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Nr. 12.
Freies Blatt.
politische Meinung sei, kam Lueger auf fein Steckenpferd, chic Baluta-
rcgulirung, und suchte die Arbeiter gegen die Goldwährung zu haran-
guiren. Zn künstlerischer Weise verflocht er damit die' Foi dcrung nach
dem achtstündigen Arbeitstag und wies sonnenklar nach, diß, wen» die
Goldwährung komme, dieser schöne Traum dcr.Socialdetiokratic vor
über sein werde. Lueger zeigte sich im Allgemeinen als facultativer
Socialdemokrat. „Aber die Klnglstit," sagte er, „darf b:i dem vor¬
wärts nicht anSblciben. Man muß, wenn man licht steil
geradeaus auf den'Berg kommt, das Wegcland, das
sich hinausschl angelt, im An ge behalte» und befolgen,
und dieser Weg ist'nicht der, untereinander z r streiten,
sondern zusaminenzugehc»." Beifall unp Gelächm wechselten^
je nachdem Lueger mehr in den socialdcmokratischen oder antiicmitisckcu
Jargon fiel, und als er sich seiner neuesten .'peraMa^iiiiqci de» Ar
beitem gegenüber berühmte, erinnerte ihn ein unchrcrbieiigcr, aus anii
semitische Zucht offenbar nicht traininer Zwischeuruscr an das von
unS gleichfalls geschilderte Fiasco in Lin;. 'Aichtsdestow niger leistete
nch der Selbstbehcrrschcr sämnulichcr Bierbünke die bescheidene Schluß
Phrase, er habe die Einigkeit der christlichen Parteien zustande ge¬
bracht, er werde auch die, Einigkeit der Arbeiter mit d:n l^ewerbe-
kreibcnden und Baüerii zustande bringen, da töiliien die Sgcial-
demotrale» mache», ivaS sic wollen. Einstweilen crlai bien «ich die
Socialdcinokralcn jedoch noch,- dagegen ein ebeaiio heileres als energisches
Bci.o einziilegcn, und nun begann die eigentliche Abniw der groß"
manligen Bollspatrone. ^
Ter «Führer ^er Sociaidcntokralen, Herr elfenmann, ergriff
iodan» das Wort und erklärte klie .Haltung- <Leß>ua»i 's bezüglich
.des A'ormalarbcitSkagcS für verschwommen, weil l^cßman» für das
Kleingewerbe denselben- nicht wünsche. Ein „Ehristlich Soiialcr", Herr
Armani,. sin selbst kür einen l lstnndigen .'Arbeitstag ei» zetreic», ob'
wobl -die anderen /»'rupveu der >ia»finannsgclnlfeu ei ne geringere
Arbeiisreit verlangten. rU'iife der Sooialdemokr >ien., -'Ten
Mininiallohn.vertreten die „Eliristlich Socialen" nur wegc i der Klein-
gewerbetreibenden. Bezüglich der schlechten" Wirthschafl nil den .von
Tr. <»si'ßnianii erwälinzen Brndcrlade» sei zu bemerten, da'? in manchen
Bcrgdireelioueu Herren der „christlich socialen" Baneirihtung seien.
Weiter sei Tr. t'sißmann tu verübeln, daß er gelegen kstl> der Be¬
eil Arbeiter
ig der Ilisti-
rachung über '«»sinverbeinivectoren nicht warm genug für
'chup eiugelrcien lei und insbesondere niciit die Ansdelnui
reite A.
Dopler, wo sie erhitzt und erschöpft anlangten. AuS allen «Fenstern
blickten die Inwohner im Nachtkleidc heraus und verfolgten daS
kriegerische Schauspiel. TaS Gefecht war nur von kurzer Tauer. Bald
wurde der AnSgang. auf die Freiung frei gemacht, undj die Temon
strantcn flüchteten eiligst. Auch die angesammeltcn 'Reugierigen wurden
rasch zerstreut, so daß um Mitternacht vollkommene Ruhe herrschte.
Unter den Bcrwundetcn befanden sich ein Schriftleiter des hiesige»^
antisemitischen TagblatteS und mehrere ankere bekannte Eomvarsen
antisemitischer - Radauversaininlungen. §o fl stoß der erste Tag der
Jubelfeier, welche man zu Ehren des großen ä'insiedlcrS von, Sachsen-
walde veranstaltete.. Tic gewaltthätigs Roheit und daS gesellschaftliche
SanSculottenthum. konnten die Antisemiten auch bei dfeseni Anlässe ko
wenig verbergen, wie Mephisto seinen Pferdefuß. , <
Wenn sic sich auch am folgenden Tage, vielleicht in einer An¬
wandlung von Schamgefühls bemühten, den „deutschnalionalen" Anti¬
semitismus gewissermaßen von seiner salonfähigen'Teile zn zeigen,
indem zahlreiche Studenten, Teputirte, darunter auch der antisemitische
Abgeordnete Hauck, mit .Kornblumcnstrüußchcn yorfnbren und im
Palais Palffn mit Kornblumen deeorirte Bisitkarien abgabcn --- der
vollberechtigt peinliche Eindruck, den die merkwürdige Huldigung' vom '
vorhergehenden Abend auf alle anständigen Menschen und besonders
ans den Fürsten selbst hervorgcbracht batte, ließ nch dadurch nicht ans
der Welt fchasf.cn. In eine,), «bespräche, das BiSinarck bei der Soir-e
im Palais Palffy mit dem gleichfalls erschienenen. Bürgermeister
Tr. Prir untcrbiclt, üiißernMer sowohl seine Freude über den berz
lichen Empfang, der ihm in Wien bereitet wurde, wie seine leb
I,iifte) Mißbilligung über die Er eene, welche sich am
Abend bei seiner Ankunft, abgespielt haben. Seine Tant>agung für den
berzlichen Empfang in Wien veröffentlichte der Fürst vor seiner Abrcii'e
in dem hervorragendsten Trgan der deutsch-liberalen Partei Testerreichs,
in der „Reuen Freie» Preise".
Es ist dies eine bittere, Lection für jene Eliaue, die gerne einen
Mann ii>i^. Bismarck für stell in Anspruch nelnnen möchte, um dadurch -
nch jene Eristcnzbcrcchtignng zu verschaffen, die ne anS nch heraus
nicht besipt. ^Kwifferniaßen, als iollie niemand darüber im Zweifel
sein, daß es der Äntifeinitisnins, wenn auch diesmal unter deutsch
nationaler «Flagge, ivar, der i» den Straße» Wiens rumorte, machte
'Tr. Lueger die Borgänge in der Wallnerstraße im Rcichsratbe rum
Gegenstände einer Inierpellati.vn. Selbst ein der Partei Luegers »ein'
nalicstebcndeS Blatt weist auf den inneren Wider'vruch und die t'sinvagi-
heit dieser Iuterpellaiion hin. Wir fragen hier nur das eine: Wie kommt
Tr. Lueger, der bekannte '»'egner des Rationalismus, Tr. Lueger,
der Prvteeior der Rumänen Tepnialiou dazu, eine Lauze für die denisch-
nätionalen Tcinoustrauien Ai breck,e» L Tic einzig plausible Lösung des
RäibsiNs läge nur in der Annahme, daß sich in Lueger das Sslidaviiäts-
gcfühl, das ihn mit allen Auii'euiiien der Welt, alio auch mir den
Rosenauer Eoulcur verbindet, anläßlich der ' jüngsten Scandalscencä
rührrb. Ter internationale Eharatier des Auliiciniiismus tomint somit
selbst 'bei'nationale» Temonstrationcu zu:» Borschein '
&Kultatir>c 5ocial£emoh'atio.
Tie neuest: Liebhaberei der , „christlich socialen" Aniiseuiiic» bestcbt
darin, soeialdciiiotratische oder doch wenigstens von Arbeitern doininirte
Bersainmlnngcik' aufzuiuchen und so gewifsermaßen eine Menstir zwischen-
dem „christlich socialen" und dem soeialdemolratjscheu Brogramm herbei-
zuführen. Tb es dabei den antisemitischen siircheulichleru bloß um die
Bekehrung der Arbeiter von dem dlirch .'»den a.igezetlelien ,'oeial
deuiokralischen Irrwahn, z» ihun ist, oder ob sich geiviste. Führer auf ,
dieie Weise schon bei Zeiten eine Rothbrückc bauen wolle», bleibe l
dahingestellt. Wir wissen nur das Eine, daß den allbejubelieN und viel :
verhilnü'ielten „Boltsmännern" Luegcr, Schneider, Liechkensteiu u f w.
in derlei Ber'animlilngen, wie wir auch noch au einem anderen Beispiel ^ großer 'Biatiherzicheit dein Eapital-gegenüber zu rechnei lige». Allein
zeigen,- iii'.mer tüchtig hcimgcleuchtct wird, und daß'eS wenigstens für
Ilnbelheiligtc deu 'Anschcin gewinn;, alS erlanbten die verstockte» Social
demokratcn sich ' mit Ihro Wohlgeborcn Und Hochwohlgeborcn eine»
recht guten Tag zn bereiten.
So schieii es wenigstens uns anläßlich der am Juni beim
wohlbekannte» „Golde neu Luchsen" staugehabten Arbeiter
Versammlung, welcher Tr. GcßNiann und-der unvermeidliche
Lueger beiwohnten. Beide breiteten zum fonndsovieltenmale ihr
bekanntes Waarenlagcr aus, wobei sie sich wohl hüteten, mit den
christlichen. Stücken allzu vordringlich zn sein, und lieber die sociale»
in möglichst grelle Beleuchtung.ruckten. Und es ging wirklich Alles leidlich,
iMange nämlich Geßmann und Lüeger alleist sprachen nnd jeder Ein
Avu.rf dev Socialdemvkratcn von den Antisemiten uiedergchenlt wurde.
Li ach einer langathniigcn Tarlcgnng dessen, was monicnkan feine
- tunou aut d:e Landwirlhfchafl^ die «Frachienniiternehmuugeu und-Berg
- werke angestrcbt. habe Tie laudwirtb.schastlichc» Arbeiter werden per
- nachläingi. ,>>. B.: Prinz Licchtcustein zahle a»f feinen E'ülern einen
. sehr geringen Taglöhn. Tie Soc'ialdemokratc», sagte der :>cedi er, seien bei
Anriseniilen gegenüber auf dem vorgeschritteneren Siandvnuti:, weil sie das
inkcrnaiionale, intereonfcssiouelkc Eapital bekämpfen. Es sei ferner nicht
richtig, daß die Socialdciuokraten gegen Ber'chiedencs nchi Stellung
nahmen, iondetn ne iejeu bei den Wahlen gegen diö indirieten Steuer»
nnd für die vrogreisipe Einkoininenstcuer aufgetreien. Tr
leinen Einfluß auf die Getepgebung. Als Lueger nun k
.„Haben Sie gegen den Bierkreuzer demonstrirtL", erhielt
fertige Annvörk, Herrn'Tr. Lueger liege der Bierkren;er
es sti begreiflich, wenn er jenen, -welche mehr B.ier verln
am Herze» liegt. Heiterkeit der Socialdemokraieir. . Tie
traten unterscheiden ück, von den Aniiseinilen dadurch, das:
einen gewissen Theil der 'Ausbeutung beicil-kzen
. Socialdemot'räie.n - gegen jede Ausbeutung seien. So lai
st ' i n i p :»' ihre bisherigen . Wege wandeln, iverde die Einigkeit
Tr.! Lueger gesprochen, nicht zustande kommen' und
dürfte hiebei, wenn er auch ein, 'ehr vermöglicher Mann ist
aufgeschtiilien haben. |
'Aach dieier derben Abferiignug lvrsuchte Geßiuaun noch einmal :u .
Worte zu gelangen, vielleicht iim den Anliseiuiiisinus vor > em B erd nein e
in dem aUgeineliien Luinulie, der sich erhoben hatte, nnd ror dem „Lied
der Arbeit", das die Soeigldeniokralen austiuimicn, verhallt
ungchörl. Ti^ Arbeiter-'hoben hieraus üieuniaun auf
und trugen ihn hinaus, welches Beispiel die Auliseinitsi'
Tr. Lueger und Tr. «äcßiiiann gestisseullich uachahmien.
Tie schvucn Tage beim „goldenen Luchsen", in welch u
-semiten die uilbestriltenen' Herreit der Sikuälion waren,, sch
zu sein, »'eit Tr. Lueger sich vorgenpinnien kgu, die
„Ehristlich Socialen" mit den Arbeitern auch gegen ^.-reb
Stande zu briugcn. Lueger, der. sich nach .seinem eigenen
auf das Arrangcincnk von Bersainmluiigen trefflich verstelu, scheint
kiefern Falle nur das Ejnc.vergessen zn haben, daß selbst eine
grötze wie die seine inrnier nur mit
Poltet bestehen kann. - /
und nie gegen den
hätten aber
izwjschcnrief:
r die. ickilag-'
am Herzen:
auchen, mehr
Soeialdemo .
leptere nur
während- die
ge die 'An-ti
van. welcher
sr .Lueger-
-»:>' bißchen-
leine stimme
qie' Schultern
mit iluem
die A.utck.
inen vorüber
Belciiiiqunq der
Willen zu
Anssprücki
in
r einagogcn
Willen des-