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Uten wir für unsere religiöse Erholung und Erweckung, — diese
Urnotwendigkeiten, die der Hauptsache nach aus anderen als Orga¬
nisationsquellen fHessen müssen? Wir haben im Judentum so wun¬
derbare Motoren einer kühnen, unternehmenden, nach Erlösung lech¬
zenden Religiosität. Sie sind nur mehr scheinbar in Betrieb. Was ta¬
ten wir, um den Schein wieder zur Wirklichkeit werden; um uns wie¬
der von ihnen treiben zu lassen?
Wir haben die Tatgebote, die Mizwaua maa&siaua, jede Mvnvo für
sich, sowie sie fällig wird, sozusagen ein Stichwort, um uns xur Be¬
sinnung auf Gott, auf den Weg zu ihm zu bringen, und alle zusam¬
men eine fast ununterbrochene Reihe von Besinnungen, die im Ef¬
fekte zu einer immerwährenden, beseligenden, läuternden Gottinnig¬
keit fuhren müssten. Aber leider nicht führten. Denn jede Mizwo ist
in stumpfer Gewohnheit geübt, vergehend, ohne eine Spur zu hinter¬
lassen, alle zusammen sind eine Kette vergessener Besinnungslosig¬
keiten, die uns Gott nicht nähert, unsere Herzen nicht läutert. Was
taten wir, um diesen tötlichen Zustand zu ändern? Was konnten, wir
tun, da wir ihn nicht einmal beklagten, ja nicht einmal erkannten,
da wir so genügsam, so zufrieden mit unseren Leistungen und mit
unserer Aufführung waren? Da uns keinen Augenblick lang einfiel,
. was'unsere Propheten von solcher Genügsamkeit hielten?
Wir haben eine Verheissuhg für das «Ende der Tage»,einen Antrieb
von wahrhaft überirdischer Gewalt: unser und der ganzen Mensch¬
heit Erlöser werde kommen, wenn die Zeit zur Neige geht, aus un¬
serem Stamme, dem auf ihn zu gezüchteten, werde er kommen. Und
es ist uns gesagt, dass wir ihn uns verdienen können, wenn ihn der
ewige Schöpfer in seiner Gnade nicht früher schickt. Wäre es da
nicht selbstverständlich gewesen, dass wir lieber das Verdienst eis
die Gnade wählten und arbeiteten, arbeiteten, um den himm¬
lischen' Preis zu erringen? Leider aber scheint uns das Selbstver¬
ständliche nicht verständlich zu sein. An alles dachten wir eher, als
an die messianische Verheissung und an das, was sie von uns for¬
dert. Jahrhundert auf Jahrhundert verrann ohne Gewinn und das
letzte brachte sogar Verlust auf Verlust» Und was taten wir, um die¬
se Gleichgültigkeit zu besiegen, um die Messiaaerwartung, eine reine,
grosse, echte Messiaserwartung mit allen ihren Schauern in unserem
Volke lebendig zu machen, um damit seiner Leidenschaft für Gott
Flügel zu geben? Was taten wir? Und was konnten wir auch tun, da
wir im Grunde unseres Herzens vor nichts mehr Angst h ab e n, als
dass unseren ach so kritischen und ach so unzulänglichen Zeitgenos¬
sen unsere Religiosität überspannt erscheinen könnte?
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