur Betätigung als Arbeiter in der Kleinindustrie
und zum Eindringen in die Großindustrie, zur Schwerarbeit
und schlechtbezahlten Arbeit gegeben. Die Zahl der jüdischen
Arbeiter in Polen ist in den letzten 15 Jahren von 200000 auf
300 000 gestiegen. Dieser Prozeß des Uebergangs zur Ar¬
beiterschaft findet aber seine Grenzen an dem engen Rahmen
der industriellen Entwicklung dieser Länder und erfaßt nur
einen kleinen Prozentsatz «ler deklassierten und verarmten jü¬
dischen Massen.
Zum Schluß stellte der Referent fest, daß die katastrophale
Lage der Juden, «he in diesen ganz oder halb agrarischen
Ländern einen «ler wichtigsten Faktoren des Wirtschaftlebens
bilden, da sie zwei Drittel und mehr des Handels, mehr als die
Hälfte und in vielen Einzelzweigen mehr als drei Viertel des
Handwerks, nahezu die Hälfte und in einigen Branchen weit
mehr als die Hälfte der Industrie ausmachen, Anarchie und
Panik in «las gesamte Wirtschafsleben dieser Länder trägt und
eine normale wirtschaftliche Entwicklung im allgemeinen des¬
organisiert und iähmt.
Sir Neill Malcolm
Zu Beginn der Montag-Abendsitzung hielt der Völker-
b u n d s ob e r k o m m i s sa r für Auswandererfür¬
sorge, Sir Neill Malcolm eine Begrüßungsansprache.
Der Oberkommissar bezeichnte es als einen glücklichen Zufall,
daß er sich während der Tagung des Kongresses in Genf auf¬
halte, um seinen Bericht an «len Völkerbund auszuarbeiten. So
habe er Gelegenheit, als Gast auf dem Kongreß die jüdischen
Probleme zu studieren. Obwohl er überzeugt sei, «laß diese
spezifisch jüdischen Probleme sehr schwer sind, wolle er «loch
und in Palästina. Als ich aber schloß, forderte sie «ler Vor¬
sitzende auf, ihren Beitrag zum Aufbau Palästinas zu leisten.
Spontan innerhalb weniger Minuten wurden von diesem kleinen
Häuflein von Juden 300 Pftmd aufgebracht, und sie beschlossen
mit größter Begeisterung, die „Zionistische Vereinigung für die
Kenjakotonie und Uganda" zu- begründen.
Ein Rest Israels
Die interessanteste jüdische Gruppe, die ich im Laufe
meiner Reise traf, sind die „Bne Israel in Indien. Sie leben
seit mehr als zweitausend Jahren in Indien, und es ist nahezu
sicher, «laß sie noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels
dorthin gelangt sind. Nach der Ansicht einiger Gelehrter, die
das Geheimnis ihrer Vergangenheit zu erforschen suchten,
können sie Abkömmlinge der „Zehn Stämme" Israels sein, die
durch die Assyrer vertrieben wurden, und von «lenen ein Teil
nach Indien verschlagen sein mag. — Bis zum 19. Jahrhundert
waren die „Bne Israel" von «ler übrigen Veit völlig abge¬
schnitten und wußten nicht einmal, «laß es in anderen Landern
andere Kinder Israels gab. In ihrer ganzen äußeren Erschei¬
nung. hatten sie sich der Landesbevöfkerung restlos assimiliert.
Sie sprachen die gleiche Sprache (Marathie), trugen dieselbe
Kleidung, hatten die gleichen Sitten, und waren den Hindus,
ihren Nachkam, selbst in ihrer körperlichen Erscheinung ähn¬
lich. Sie sind hauptsächlich Bauern in den Dörfern des Kon-
kan bet Bombay. Als sie im 19..Jahrhundert mit «len euro¬
päischen Juden in Berührung kamen, konnten die armen Bauern
des Konkan weder lesen noch schreiben. Sie besaßen auch
nicht ein einziges hebräisches Buch. I50O0 Seelen, waren sie
unter 320 Millionen Hindus verschiedenster religiöser Glaubens-
gruppen verloren. Und dennoch: Trotz dieser schweren Hem¬
mungen erhielten sie mehr als zweitausend Jahre lang ihr
Rassebewußtsein, „ihre israelitische' Identität in solchem Aus¬
maß, «laß sie sieh noch an die Hauptfeiertage und Gebräuche
erinnerten und sie hielten, wie sie mit ihnen seit ihrer fernen
palästinensischen Vergangenheit am Leben geblieben waren.
Schabbath, Rösch-Haschanah. Jom-Hakipur und Brith Milath
wurden von ihnen sorgsam beachtet. Von der hebräischen
Sprache war ihrem Gedächtnis nur ein einziges Gebet von
sechs Worten eingeprägt geblieben, die ersten sechs Worte
des „Sch'ma JisraeT. Arm, ungebildet, eine winzige Gruppe
inmitten vieler Millionen, sind sie trotz allem ihrer Abstam¬
mung treu und stolz auf ihr Volk und ihre Vergangenheit ge¬
blieben. — In der letzten Zeit haben die „Bne Israel" be¬
gonnen, von den Dörfern in die Städte zu ziehen, wo sie alle
jüdischen Gebräuche an nahmen, wie sie sie von ihren euro¬
päischen und Bagdad er Brüdern lernten. Doch in den Dör¬
fern des Konkan leben sie heute noch da, gleiche primitiv
patriarchalische Leben, wie vor hunderten von Jahren.
Seit den ersten romantischen Jahren unserer Bewegung
cu Herzls Zeiten erlebte ich nicht wieder eine solche echte
Begeisterung wie bei den Männern und Frauen der „Bne
Israel", bei Jung und Alt, auf den Versammlungen, in «lenen
ich gesprochen habe. Sie sahen die alten Legenden, die ihnen
ihre Vorfahren erzählt hatten, zu ihren Lebzeiten Wirklichkeit
werden. Sie begründeten die Zionistische Organisation der
Bne Israel, stellten bei den Mitgliedern ihrer Gemeinde N. F.-
Büchten auf und führten dem Keren Hajessod willigen Her¬
zens und unter großer Opferbereitschaft ihre Spentlen zu.
Unter den wundem «ler jüdischen Gesduchte ist dieser
Stamm der Bne Israel in Indien, «ler sich zweitausend Jahre
inmitten des indischen Volkes erhalten hat, der wunderbarste
Beweis für die unvergleichbare Vitalität und Zähigkeit der jü¬
dischen Rasse
Sdritfesal Md Lebe, Sw Jade*
Hi ferne« Uedem
Von Dr. Alexander Goldstein. TH Awiw
Oberflächlich gesehen könnte es scheinen, als ob die weit
zerstreuten und tiH verschiedenen Teile des jüdischen Volkes
nichts gemeinsam hatten. Zunächst sind die jüdischen Ge¬
meinden in aAer Weh durch die Abgründe ihrer verschiedenen
Sprachen getrennt. Die Mannigfaltigkeit «ler Sitten und Kuh*
turen, «ler klimatischen, wirtschaftlichen und politischen Ver¬
hältnisse, der Denkungsart und Weltanschauung der Juden in
den verschiedenen Ländern «ler Weh erzeugt unvermeidlich
eine Verschiedenheit zwischen ihnen, die so groß ist wie die
Verschiedenheit zwischen der unerträglichen Hitze von Sura¬
baja auf Java und «ler bitteren Kälte eines Winteraben-ls
irgendwo in Nordkanada oder Alaska City. Nichtsdesto¬
weniger ist «las nur eine «Finne Maske. Unter der Schicht der
mannigfaltigen Sprachen. Sitten und Gebräuche liegt.verborgen
die jüdische Seele, die eng verknüpft ist mit „Gesamt-Israel"
durch «las Band tausendjähriger UeberKeferungen und Erinne¬
rungen. Im Laufe der letzten 15 Jahre habe ich im Auftrag
des Keren Hajessod die jüdische Bevölkerung nahezu aller
Länder Europa^ Amerikas. Afrikas, Australiens und Asiens
besucht. Und von «ler endlosen Kette der Erinnerungen und
Eindrücke meiner Berührungen mit den weithin verstreuten
Bruchstücken unseres Volkes erscheinen vor meinem geistigen
Auge einige unvergeßliche Bilder und Erfahrungen von merk¬
würdigem Symbolgehalt für die tief verborgene Treue noch
der in fernste Femen verschlagenen Kinder Israels zu dem
Volk Israel und dem Lande Israel.
An den Küsten Brasiliens
Auf dem Wege von Portugal nach Brasilien hielt unser
Schiff an der Einfahrt des brasilianischen Hafens Bahia, der
in einer charakteristischen, tropischen Umgebung hegt. Wir
waren etwa eine Mei*e von der Küste entfernt, als plötzlich
von einem der sich nähernden Motorboote deutlich die Klänge
«ler „Hatikwnh" ertönten. Es war der letzte Ort auf Erden,
wo ich erwartet hätte, Juden zu finden, und einen Augenblick
schien es mir, ich hätte eine Hahizination. Einen Augenblick
a »äter näherte sich mir der Steward mit zwei Dtimen und zwei
erren, die sich mir vorstellten. Sie waren „eine Deputation
von der 'jüdischen Gemeinde in Bahia**. Von Rio de Janeiro
hatten sie Nachricht erhaben «laß ich durchreiste und daß
mein Schiff diesen Abend im Hafen bleiben würde; so ergriffen
sie die G e l egenheit, mich einzuladen, den Abend mit ihnen zu
verbringen. Bahia, so berichteten sie, besitze eine jüdische
Bevölkerung von sieben Farn Bien. Seit meiner letzten süd-
•merikan»stiften Reise hatte rieh die jütßsche Bevölkerung in
Bahia im besonderen und in Brasilien im allgeme in en bedeu¬
tend vergrößert. Es war wahrhaft rührend zu sehen, mit wel¬
cher Freude sie mich zu ihrer „Versammlung * brachten, der
ersten zionistischen Versammlung in dieser entlegenen ahen
katholischen Tropenstadt. Nach meinem Vortrag wählten sie
ein zionistisches Komitee, das sogleich daran ging, die ver¬
schiedenen zionistischen Ar b e i t sz we i ge unter seinen Mit gliedern
zu verteilen. Da rief der Aeheste unter ihnen, der vor vielen
Jahren von Rußland a us gew a ndert war, mit tiefbewegter
Stimme aus: „Jetzt sehe ich, «laß wirklich eine jüdische Ge¬
meinde ln Bahia existiert.**
Spät nachts begleiteten sie mich durch die engen Str a ßen
der schlafenden Stadt zurück zu meinem Schiff. Die ganze
Gemeinde war ign Mot o rboot und wiederum halben die KBnge
der „Hatikwah" unter dem blauen Aequatorhimmel Brasiliens.
Beim Abschied sprachen sie noch eine Bitte aus: ihnen für
ihren eben gegründeten jüdischen Klub ein Bild Theodor Herzis
zu schicken.
Im Herzen «ler Tropen
Auf dem Wege von Burma nach Singapore liegt die halb
malaische, halb chinesische Inselstadt Penang. Der Obmann
des Keren Hajessod-Komitee, von Rangu sagte mir, es gäbe
zwei jüdische Familien in Penang. und da mein Schiff sechs
Stunden «fort Aufenthalt hatte, telegraphierte er nach Penang,
daß ich käme.
Als ich Penang erreicht hatte, wurde ich auf dem Schiff
von einem ahen patriarchalischen „Bagdad!" (einem aus Bag¬
dad stammenden Juden) und seinen beiden Söhnen begrüßt.
Es war Mr. Menasche, «ler seit vierzig Jahren in Penang lebte.
: Nachdem er mir «he malerische Stadt und die herrliche Um¬
gebung gezeigt hatte, lud mich Mr. Menasche in sein eigen¬
artig orientalisches Haus ein, wo ich der zweiten jüdischen
Familie von Penang vorgestellt wurde. Mit echtem Schmerz
sagten sie mir, «laß sie, trotzdem ihre materielle Lage sehr
günstig war, die ganze Isolierung und Einsamkeit ihres „Golus
von Penang" schwer empfanden: Zwei jüdische Familien ein¬
sam und verloren auf einer fernen Insel unter dem Aequator,
von jeder anderen jüdischen Gemeinde durch den Ozean ge¬
trennt voll Sehnsucht nach jüdischer Atmosphäre, jüdischer
Umgebung. Viele Stunden lang und mit stärkster Bewegung
Heiken sie mir Fragen über «len Aufbau Erez JisraHs. über
unsere Leistungen und unsere Aussichten ia Palästina. Es war
acht Jahre her, seit sie zum letzten Mal eine „lebende Bot¬
schaft" von Palästina erhaben hatten. Und als ich mich erhob,
um zu meinem Schiff zurückzukehren, überreichten sie mir zu
meiner Ueberraschung Schecks. „Bitte nehmen Sie unsere
Beiträge zum Keren Hajessod an", sagten sie. „Andere Juden,
die das Glück haben, in einer Gemeinde zu leben, können an
Massenversammlungen teilnehmen; wir in Penang können keine
Massenversammlung haben, aber wie alle anderen Juden der
Welt, können wir zumindest unser Opfer, unsere „Thrina“ für
«len Aufbau des nationalen Heims des jüdischen Volkes dar¬
in Uganda
Auf dem Wege von Beim in Portugiesisch-Ostafrika nach
Port Said bäh das Schiff in dem nahe am Aequator liegenden
Hafen Bombas, einem «ler heißesten Orte unter «ler Sonne.
Unser Kapitän benachrichtigte uns, «laß «las Schiff zur Auf¬
nahme einer umfangreichen Ladung vier Tage m Mombosaa
bleiben würde. Die Aussicht, vier Tage in Mombessa zu
braten, war alles andere als verlockend. Ich entschloß mich
daher zu dem Abenteuer einer Reise nach Nairobi, der Haupt¬
stadt von Ugandb. Die Stadt liegt zweitausend Meter über «lern
Meere, etwa zwanzig Eisenbahnstunden von Mombassa zwischen
den Berg riesen Kinmandjaro und Ken ja. Unter «len vielen
tausenden halbnackter Neger und «len paar Hindus, die die
Bevölkerung von Nairobi bilden, leben nur 3000 Weiße. Die
Stadt zählt auch 100 jüdische Seelen, die von allen Teilen «ler
Weit hierher verschlagen worden sind
Als ich an kam, luden sie mich em, in einer Versammlung
zu sprechen, der ersten jemals in Uganda, ja überhaupt in
Zentralafrika gehaketwn jüdischen Versammlung. Es war er-
e r gr eifend mh welch tiefer Bewegung und atemloser Auf¬
merksamkeit diese kleine jüdische Gruppe im Herzen Zentral¬
afrikas dem Bericht über das ferne Erez Jisrari lauachte. In
meiner Rede machte ich auch nicht «He geringste A n^ ri elu ng
auf Geld. Ich beschrieb ihnen nur die Lage in der Diaspora