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Freies Blatt.
Aus der Wsniarck-Mocbe.
Es gibt Mem'chen, welche selbst dort, wo sie beten wollen, fluchen,
und lästern, wo ne lobpreisen- wollen. Leo der Haß sechs Tage in der
' B'oche die Herzen ausschließlich gefangen hält, da kann am siebenten
Tage nicht urplötzlich reine Begeisterung sprießen, da verwandelt sich
jedes ('vritbl nothwendigerweifc in eine häßliche Fratze. Tie Verdienste
Bismarcks um das deutsche Voll siehe» so hoch, daß in seiner Gegenwart,
sie babe welchen Anlaß iiniucr, anständige Menschen »nt Außeracht
lasinng jeder Barleinieinung nur dem einen Gefühle der Hochachtung
und Bewunderung freien Weg lauen. Politische Ganenbube» aber
tonnen den Mann', deutete ihre Anhänglichkeit bezeigen wollen, nur
durch wildes Sohlen, Stoßen und Drängen, durch .Hochrntc ans die
Miiuatnrearieatnr des Gefeierten und durch blutige Straßeisteenen
- verebrei: Es jsi dies gewiß der mildeste Standpunkt, den wir den
traurigen Borto^mnstsen der Bismorck» Woche gegenüber ciunchmcn
können. . .
- Schon k:e T uvertnre. welche eine gewisie Breste vor der Ankunft i
des t^asies .ustivielie, -tieß befürchten, daß man die Gegenwart BtS-
inarck s anläßlich der Vermählung -seines SohncS Herbert- mit der
(romteüe Honos nicht bloß zur Ehrung des deutschen 'R'ationalheroS, ;
sondern auch noch zu minder heiligen Partcizwccken zu mißbrauchen .
beabsichtige. Tie ..Ostdeutsche Rundschau" nahm den eisernen Ranzlcr :
anö'chließl-ch ssir sich in An'vrnch und fäslug zur größeren Berbcrr- '
lichnng des .Gastes unbarinkersig aus »Inden, „Fndenliberale" und
„.»ndcnvres'e" los. Tie ..Unverfälschten" reprodueirien eure bekannte
Nicke des eacinatigen 'Abgeordneten Cttc v Bismatck über Zwangs
pslicht zum »iinunigsbeiiritt, Bortheile des Znn'twe'ens, Ge^ihren über
-mäßiger Arbeitsthetlung und Eon-nrrenz n. s. w., gehalten in der zweiten
>ia»l»:.'r in Berlin 1 "4'.*. T as .. Teut'che Bolksblatf aber begrüßte
ihn d..e.t .'.iS ..den Verfechter des vraltischen Antisemitismus, als
dessen Bahnbrecher", indem es ungleich die vicleitirte, im preußischen
Landtag. 1^47 von Bismarck gehaltene, gegen die -niden 'gerichtete
'trete tbeilweu'« reprednoirte
11ns s.i.lt es natürlich nicht ein, die Per'on des grestev. Staats¬
mannes, den. unsere 'Stadt ; :t beherbergen die rill re hatte, zum liegen
stank en-.es politi'chen, «''ezänkes tu machen. Wir erachteten dies unter
-den gegebenen Berlialtnisten als eine vnblieisii'che Taktlosigkeit, Es
'oll:-.- i'.iit ^ schon hier daran' hingewiesen werden, was spater noch
deutlicher in die Augen springt, daß e-s durchaus wolilbekannke Leute
waren, welche das auch von der liberalen Preüe dein leaste znbrachte
wnrdere.le Willkommen durch, schrille Mißtöne störten, und daß es der
Änti'eniitismus. wenn auch nicht in ostieieller Gestalt, war, der um den
Blagen des ermüdeten Reifenden stcki drängte und am Rordweftbahnhose
wie iii der B-aiinerstraße lärmende Secnen veranstaltete.
T.e .'iornbtuine, die deutsche Trieotore, gcwiüe deutsche National- '
licü»:. d:e Abteichen der Burschenschaft sind leider cben'ovtelc Gr- ^
keniiiiiigsteichen unverfälscht antisemitischer <>V'Uitnuttg geworden, Es :
heißt kaket nichts in die Tliatiachen hincininterpretiren, wenn wir die '
loriiblumeu und liändcrge'chiuückten Männer und Frauen, die .
Bii-.'chenscha'te-. lind belannteii „deiitichnational-'n" -stornphaen, welche
sich a>u I,1nni zinli -Rordiveiibahnho'e drängten-, wenigstens mit Rück. !
sicht an' die Peuoncii einen woklarrangirten '. antsteinitstchen Ätstzng
nennen, Es liegt etwas Beschämendes darin, daß Bismarck i'o in
Wie!: oinp'aiigen werden mußte.
Als der Farn, sichtlich ermüdet von der eireise, dem Wagen entsiicg,
entstand unter der tatsteudlöpsigen Menge plötzlich eine heftige Be¬
wegung Alles drängte nach vorwärts, und der Fiirst, die /vüiitiii,
sowie .die Bersonlichteiten, die ihn empfangen hatten, befanden sich
alsbald inmitten eines wilden Getümmels, dem die Polizei nicht mehr
Einhalt ;u thun vermochte. Es scheint, daß ein Hause.Menschen von
auswärts an einer nicht überwachten Stelle in den Bahnhof und auf
den'Perron gedrungen war, denn dieser war plötzlich von mehr als
der doppelten Menge von Leuten erfüllt, 'und Personen, die inan .
srul.'i nicht gesehen hatte, dnrchbracl,en das -Spalier und drängten
sich >r de ltmmtteUhue 'Rähe des ,Fürsten. .Bismarck war bald von
setv.cr Begleitung ' und von den Mitgliedern der Familie Honos ge' ;
trennt, und nur Grat Herbert Bismarck hielt bet ''einem Pater -Stand
und bemühte sich, demselben einen Ausweg aus dem Gedränge zuni
Wartefalon tu bälmen. -Auch die Fürstin gcricth in ein arges Ge¬
dränge, wodurch sie sich sichtlich' beunruhigt und beängstigt fühlte, und
Graf Honos müßte Alles aufbieten, um den Andrang äbzuwchrcn. j
Bon allen Seiten hörte man Ruse der Mißbilligung dieser un- !
würdigen Seene. Bon dem «traten Herbert geleitet, gelangte Bismarck >
endlich in den Wartefalon und durch diesen in die Vorhalle zu dem-
für ibn bestimmten Wagen,. einem ossenen, viersitzigen Landauer. Reben
und hinter ihm drängte und stieß die Menge, um gleichfalls den AnS-
Nr. 12.
> gang ;u gewinnen, Ta nicht Alle ihm durch die AuSgangSthür folgen
! konnten, öffneten die Leute die Fenster des Wartesalons und sprangen
| durch dieselben hinaus. Als der Fürst mit dem Grafen Herbert bei seinem
; Wagen anlangte, war derselbe schon von einer dichten Schaar um»
• lagert, denn es scheint, daß trotz, der Absperrung sich auch von Außen
' Veiite herangedrängt hatten. R'achdem -der Fürst im Wagen Platz ge-
. noinmcn hatte, kam cs zu einer -Scene, die,auf alle ruhigen Und an-
! ständigen Augenzeugen einen sehr unangenehmen Eindruck machte.
! Bevor Graf Herbert Bismarck von der entgegengesetzten linken Seite
; den Wagen besteigen konnte, drängten sich etwa vier junge Leute in
- denselben und an den Fürsten heran. Eine so ansdringliche Huldigung
| schien ihm nun selbst zu viel zu sein, und er gab durch abmehrcnde
j Armbewegnngen seinem Befremden Ausdruck. Man mußte befürchten,
^ daß. wenn noch mehr Leute dem Beispiel dieser zudringlichen Bursche
folgen, der Fürst aus dem Wagen gedrängt werde. Run schritten die
Wachleute ein und mußten die Eindringlinge auS dem Wage» reißen,
da dieselben nicht gutwillig weichen wollten. Unterdessen gelang es dem
l^rasen Herbert, in den Wagen zu springen, und in sichtlicher Er«
-regnng wehrte er mit erhobenem Regenschirm den weiteren Andrang ab.
»Inzwischen stand aber eine-dichtgedrängte Menge an der anderen Seite
des Wagens, wo der Fürst saß, und die Leute benützten die Gelegenheit.
. um ungenirtcr in den Wagen zu langen, die Hände des Fürsten zu
täücn und zu schütteln und >£ üüc auf dieselben oder wenigstens auf
die Aermel seines Rockes zu drücken, was er sich lächelnd gefallen ließ.
Endlich-tvar cs dem »iukscher möglich, seinen Wagen durch die dichte
Menge langsam vorwärtSzubringcn.
Tainit war aber der „deutsch nationale" Radau keineswegs zu Ende.
So wie er schon lange vor 'Ankunft des Fürsten begonnen hatte,
wurde er jetzt auch aus offene«' Straße wacker fortgesetzt: Trupps von
„ Tenüch 'Rationalen", Turnern, Burschenschaftern durchzogen die Straßen,
'angen. die „Wacht am esihein", „Tcutschland, Tcntschland'übcr 'AlleS",
und riefen in einem'Aihem „Hoch BiSimarck!" und „Hoch Schö¬
ne r e-l k"''Auch der Rn' „'Rieder mit den Fudcn!" soll sich in
den Fubcl ;uv freier eines großen Mannes verirrt haben. Unwahrscheinlich
klingt dies Leuten gegenüber, welche- Schönerer hoch leben lasten,
jedenfalls nicht 'Rachdcin die Tnmnltuanieii der Börse für landwirkh-
scha'tliche Produeie iu der Taborstraße eine kleine antisemitische iTvatio»
gebracht, zogen sie unter wechselnden Zwischenfällen nach der
Wallncrstraße, wo sich das Palais Palst» befindet, das Abstcigeguartier
des Fürsten. Hier kam es »tut zu der bedauerlichsten Ausschreitung,
eiin Theit-der Temonstranten suchte vom Graben aus in die Wallner-
siraße zu^gelangcn, fand jedoch den Eingang zum jtohlmarkt durch die
Wache abgewerrt' Run rieten stc: „Vorwärts durch die 'Raglcrgaffe!"
und wollten von hier in die Wallnerstraße gelangen, was in ähnlicher
Weste mißglückte. Tie Leute im Zug l>e,gnügten sich vorläusig damit,
immerwährend die ..Wacht am Rhein" zu singen. Tic Menge wurde
in- der Raglergaste wiederholt aufgefordcrt, sich zu zerstreuen, jedoch
ohne Erfolg: Riste: ..Hoch Bismarck!" waren die Antwort der Tc-
ruonstranten. Tie Zahl der Letzteren hatte inzwischen bedeutend ab-
genommen, da ein großer Theil -derselben die Unmöglichkeit, zum
PalaiS zu gelangen, erkannte un^ sich allmülig verlor. Ter größere
Tbeil zog jedoch durch die Bognergastc, über die Frcnuiig zur Slrauch-
gaste, in der Absicht, von dort in die Wallncrstraße cinzudringcn, aber
zum dritten Male fanden sic den Zugang besetzt. Runmchr brach die
Wuth der -Temonstranten los. Sic lärmten wieder in der oben ge»
schilderten Weise, aber schon den tirsien von den dcmonstrirendeu
Schaarcn'traten Wachleute entgegen^ die sie auffordertcn, umzukchren.
Tie Studenten wichen zurück und stießen drohende Rufe aus. Der
Eommistär rief laut und energisch: „Ruhe!", woraus die Studenten
- vordrangen. „Zurück! Fm Rainen deS Gesetzes!" riefen die Polizei»
organc. „Vorwärts!" schrien die Temonstranten, „Hoch Bismarck!",
„Hoch Schönerer!" »in diesem Augenblicke hefteten die Tetcctives
ihre Abzeichen an und forderten zum letzten Male die MenAe auf,
nch zu zerstreuen Polizeicommisfär Samek, der in einer (Gruppe
besonders lauter junger Leute den Hauptschrcicr zur Ruhe mahnte,
wurde von diesen beschimpft und erhielt einen Stockhieb auf die rechte
-Hand, so daß ihm der Taumcn stark blutete und sofort anschwoll.
Ticscm Gebahren gegenüber trat schon die Wache energischer vor.«'Als
alle Mahnworie fruchtlos blieben und von den erregten jungen Leuten
nur. mit höhnischen Zurufen erwidert wurden, zogen die Wachleute
vom Leder und schlugen mit der flachen Klinge drein. Dies geschah
in der Strauchgastc. Bon der Freyung auS wurden die Demonstranten
gleichfalls von der Sicherheitswache angegriffen, so daß die Studenten
stch wie zwischen zwei Feuern befanden. Es entstand ein fürchterlicher
Lärm und Tumult, die Angegriffenen suchten sich schreiend durch»
zübrechen, einige riesen: Rekte stch wer kann! und viele flüchteten irr
das an der Ecke der Freyung und Skrauchgaffe befindliche Eafst