Page
Nr. 48.
Leit« 6. Freies
ergibt, i« feiner Weise in ursächlichem Zusammenhang mit der plötz-_
lichen Einladung der Hannover'schen Justizbehörden, die Göttinger Irrenanstalt
einer längeren,'wahrscheinlich lebenslängliche» Besichtigung zu unterziehen. Ter
Friedensschluß mit ineiner Familie war vielmehr nur die iialur-
gemaße Consequenz eines bereit« seil I'/, Jahre» sich vorbereitenden und
im lepteu halben Jahre zum völligen Turchbruch gelangten Umschwungs in
meiirer Beurtheilung der Judenfrage. Tag eS für mich nach wie vor
eine „Judenfrage" gibt, möchte ich an dieser Stelle nochmals nachdrücklich be¬
ton,'„! Aber diese Frage liegt jenseits ^er Grenzen de« politischen
Gebietes Sie ist eine heilige Krage, die nicht zum politischen Handelsobjeel
und pockwitiel für die uiizusriedcitkii Masten hcrabgewürbigl werden darf, und
zu deren tzösung nicht die Redner und Schreier ronservativcr oder antisrmiti>'cher
Radauversainmlniigen und Parteitage berufe» sind, sondern nur die, die von
Viech» und Hoffnung erfüllt sind für da« anserwählte Polk Gottes, das
nicht bloß das religiöse Polk der Pergangenheit - ist, sondern auch das der
Zutuns«. Tarum habe ich jenen „chrisltich-arüchen" Handelsjuden. die anS
der Judenfrage „o Gcschäslche" machen, die das Polk, ans dem der Heiland
hervorgegangen, znm Object politischer Schachergeschäsie eruiedrigen und als
wohtseilen Preis »ür werthvolles Siimmvieb bingeben, und- die durch ihre völlige
Lieblosigkeit gegen das Polk. ans dem das Christcnihnm erwach'k», 'nur
beweisen, wie weit sie noch vom echten Ehristentlmm entfernt sind »ud wie
lies iie noch i» den P.a»de» deS He i'denibums stecken, öfteutlichen
Xampf a»gesagt! Und ich hone mich in diesem »ianips aus eine Partei¬
organisation, stutzen zu können, die uiehr vermag und fcüer gefügt ist, als die
der conservativen Temagogie! Meine Parieigenosten sind die Apostel! Ter
Parleizweck ist die Ausbreitung deS chrinlillirn Glaubens! Tas Parteiprogramm
ist da« dreizehnte Cavitel des erste» atoriniherbriei'es! Und der Parieiches heißt
— — Ehrinus!
«Aiitiscinitifcht Taktlosigktit" am Kntlicöcr. ■ Ter preußische
Hof Historiograph Trcitschkc bat wieder cinmül sein antisemitisches
Vicht an der den Wissenschaften - gewidmeten Stelle leuchten lasten,
während feiner Borlesung über politische Theorien au der Berliner
Ilnivcrsität führte Trcitschkc aus: „Revolutionäre können wir nie gut
nennc», da eine Revolution imiiicr einen rlccchtsbruch bedeutet. Wir
Müssen uns also gegen die Worte verwahren, die unser derzeitiger
Rector. Birchow i von guten Rcvolntiönäre» gcsaselt hat." Rach dicscni
Ausspruche begannen verschiedene Studenten als Zeichen des Mißfallens
mit den Fußen zu scharren, während andere in lauten Beifall ans
brachen. ' Herr v. Treiti'chse, welcher bekanntlich taub ist, merkte von
beiden Aeußerungen nichts und ließ sich in dem Fortgange seiner Bor
lesung nicht stören. Je mehr Treitschke selbst im AntisemitisiiillS auf-
gcht und den (belehrten adsircist, desto mehr scheint ihm das Ber--
ständniß für die wistenschastliche Bedeutung Anderer abzugehen, wen»
diese nicht in AntiscinitismüS machen, sondern wie ;. B. Birchow auch
um die Abwchridcs sich hervorragende Bcrdienste envorbcu haben.
Tas MaschiiienlikfcrnilstSlillgcbok Der Jvirma ^ocuic an Frank
reich. > War das ein Värni in allen antisemitischen Blättern, als ein
Pariser Boulevardblatt die Sensationsnachricht brachte, die Firma
Vocwc habe im Jahre ltHri Frankreich ein Maschinenlieserungsangcbot
.gemacht. Sogar die sonst nur verschämt antisemitischen Journale lebten
sich^in eine „patriotische Entrüstung" hinein und zogen' an einem
Strange mit den Srganen des unversälschtcstcn Radau-Antisemitismus.
Am lautesten schrie über das „verrärherische Treiben- internationaler
Inden" die „Kreuzzcirung", und selbstverständlich unterließ es auch
das -Wiener Antisemitenblatt nicht, das »achzubete», was ihin «eine
Berliner Meisterin vorbetetc. ‘Jiiui nimmt aber das.Hamburger :Trgan
des Fürsten Bismarck ausführlich'Notiz von einer in der Münchener
„Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Tarstcllung eines deutschen
Industriellen, aus der sich die Grundsätze ergeben, nach denen in
Deutschland allgemein bei KricgSmateriallieferuugcn 'au das Ausland
gehandelt wird. Tas Trgan des ehemaligen Reichskanzlers führt aus:
„Es verlangt die deutsche Kricgsvcrivaltung, wenn sie mit einheimischen
Fabriken Brrlrägc abschließt, wo sie es für nothwendig oder nützlich
hält, Geheimhaltung und Nichtlieferung an das Ausland oder die
Bcrpslichtung zur Einholung einer spcciellen Erlaubniß. Wo sie sich
nicht aus Geschäftsverbindungen und Bertrüge stützen kann, aber
dennoch die Ablieferung gewisser einheimischer Fabricate an einen aus-
.«värtigcn Staat verhindern will, verständigt sic darkon.die betreffenden
Fabrikanten, und zwar unter deutlicher Hervorhebung der aus dem
Zuwiderhandeln sich ergebenden Com'equenzen. Sie ist über alle' be¬
züglichen Borgängc orixnkirt und, wenn ihr die Ausfuhr irgend welcher
Fabricate »ach einem auswärtigen Staat den eigenen ^Interessen nach¬
theilig erscheint, in der Vage, die Ausfuhr rechtzeitig zü verhindern.
Tic deutsche Kri'gsvcrwaltung ist dabei imnjer von der Erkcnntniß
ausgcgange», daß sich die eigenen Fortschritte in der Herstellung von j
Krieg SmateriaL nicht für längere Zeitdauer der .«ienntniß anderer i
Staate» verheimlichen lassen, und sic hat nur verlangt: daß ihr selbst !
Blatt.
ein entsprechender Borsprung gesichert bleibe. Nach diesen Dar¬
stellungen, die für unzutreffend zu halten wir keinen Grund haben,
erscheint die Gefahr einer wirklichen Schädigung deutscher Interessen
durch Vieferung von Kriegsmaterial an das Ausland thatsächlich so
gut wie ausgeschlossen. Um so berechtigter ist die Forderung, der
deutschen Industrie den Absatz nach dein Auslande und damit ihr
Gedeihen nicht aus Gründen zu erschweren, «pelchd mit der Wohlfahrt
des eigenen Vandcs «zichts zu thu» haben. Die deutschen für daS
Kriegsmaterial arbeitenden Industrien können'— vollends neben den
ausgedehnte» Staatsfabriken — nicht ständig mit einhcimisckscn Auf¬
trägen versorgt werden. Es treten ganz erhebliche Pausen ein. Wollte
man die einheimischen Industrien über die Fälle eines klarlicgcnden
Interesses der eigenen KriegSverwaltung hinaus in dem Berkchrc mit
dem Auslände beschränken, so wurde» sie in ihrer Veistungsfähigkcit'
und Entwicklung rasch zuri'ickgehc», bald veröden und verfallen. Ter
Fortschritt in der Fabrication würde in das Ausland verlegt — der
Fortschritt, die Arbeit und der Bcrdienst — mit kurzem Wort: ohne
eigenen Borthcil würde man nur der ausländischen Eoncnrrcnz diene».
Ter Einsender in der .Allgemeinen Zeitung' versichert, daß diese
Anschauungen und Grundsätze durch die oberste politische Leitung nie
eine Einschränkung erfahren hätten — sicher nicht, so lange Fürst
Bismarck Reichskanzler gewesen ist. Es ist noch zu wenig bekannt,
mit «pclchcr Energie und wie klarer Erfassu'ng auch der technische»
Situation der 'erste Reichskanzler seine ganze Autorität eingesetzt hat,
um die Ncubcwaffnung unserer Armee in Fluß zu bringen, Nachdem
aber der Borsprung errungen und dem eigenen Erfordcruiß vor
gesorgt war, hatte der Reichskanzler den einheimischen Jndnstric»
gegenüber nur den einen Standpunkt: Nehmt eure Aufträge,
woher ihr sie bekommen könnt; sorgt für die Aufrechthaltung
eurer Betriebe und verdient an Russen und Franzosen,
was ihr zu verdienen vcrmögct. Der Geschäftsbetrieb eines
industriellen Etablissements kann jedenfalls auf Grund keiner anderen
als wirthschastlichcr Erwägungen erfolgen; auf Bewerbung um ge-
^«vinnbringcndc Viefcruug an das Ausland aus Gründen des Patrio¬
tismus zu verzichte», kann 'dem Betriebe nur zugeinuthet werde»,
wenn mit der Lieferung eine Schädigung des eigenen Vandcs zweifellos
verknüpft ist und die Militärverwaltung das Etablissement darauf
hinwcist. Wenn die deutsche Industrie durch patriotische Enthaltsamkeit
nicht verhüten kann, daß sich das Ausland gut bewaffnet, so wird sic
kein Borwurf treffen, wenn sie ihrerseits versucht, die Viefcrunge» für.
sich zu erlangen, anstatt den Gewinn hieran der ausländischen Eou-
cnrrcn; zu überlassen. Aus angeblichen diplomatischen Situationen
Bedenken gegen den Abschluß vortheilhaftcr Vieferungen an das Aus¬
land zu entnehmen, kann die deutsche Industrie schon deshalb nicht
verpflichtet sein, weil sie keine genügende Kcnntniß der Situationc»
hat und ihr B. nicht znzumuthen ist, auf bloße Zeitungsartikel hin
ihren Betrieb einzuschränkcn." So viel wie Hninmcrsteiii und Bergani
wird wohl auch Fürst Bismarck von den Pflichten deö deutschen
• Patriotismus verstehen.
(Antisklllitischc Dcliricn.) Tie scincrzcitigc Eutdccknng der
„Xowoje Wremja“, wonach die jüngste BcrsassiingSändcriiiig in
Bulgarien auf die Absicht des Fürsten zurückgcführt war, eine jüdische
Tpnastie in Bulgarien heimisch zu machen, wird nun durch eine
Meldung des Pariser lluliii" secundirt, wonach die bulgarische
Berfaffung deshalb geändert worden sei, um dem Fürsten Ferdinand
die Ehe mit Fräulein v. Blcichröder zu gestatten, die als Jüdin
den bulgarischen Thron besteigen «volle. Voild die russisch-französische
Alliance auf dem Gebiet- der Bcrrücktheit. Ein heiratsfähiges Fräulein
v. Blcichröder gibt eS jcvt überhaupt nicht.
iLaukcr Zlldtll.) Tic Antisemiten sehen «vicder einmal den Himmel
voller Baßgeigen, d. h. die Welt voller Juden. Tic Panamascandalc
sind Wasser aus ihre Mühle, denn nun «vird Alles, «vas den Herren
unangenehm ist, als 'Jude auf die Proscriptionsliste gesetzt. Gerade
kritisch gehen sic dabei nicht vor, «vic wir schon in der letzten Nummer
an dein Beispiel des Generäls Saussicr gezeigt. Auch Rouvicr uud
ganz besonders der Schivindlcr Arton müssen in den Augen der Anti¬
semiten Juden sein. Tic „Allgemeine Zeitung für das
Inden thu m" schreibt nun mit Rücksicht auf die beiden letzteren:
„Es. ist eine Lüge, daß der französische Exministcr Rouvicr ein
Jude ist oder auch nur von sinken abstamme, und ebenso ist cs notorisch,
daß der in den Panamaproceß so arg vcnvickclte Banguicr Arton
streng katholisch ist und erst jüngst mit Eardcnälen und hohen Geist¬
lichen «nieder das Projcct einer .katholischen Bank' ausgchcckt hat."
Dasselbe Blatt macht ferner darauf ausmcrksäin, daß auch das an-
j gcblichc Judenthum V u n g c's, des Sammlers der Welfeufondsquittnngcn,
^ gleichfalls nur eine von den Antiscmitcnblättern frech ausgcstreute Er
! sindung ist. Es ist übrige»« psychologisch sehr interessant, daß gerade