Seite
T-
•crlmfcptels f** defterretch 40 Sr«sch«a.
■ »«»«»»»»»»»»»-»--»»»»MM»,
nattomüüeuWeLuöe
■ mamammaaaaamaaamamaamaamaaaaaaaaaaaamaaaaaaaaaaaaamaaaaamaammaaaaamaaaaaaai
■q Sttttgsoveks (Hmtfmimmcr 20
SS Seschafisstelle des Verbandes: Berlin W 35, Blumeshof 9, Telefon: Lützow 5333/34 SS
SS
!:
«»
■■
Jahrgang 1927
September
Ar. 7/9
Sacco-Vanzetti — und wir.
Graf Reventlow, der „Deutschvölkische-, hat den in Amerika
wegen Raubmordes Hingerichteten italienischen Anarchisten Sacco
noch kurz vor seinem Tode — zum Juden ernannt. Gegen¬
über dem mitverurteilten Vanzetti hat der Herr Graf sich auf
die Feststellung beschränkt. Vanzetti „könnte- jüdiscyer Abstam-
mung sein. Die „Deutsche Zeitung" verbreitetes weiter.
Daß weder S a c c o noch Vanzetti! Juden oder
jüdischer Abstammung waren, ist inzwischen längst öffentlich
klargestevt. Trotzdem wird das geschäftsantisemitische Hetz- ,
manöver wahrscheinlich nicht ohne die übliche Wirkung bleiben.
Der Eilwagen des Gerüchts ist einmal angekurbelt und nun
rennt er bis auf weiteres durch die Lande. Das war der
Zweck der Uebung. Die Leser der Graf R e v e y t l o w und i
Genoffen lesen bekanntlich nur die Blätter ihrer eigenen
Richtung. Keine Richtigstellung und Aufklärung, die in !
anderen Zeitungen erscheint, vermag diese geistig Armen zu j
erreichen. Jeder von ihnen wird — im besten Glauben — !
weiterverbreiten, daß „wieder einmal" die gesamte Judenheit
sich wie ein Mann erhoben habe, um ein paar jüdische Ber- >
brecher zu retten. Morgen wird cs vielleicht schon heißen, !
daß die beiden „Juden" ihr Verbrechen auf Anweisung der !
„Weisen von Zion" begangen haben. \
Der Fall S a cco - Vanzet ti hat aber noch eine andere *
Seite. Wir alle empfinden das tiefste Mitleid gegenüber zwei
Menschen, mochten sie einst noch so gefährliche Verbrecher ge-
wesen sein, die sieben Jahre auf die Vollstreckung ihres Urteils
warten, sieben Jahre lang unablässig die Schauer der Todes,
furcht durchleben mutzten. Wir hätten es freudig begrüßt,
wenn der zuständige amerikanische Beamte, der Gouverneur
Füller, dieser rein menschlichen Empfindung Verständnis
entgegengebracht und die armen Sünder begnadigt, ihnen den
leiblichen Tod erlaflen hätte, nachdem sie schon tausend- und
abertausendmal den seelischen Tod gestorben waren. Aber wir :
müssen bekennen, datz alles geschehen ist, um dem Gouverneur ;
die Ausübung seines Gnadenrechts unmöglich zu machen. Ob :
das Urteil gegen die beiden Italiener ein Fehlurteil war, darf ,
heute in Deuischland kein ehrlicher Mensch zu beurteilen wagen. :
WaS wir über die Tat und über das gerichtliche Verfahren
wiffen, beruht auf lückenhaften Mitteilungen amerikanischer;
Blätter, auf hingeworfenen Worten einiger zufällig in Deutsch- j
land reisender Amerikaner, auf den — selbstverständlich ein- ,
fettigen — Erklärungen der Verteidiger und Familienmitglieder '
der Verurteilten, fuy auf Schreibereien und Redereien, die sich
unserer selbständigen Nachprüfung völlig entziehen und denen
die sehr bestimmten, auf Grund des Attenmaterials abgegebenen
Erklärungen des Gouverneurs Füller sowie der Spruch ;
des Obersten Gerichtshofs von Massachusetts
gegenüberstehen. Unter diesen Umständen von einem Fehlspruch,
einem Akt der Klaffenjustiz, ja sogar von einem Justiz¬
mord zu sprechen, ist frevelhafte Leichtfertigkeit. Dieser Leicht¬
fertigkeit aber hat sich seit Wochen Tag für Tag ein Teil der j
deutschen Presse, wie übrigens auch der Presse anderer Länder,
schuldig geinacht. Alis dieses verantwortungslose Pressetreiben
sind in letzter Linie die Ausbrüche Zeines Maflenirrsinns zurück¬
zuführen. der diesseits und jenseits des großen Wassers in
Bombenanschlägen, im Barrikadenban, in Tötung und Verletzung
ganz unbeteiligter Menschen, in Zertrümmerung von Fenster¬
scheiben und Kaffeehaus-Einrichtungen sich ausgetobt hat. Es
ist menschlich begreiflich, daß solche Ereignisse in dem Gouverneur
jede Neigung zur Gnade ersticken mußten. Die hemmungslosen
Zeitungsschreiber, die täglich zweimal „Gerechtigkeit" schrieen,
ohne, zu wissen und wissen zu können, was wirklich in diesem
Falle Gerechtigkeit ist, die durch ihre blindwütige Voreiligkeit
aus einer Frage überstaatlicher Menschlichkeit d i e amerikanische
Prestigefrage machten, — s i e tragen in erster Linie die Ver¬
antwortung dafür, daß die zwei Verurteilten dem Tode nicht
entgingen, daß daneben eine Anzahl ganz unbeteiligter Menschen
zu Tode oder zu körperlichen Schaden kam und daß kostbare Sach¬
werte, das Vermögen ebenso Unbeteiligter, in Trümmern liegen.
Auch heute ist der Rummel noch nicht am Ende. Ein
Abendblatt veröffentlicht Lichtbilder der beiden
Todeskandidaten, wenige Tage vor der Hin¬
richtung hinter Gitter st äben ausgenommen.
Auf dem einen Bilde sind auch die weinenden Kinder
des einen Verurteilten zu sehen. Die Bilder stammen aus
Amerika, natürlich. Aber wir Deutschen tun uns ja oft etwas
darauf zugute, daß wir mehr Gemüt haben, als die nüchternen
Geschäftsleute jenseits des Weltmeers. Flammt nicht unsere
Empörung auf ob einer so grauenhaften Gemütsverrohung ?
Aber noch mehr. Man verkündet in Zeitungen, die Schwester
des einen Gerichteten wolle mit der Asche ihres Bruders eine
politische Propagandareise machen und überall „Trauerfeiern"
veranstalten, auch in Deutschland. Soll es wirklich dazu
kommen, daß auch dies noch an uns verübt wird? Sollen
wir mit ansehen, daß ein Vorfall, der unS als Menschen be¬
wegt hat, der aber unser Deutschland in keiner Hinsicht berührt,
zu parteipolitischer Hetzerei in unserm deutschen
Vaterlande ausgenutzt werde?
Die Joulnalisten, die auch jetzt noch nicht begriffen haben,
welchen gefährlichen Brandherd sie nähren, seien in tiefstem
Emst gewamt. Und doppelt gewarnt seien die
Juden, die unter ihnen sein mögen. Die Hetz«
des Grafen Äeventlow und seiner Freunde, die wir
un Eingang erwähnten, zeigt deutlich genug, daß schon wieder
Versuche im Gange sind, auS dem Fall Sacro-Vanzetti
eine „jüdische Affäre" zu machen. Der jüdischeJournalist,
der durch sein Gebühren dieser Hetze den
äußeren Vorwand sch afft,-ladet schwere Ver¬
antwortung auf sich. Verantwortung vor seinen jüdi¬
schen Stammesgenoffen im deutschen Vaterlünde und vor dent
Vaterlande selbst, das in seiner traurigen Zerrissenheit nicht noch
fremdländischer Anlässe zur Selbstzerfleischnng bedarf. M. N