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es bliebe noch die Selbstverschwendung, in die weltliches Leben
uns stürzt: „Sich an die Außenwelt verlieren, selten bei sich selber
sein, »och seltener Qott gegenwartig haben". — diese Worte einet
Gläubigen bestimmen dm Begriff ein es, solchen Leben« und verdam¬
men es vom religiösen Standpunkt.
Aber, die Religion hat noch einen Feind, einen viel listigeren
und nicht minder gefährlichen. Alle anderen stellen sich uns mit einer
gewissen Offenheit dar, sie geben sich für das, was sie sind; wir
können uns über ihre wahre Wirkung und deren Folgen nicht täu¬
schen. Jener aber verkleidet sich, legt eine Maske vor, um sorgsam
sein Gesicht xu verschleiern, scheut sich nicht, seine wahre Natur
unter frommen Erscheinungsformen zu verstecken. Schon sein
Name laßt sich so unschuldig wie möglich an, um uns die Täuschung
zu lassen, wir hätten es mit etwas Geringfügigem, Harmlosem, zu
tun, mit dem unsere Religion sich vereinbaren könne. Routine
schreckt niemand; sie verfahrt verstohlen, schweigend: wir leben
mit ihr In so inniger Vertrautheit, daß wir schließlich ihre Gegen¬
wart gar nicht mehr bemerken.
So wie fortgesetzter Müßiggang in verhängnisvoller Weise
die Seele einrosten läßt, ebenso rostet durch Routine unsere Fröm¬
migkeit ein. Langsam, regelmäßig durchsetzt sie unsere Seele; um
so ärgere Zerstörung richtet sie an. Wenn wir die Hülle, die sie
deckt, abheben, um ihre wahre Gestalt zu erkennen, was sehen wir?
Einen gewohnheitsmäßigen Zustand der Trägheit, der Starre, die
Abwesenheit jeder persönlichen Anspannung, eine moralische Mittel¬
mäßigkeit, die alle unsere Energien lähmt eine Öde Selbstgenügsam¬
keit, die den Wunsch nach Besserung in uns ertötet. Hersagen von
Gebeten ohne Aufmerksamkeit; Wiederholung mechanischer Ge¬
sten; gewohnheitsmäßige Verzückung des Körpers an Stellen des
Gottesdienstes, denen unsere Seele fern bleibt; leeres, eitles, formel¬
haftes Immer-wieder-Hersagen; triebhaftes Mißtrauen gegen alles,
was unsere Starrheit stören kann; Gedankenlosigkeit im Gottes¬
dienst: „Vergiß völlig, vor wem du stehst"; es ist das Gegenteil von
der Vorschrift der Weisen. Lauheit, Flauheit, Langeweile: Dauer¬
lüge einer Seele, die zwar untreu geworden ist, aber gern den
Schein der Treue wahrt.
Solcher Art ist die Routine, und diese Feindin der Rellgon
hat das Besondere, daß sie nicht nur auf die Einzelnen wirkt, wie
die andern Gegnerinnen. Sie wirkt auch auf ganze Kreise; gewinnt
ganze Gemeinden: der äußere R ah men wird Im mer gehalten,
Funktionen werden vollzogen, die Bräuche geübt, aber kein Hauch