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Erscheint an jedem Sonntage.
(Di'£cm zur Abwehr des Antisemitismus.
Nummer 92. Wien, 7. Jänner 1894.
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M. Dufe«, I. Wollzejle ».
III. Jahrgang.
Zufall oder Nothwendiakeit?
CS dürfte noch geraume Zeit vergehen, bis die Perle der
neueren Errungenschaften, die moderne Weltanschauung, zum Ge,
meingute der weitesten Kreise wird — jene Wellanschauung, welche
alle Erscheinungen als nothwendige Bestandtheile eines natürlichen
EntwicklungSpro.cesses betrachtet und den Begriff deS Zufalls aus
dem Gedankenkreise des Menschen verbannt. Man muß zwar zu¬
geben, daß es auch dann nicht Jedermanns Sache sein wird, stets
ruhig Blut und klaren Blick zu bewahren. Allein °daxüber kann
man nicht im Zweifel sein, daß die socialen Gegensätze viel von
' ihrer Schroffheit verlieren werden, wenn man allgemein erkennen
wird, daß Alles so kommen mußte, wie eö kam, und keine W>ll-
kürlichkeiten dabei im Spiele sind. Es ist auch durchaus kein
„Zufall", sondern vollkommen in der Natur der Sache begründet,
daß eine gewisse Sorte von Berufspolitikern dieser Weltanschauung'
feindlich gegenübersteht. Es liegt ja doch im Interesse mancher
„BolkSmänner", eine Beruhigung der Gemülher nicht auskvmmcn
zu lasten und Alles zu vetampjen, was dtr. letzteren förderlich
sein könnte. Und da sie sehr gut wissen, daß der Mensch nichts
so bitter cmpsindet alS einen willkürlichen Eingriff in seine that-
sächlichen oder vermeintlichen Rechte, werden sie auch nicht müde,
dasjenige als ein nichtswürdiges Machwerk einiger weniger Per¬
sonen hinzustkllen, waS doch nur •— natürliche Entwicklung ist.
Ein deutlicher Beleg hiefür ist die Art und Weise, wie die Ent¬
stehung der Gewerbefreiheit dem Bolke von den Matadoren der
politischen Schwemme begreiflich gemacht wird. Auch für diese
besteht zwar die Ehrenpflicht, ihren Mitbürgern die Wahrheit zu
bieten, ebenso wie für ihre besseren Collegen. Dies hinderte sie
aber nicht, ungezähltemale mehr oder weniger deutlich die Be¬
hauptung aufzustellen. daß böse Feind.e des Handwerkes (natürlich
Juden) die Gewerbcfreiheit gewissermaßen auS den Wolken herab¬
geholt und dem österreichischen Gewerbestande aufgenöthigt haben,
welch letzterer bis dahin unter dem beseligenden Einflüsse der
Zunftverfassung fröhlich dahinlebte und seither — trotz der im
Jahre 1883 wieder eingeführten Beschränkungen — seinem Unter¬
gänge entgegengehe.
Diese Sache hat sich denn doch etwas anders zugetragen, und
die Kleingewerbetreibenden würden sich heute eines günstigeren
Zustandes erfreuen, wenn sie sich bessere Einsicht erworben hätten,
alS diejenige, welche ihnen von eigennützigen Personen vermittelt
wurde. Die Gewerbeordnung vom Jahre 1859 war eben lediglich
da« Product einer Reihe von Vorgängen, die im innigsten Zu¬
sammenhänge stehen und leicht aus einander erklärt werden können.
Wir begreifen allerdings, daß e« den modernen Zünftlern nicht
erwünscht sein kann, auf diese längstvergangenen Ereignisse zuLück-
zugreifen. Sie müßten dann wohl auch erwähnen — sofern sie
ausnahmsweise der Wahrheit die Ehre geben wollten — daß
Carl VI., der zum erstenmale mächtig in daS Zunftwesen ein-,
griff, hiezu ausschließlich durch den Umstand veranlaßt wurde,
daß schon unter seinen Vorgängern das Handwerk gerade durch
.. das Zunftwesen in einen Zustand gänzlicher Versumpfung ge-
rathen war, so daß ein Schriftsteller jener Zeit die Klage erheben
konnte, daß „alle Kunstfertigkeit in den Profeffionen bereits zu
. einer wunderbaren Mär und eitlem Kinderwahne geworden ist".
ES wäre vielleicht auch mißlich, zu erwähnen, daß die liberale >
Gewerbepolitik Earls VI. von seiner Tochter Maria Theresia und
Josef II. ln steigendem Maße fortgeübt wurde. Obzwar Letzterer
bei unseren Rückschrittlern in keineswegs günstigem Andenken steht,
werden doch auch diese nicht leugnen können, daß die Maßregeln
Josefs II. nicht auS Abneigung gegen das Handwerk, sondern
auS seiner Ueberzeugung entsprangen, daß der" erfrischende Hauch
einer freieren Concurrenz dem Gewerbe vonnöthen sei. Be¬
sonders unbequem dürfte aber den Rettrrn des kleinen ManneS
die hochbedeutsame Thalsache sein, daß unsere vormärzlichen
Bureaukrate», die doch im Großen und Ganzen fortschrittliche
Bestrebungen keineswegs begünstigten, vielmehr zur politischen und
geistigen Knechtung de« Volkes bereitwillig die Händ boten, von'
der Nolhwxndigkeit der wirthschaftlichen Freiheit derart durch-
'drungen waren, daß sie unter Kaiser Franz mehr als drei Jahr- _
zehnte hindurch einen beinahe ununterbrochenen geistigen Kampf
zu Gunsten derselben führten. Diese Erscheinung verdient eine
nähere Beleuchtung.
Es kann nicht geleugnet werden, daß die Lage deS Klein¬
gewerbes unter Franz I. — zu.n nicht geringen Thcilc in Folge
der UebersüUung des HandweiktS — eine ungünstige war, und"
es ist selbstverständlich,, daß die damaligen Behöiden darüber
orienlirt waren. Wen» dieselben trotzdem den stürmischen Bitten
der Zünfte um Beichränkung der Befugnisse energisch opponirten,
so kann dicS nur dadurch erklärt werden, daß sich die Rathgeber
deS Kaisers von höheren Gesichtspunkten leiten ließen als bie _
Zunftgenossen, die begreiflicherweise nur auf die Linderung der
augenblicklichen Nolh bedacht waren. Schon, damals konnte ein
klarer Kopf erkennen, daß es der Staatsgewalt immer schwerer
und schließlich ganz unmöglich werden müsse, die tausendfachen, -
stetig sich mehrenden Verzweigungen der modernen Producsion in
ein festgefügtes System ebenso zahlreicher Regeln zu preffen, wenn
nicht die ganze gewerbliche Thätigkeit in den todtähnlichen Schlaf
zurückversinken sollte, aus welchem sie von Earl VI. geweckt worden
war. Die Staalsiälhe zweifelten dcun auch keinen Augenblick
daran, daß ein Zustand mehr oder weniger unbedingter Gewerbe-
freihcit früher oder später bei allen Eulturnationen eintreten
müsse, und hielten eS für unzweckmäßig, diesem Entwicklung«- '
proccsse, der in Oesterreich vor einem Jahrhundert eingeleitet *
worden war, durch neuerliche Beschränkungen Hindernisse ent-
gegenzustitlen. Tie Härten, die dabei zu Tage traten, waren eben
unvermeidlich. Der Uebergang zur wirthschaftlichen Freiheit'kann
nicht vor sich gehen, ohne >daß zahlreiche Existenzen in Frage ge-
stellt werden; der Passendste verharrt in seinem Erwerbszwcige,
der Untüchtige muß eine andere Beschäftigung ergreifen. Gewiß
ist es die Pflicht der Gesellschaft, die Roth zu lindern. DieS darf
aber nicht in der Weise erfolgen, daß man auf Jedermanns Bitte
ein richtiges Princip über Bord wirft, sondern dadurch, daß dem
Leidenden über den Augenblick hinweggeholfcn und die Mittel und
Wege gezeigt werden, durch welche er die Möglichkeit gewinnt, sich
in den neuen Verhältnissen zurechtzufindeisi Daß die hochconser-
valiven Räthe des Kaisers Franz über alle diese Dinge die frei¬
sinnigsten Ansichten bekundeten,' kann man auS den meisterhaften
Staatöschriften entnehmen, die aus jener Zeit erhalten und zu¬
gänglich sind. Aber davon wissen unsere „Volksmänncr" dem
kleinen Manne nichts zu erzählen, obzwar sie gerade diese Zeit
j mit inniger Liebe bedenken — in Anbetracht der erhebenden
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