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Freies Blatt
Abonnementspreis: Organ zur Abwehr des Antiseinitismus.
Sanziähriz mit Poft;usrndunz . ft. r.5». _
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Rrdaclion und '.'lüiniiiisiration:
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I. SoifoirtüIU' 10.
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I. jnjrgflng.
Nnimner 12.
Wie«, 26. Juni 1892.
Das verunglückte Linzer Gastspiel.
Unter der Rubrik unseres Blattes, welche antisemitischen Vcr-
.einen und Versammlungen gewidmet ist, jindcn unsere Vefer einen
eingehenden Bericht über das verunglückte Winzer Gastspiel der
„christlich-socialen" Trias Bechtenstein-zstieger-Schneider. Ter Be¬
richt erscheint an dieser Stelle nur mit Rücksicht aus die Personen,
die das Meeting einberusen hatten; i» seinem Verlaufe trug dieses
aber keineswegs den sattsam bekannten Charakter antisemitischer
Versammlungen. Die üblichen, gegen Inden und „Iudciilibcrale"
gerichteten Zwischenrufe ermunterten diesmal nicht die Vortragenden,
und die sonst wohlorganisirte Claque versagte entweder den Dienst
vollständig oder wurde in ihrer Arbeit durch Zischen gestört.
Rachdem der Versuch, eine geschlossene Versammlung ein-
zuberufcn, mißlungen war, mußten sich die Wiener Gäste bequemen,
in einer,, freien Versammlung ziGcrscheinen. Zn derselben hatten
sich nun in weitaus überwiegender Anzahl socialdemokratischc
Arbeiter cingefundcn, welche bei der Constituirnng des Bureau
Männer ihrer Partei zuVorsitzendcn und Schriftführern beriefen.
In Wien kam es häufig vor, daß die Antisemiten selbst in ge¬
schlossene Versammlungen ihrer Gegner haufenweise eindrangcn;
aber so oft dies geschah, sprengten sie entweder die Versammlung
oder mißbrauchten ihre numerische Ueberlcgenheit, um" die Ein-
berufer" nicht zu Worte kommen zu lassen, sic zn beschimpfen,
ja selbst thätlich zu insulliren.
Anders benahmen sich die Arbeiter liii '.'Inz. Ter Vorsitzende
begnügte sich damit, die Anwesenden zu ermahnen, daß ne den
Anstand wahren seilen, und verrielh Humor, indem er es unter¬
ließ, jenen Bruchtheil der Versammlung näher zu bezeichnen,
welchem eigentlich diese Mahnung galt. Prinz viechieustein und
Tr. f'uegcr konnten dann ungestört das sagen, was sie über das
Gewerbe- und das WährungSwcsen vorzubringen batten. Sie ent¬
ledigten sich ihrer Aufgabe, -waö die Form anbclanKt, in ziemlich
maßvoller Weise. Vielleicht die Mahnung des Vorsitzenden, jeden¬
falls aber der Mangel eines — von vornherein abgekarteten oder
durch Gemeinsamkeit der Bestrebungen bewirkten — Züsammenspiels
zwischen dem Vortragenden und dem Auditorium ließ die ruf»i«*^
autisoinitica. nicht recht zur Geltung kommen. Sogar der Mechaniker
Schneider hütete sich, irgend ein Märchen von einem jüdischen
„Ritualmorde" oder einer magyarischen Grcuclthat gegen arme
Rumänen zum Besten zu geben.
Zn der Tiöcussion, welche sich an die Vorträge knüpfte, kam
namentlich der Prinz übel weg. Herrn f'uegcr's Ausführungen
über die WährungSfragc schenkten die ^'.'inzer Arbeiter weniger
' ernste Beachtung, wie sie sich ja auch an der Beschlußfassung über die
-von Lueger allerorten eolportine Resolution gegen die Einführung
der Goldwährung nicht betheiligten. Tem Prinzen aber wurde in
'.'in; von soeialdemo^ratischer Seite rundweg erklärt: Tein '.'os
ziehen gegen das mobile Capital ist unS nicht unsympathisch, allein
wir fragen nicht danach, welchem Stamme oder wclchqm Bekennt
niste derjenige angehört, in dessen Händen sich mobiles oder
immobiles Capital befindet, und kärgliche tz'öhne behagen, uns'auch
dann nicht, wenn sie sjatifnndienbesitzcr zahlen. In . Rümmer l
des „Freien Blattes" schrieben wir: „Die Sooialrcform der Anti¬
semiten ist eine partielle. Sie schont liebevoll Fideieommiste, Kirchen -
güler X: und steuert hauptsächlich darauf los, die Juden und
„Indenkncchte" in ihren Besitzverhältnissen zu. schädigen. Rur gegen
diese führt sie auch socialiftische lehren inö Treffen. War aber
der nationale Antisemitismus ' außerstande,,, auf dev schiefen
Ebene reactionärer Gelüste innczuhalte», so erscheint es liinjomchr
als ein eitles Beginnen, Verbitterung und Begchrljchktit, wenn
man sie bei Besitzlosen wachgcrufcn hat, nach .einer Gstiminlen
Richtung zu lenken, .Komntt einmal die t'eiden
nm Aus-'
schafl P
bruche, so respeetirt sie keiiw gebundene Bkarschroute." Die Worte,
welche der Auserkorene von Hernals^ in vinz zu hörjn bekam,
sind ein Zeugnis: für die Richtigkeit unserer Auffassung! und sehr
geeignet, auch in Kreisen auiklärend zu wirken, die sich über den
praktische» Werth der antisemitischen Soeialrcförm Illusivncn Hin¬
gaben und von ihr eine auf fremde -tonen herbcigcführtc Asteeuranz
deS eigenen Besitzes erwarteten. !
bald ver¬
stand
Allerdings
Tr. i'ucgcr wird das verunglückte 'sinzcr Gastspiel
schmerzen." Es ist ihm schon in Wiener Versaininlungen weit
schlechter ergangen ia!s jetzt in der Hauptstadt Oberösterrsichs. Wie
hat ihn zu Beginn der Achkzigerjahre in einer.Wählervcrsamm-
lung auf der '.'andstraße Herr Cornelius Vetter btoßgestellt!
'.'negdr gcrirle.sich damals, noch als unbeugsamer Demokrat
jedoch schon in zarten Beziehungen zum Antisemitismus,
schämte «• sich damals derselbe» und beobachtete jene! Halling,
welche-am lritsendsten Heinrich Heine in den Verien keiiuznchnol:
..blamier' w.iw niw:, »nein 'wone-? >iiii:.
Und grün- mich. :i:>1n inner tc.n rinzen?
ttzciin wir nachter-.zu 'ö.uoe mW, H
A.-irr sich >>1wn Alle-:- finde«."
Vetter war indessen zu jener Zeit so indiseret-,'eines Abends
zn vcrralhc», daß der T>»iokral Tr. '.'ueger ihn zu dem Eintritts
in den '.'airdstraßcr politischen Verein „Eintracht", mit
merken eingeladen habe, daß er, der noch nicht offen
scmilismns bekennen dürre, den jüdischen Vercinsmirgliedl:
zusctzcn werde, daß diese aus freien Stücken austretcn werden,
'.'ueger gerielh in-Zorn -und schleuderte Herrn Vetter de i Vorwurf
der tendenziösen '.'üge entgegen. Tic damalige Versammlung aber
schien - die Glaubwürdigkeit Vetters nicht in Zweifel - zu ziehen,
und cs erschollen Mehrfach Ruse, die für Herrn '.'»leger nichts
weniger als schmeichelhaft waren. „Deine Rolle :st ausgespiclt,"
dem Be
den Anti-
rn derart
rief man ihn^ von vielen Seiten^ zu. Rach einiger Ze
dcsi'en Tr. '.'izeger wieder eine Wiener i'oealgröße und e
der vom -ehemaligen Gemcinöcralh>
Tr.
v war in-
:freute sich,
'Rkandl ins
inde Über¬
and später
während
'.'eben gerufene Verein „Eintracht"- in antisemitische H
ging, der Unterstützung Vetters. letzterer aber verschir
vom öffentlichen Schau-plavr,-4i»d es hat den Anschein. daß '.'ueger,
vielleicht eingedenk, der Indiser-etion, die ihn einst so peinlich be -
rührt hatte,-dieses Verschwinden herbeizuführen gesucht hat
Bei der „Elastieität" Tr.'.'negcr's ist wohl anzumhmcn, daß '
ihn sein Fiaseo in Tberösterpeich ebensowenig geniren werde- als -
die thcilwcise noch weit empfindlicheren Tcmüthigungcn welche er
sich in Wien hat gefallen lauen. Er wird voraussichtlich -trotz der
'.'inzcr Erlebnisse noch in anderen Provinzstädlen sein Glück -ver¬
suchen. Ter antisemitische Prinz aber wird bei.solchenGastspielen
schwerlich mehr millhun. Die Herwen Schneider und'.'Niger waren
so rücksichtsvoll, ihren hochadeligen Freund vom dem Rumänen'
rummel in Wien gar nicht in .Kenniniß zu setzen, w de ß er no
trag lief) -seine Hände in klnschuld waschen konnte, -und dürften ihpi
gegenüber in Zukunft bei nusicheren Gastspielen in djer Provinz
eine gleiche Rücksicht beolnichten. jj