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Hus dem Cageakampf.
Kein« Enteignung jüdischen Gemeindebesitzes i> Berlin.
In der jüdisch-nationalen Presse wird mitgeteilt, dah
der Magistrat Berlin beschlossen habe, „eine det jüdischen
Gemeinde in Weihensee gehörende Bodenfläche von etwa 3926
Quadratmetern zu enteignen. Es handle sich dabei um Ge¬
lände. das zum Zwecke des jüdischen Friedhofs von der^ Ge¬
meinde erworben worden sei." Tendenz dieser Notiz: .selbst
in Berlin sind die Juden nicht vor-rücksichtslosen Attacken der
Behörden geschützt: wie recht haben wir Zionisten mit unserer
Propaganda zur Untergrabung des deutschbewuhlen Juden¬
tums. — Nunmehr wird städtischerseits mitgeteilt, dah es
sich in dieser ominösen Angelegenheit natürlich ' keineswegs
um eine Enteignung, sondern vielmehr um den Vorschlag eines
Rückkaufs handle, der überdies noch der Zustimmung der
stadtverordnet^zversammlung bedürfe. Zu diesem Rückkaufs¬
vorschlag iit die Stadt auf Grund ihrer Baugesetzgebung be¬
rechtigt, da die Berlängerung der Metzstrahe .ihr Weihen¬
see nur unter Berücksichtigung des jetzigen ungenutzten Ge¬
ländes der jüdischen Gemeinde durchführbar ist. »elbstver-
ständlick- sind über diese Frage direkte Verhandlungen mit
der jüdischen Gemeinde im Gange. Nach dieser Sachlage
kommt irgendeine Benachteiligung der jüdischen Gemeinde oder
eine anders als rein sachlich-baupolitiiche Auffassung des
eventuellen Rückkaufsgeschäfts überhaupt nicht in Betracht.
„Juden, lauft nur bei Juden." \
Unsere Meinung über die Ueberftüssigkeit und Schädlichkeit
des neuen „Jüdischen Adrehbuches für Groh-Berlin", dessen
Erscheinen in nichtjüdischen Wirtschaftskreisen sehr unliebsames
Aufsehen erregt hat, haben wir an dieser stelle in der.Mai-
Rummer bereits zum Ausdruck gebracht. Heutel bleibt die
Veröffentlichung eines Propagandaschreibens dcS Verlages
dieses Adrehbuches nachzuholen, das an jüdische Fimieninhaber
gerichtet iit und folgcndermahen lautet:
Wir haben Veranlassung, den jüdischen Kreisen <Hroß-Berlins
Firmen aufzugeben, die tatsächlich auf eine Geschäftsverbindung
mit ihnen Wert legen.
ES ist uns leider aus besonderen Gründen nicht möglich,
nähere Detail« hier schon niederzulegen. .
Da wir aber annehmen, dah Ihnen an der Berliner jüdischen
Kundschaft sehr viel gelegen ist bzw. ein groher Teil Ihrer jetzigen
stunden sich aus diesen Kreisen rekrutieri, -so bitten wir Sie, einen
unserer Herren mittels beigefügter Karte zu einer unverbindlichen
Konferenz zu verlangen. j
Wir müssen dabei voraus bemerken, dah das
»Jüdische Adreßbuch für Groß-Berlin" ,
von uns herausgegeben wird und als Nachschlagewerk bei den
bemittelten jüdischen Familien sowie bei der betr. Geschäftswelt
fungieren wird.
Das' Werk hat zwar Titel und Inhalt mit einem Adreßbuch
gemein, unterscheidet sich aber im Anzeigenteil dadurch, daß auch
dieser effektiv nachgeschlagen wird und in maßgebendster
Weise die erwähnten z a h l uu g S f ä h i g Kreise
beeinflußt.
Dieses schreiben enthält nichts weniger als eine Boykott¬
drohung gegenüber solchen Firmen, die das vom Vorlage unter
dem Deckmantel eines Nachschlagewerkes bewuht vropagierte
System: Juden, kauft nur bei Juden! nicht mitmarhen wollen.
Und da beklagen sich die Gemeinderepräsentanten! stder Wirt-
° schastsantisemitismus! , j
„Intellektuelles Ghetto".
Die Nr. 23 der „C>V.-Zeitung" tLentral^rein deut¬
scher Staatsbürger jüdischen Glaubens) bringt >ols Leit¬
artikel in groher Aufmachung einen tendenziösen Bericht
über die Stahlhelmtagung in München, trotzdent. auf dieser
die Iudenfrage überhaupt nicht erörtert wurde,
des weiteren einen zustimmenden Artikel eines jüdischen
Glaubensgenossen über das Ueberfetzungswerk eines anderen
Glaubensgenossen, betitelt: „Die Ueberbewertung des
Nationalen" und zum Dritten einen Artikes!über „das
Ende des Kapitalismus", der feststellt, dah sich der „Kapi¬
talismus des ungehemmten Erwerbsstrebens über¬
lebt habe". • ‘ • i
Mit Recht bekämpft die „C.-V."-Zeituilg in jletzter Zeit
den völkischen Radauantisemitismus, sie beeinträchtigt aber
die Abwehrwirkung ihres Kampfes, wenn sie-jetzt beginnt, in
dieser Weiieauf die Linie des „intellektuellen Ghettos" los¬
zusteuern, jene geistige Haltung, die -inan in nichtjüdischen
Kreisen als anational, einseitig linkspolitisch und destruktiv
gegenüber gewachsenen Institutionen verurteilt.
Sabbathgedanke und Wirtschafts-Antisemitismus.
In der letzten Repräsentantenversammlung der Berliner
jüdischen Gemeinde beklagte sich Ministerialrat Goslar. Mit.
glied der jüdischnationalen Vollspartei. zugleich preuhii,
deutscher Regierunqsvertreter. über den „wirtschaftlichen An-,
semilismus, der den Bestand der Gemeinde gefährde". o,.-
gleich trat er aber in dieser Sitzung für eine „Beleb». -
des Säbbathgedankens" ein. die- auf einer Linie mit der v.
seiner Fraktion stets vertretenen tcilweisen Freigabe r-
sonntags für jüdische Gcwerbezwcige liegen würde. — S.
diese Politik ein Mittel zu Beseitigung des wirtschaftlich
Antisemitismus bedeutet'?
Palästina, Völkerbund — und England.
Lord Robert Cecil war kürzlich in Berlin. Das Pr-
Palästina-Komitee konnte es sich nicht nehmen lassen, ihn ...
einem Tee einzutaden und zu einer Stegreif-Rede zu nötige,,
Lord Cecil erklärte sich für einen „überzeugten Förderer bi
Zionismus", was für einen Engländer selbstverständlich ii\
Im übrigen sprach er die denkwürdigen Worte: „Palästin,:
zeigt, daß der Völkerbund nicht eine akademische Idee iii
sondern ein praktisches Instrument der Politik, das geeignet
ist, ein neues. Stadium der Weltgeschichte im Zeichen de.
Völkerverbindung herbeizuführen."
Es wird nicht berichtet, ob zu der Veranstaltung auch
Hühner zugelasscn waren. Zutreffendenfalls dürften sie herz
lich gelacht haben.
Zwei Briefe.
Im „Schild", der Zeitschrift jüdischer Frontsoldaten, er
schien in Nr. 22 ein Artikel über die jüdischen Frauenorgan,
sationen., Der Syndikus des „C.-V." K a m n i tz e r schrieb
daraufhin an den „Schild" als Mitglied des R. F. F. folge»
den Brief:
»Ich beziehe mich auf meine Karte vom 7. d. Mt», in der ick
mein Erstaunen ausdrückte, dah Sir bei aller Anerkennung der
Frauenarbeit einen Leitartikel über die WohltahrlSarbeil der Frau
brachten. Ich bin der Meinung, daß solche Artikel in Frane.izeitnngen
und nicht in daS Organ der Frontsoldaten geboren. Im letzte» Blatt
finde ich wiederum einen langen Frauenartikel, der sog« noch in
einer Propaganda für den Zionismus endigt. Ich bitte wiederholt
darum, einmal Vernunft anzunehmen und derartige Artikel Frauen¬
zeitungen zu überlassen, da ick sonst gezwungen bin, den »Schild"
abzubestellen.
Mit kameradschaftlichem Gruß
gez. Kamnitzer,
Syndikus deS C.-B.
^ ^ Landesverband Thüringen."
Bravo. Herr Kamnitzer! Wir freuen uns. dah solche Eesin
nung noch im „C.-V." vorhanden und kampfesfroh auch
zur Abwehr zionistischer Machenschaften, wo immer sie be
troffen werden, bereit ist. Leider aber lesen wir in der
Nummer 24 des „Schild" diesen weiteren Brief des Herrn
Kamnitzer:
„Bon einer kleinen Reise zurvckgekehrt, finde ich Ihre Beleg-
Eremplare und darin meinen Ihnen seinerzeit übersandten Brief
im Wortlaut mit meiner vollen Unterschrift und, was daS Unglaub¬
lichste ist, mit-der Bezeichnung meiner Stellung im Centralverein,
so daß jeder einzige Leser den Eindruck empfangen muß, ich hätte
diesen Brief in meiner Eigenschaft als Syndikus des Centralvereins
an Sie gerichtet In Wirklichkeit habe ich als eines der ältesten
Mitglieder des Frontbunde» von meinem Recht, Kritik an dem
Vereinsorgan zu üben, Gebrauch machen wollen. ES widerspricht
allen redaktionelle» Gepflogenheiten, einen derartigen Brief ab¬
zudrucken. ES wäre viel richtiger gewesen, die darin enthaltenen
Lehren zu beherzigen.
Da Sie aber nun einmal mit dem Abdruck meine- Briefes
angefangen haben, muß ich Sie schon bitten, auch diesen Brief zur
Aufklärung der Leser zu veröffentlichen.
gez. Kamnitzer usw."
Ja. wir sind nun aufgeklärt — leider! Das ist die Tragik
der deutschfühlenden Menschen im „C.-V.": sie wollen das
Beste und dürfen es nicht sagen, sie sind deutsch und dürfen
es nicht bekennen, sie lehnen den Zionismus ab, aber be
kämpfen ihn nicht. Dem „S ch i l d" aber können wir nur
raten, die deutschbewuhten .Lehren" ihres Kameraden Kam
nitzer zu „beherzigen".
Schrikrleitung und verantwortlich: Heinz Ludwig, «lerlin-Wilmersdorf: Verlag: Verband uationaldeutfcher Juden E. B„ Berlin W. SS. —
Druck von Rob. Rohde K. m. b H, Berlin W. 35. — Für Herausgabe und Schristleitung in Oesterreich verantwortlich; Verband nationol-
deutjcher Juden. Wien II. Praierstrah« 34. Zimmer 22.