Page
5«tt« 2.
Freie» Statt.
Nr. 92.
s Thatsache, daß es damals noch einen Judenzoll gab. ES erscheint
ihnen offenbar auch als ganz unerheblich, daß die liberale Ge-
ckverbepolitik unter Kaiser Ferdinand und weiterhin stetig Fort¬
schritte machte, so daß die im Jahre 1859 erlassene Gewerbe¬
ordnung im Wesentlichen eigentlich nur mehr eine gesetzliche Be¬
stätigung der thatsächlichen Verhältnisse war.
Alles dies steht eben mit den antisemitischen Gefühlen der
„Retter" nicht im erwünschten Einklänge. Mil ausgezeichneter Be¬
rechnung oder — wenn wir ihre geistigen Fähigkeiten niedriger
taxiren wollen — instinctiv bemühen 'sie sich, ihrem Publicum die
Kenntniß des natürlichen DerdeprocesseS vorziienihalten. Nirgends
das Bestreben, den jeweiligen GesellschaftSjustand ans dem vorher¬
gehenden zu erklären und hiedurch den Geist der Bersöhnung zu
pflege»! Uebcrall unsinnige, haltlose Anklagen, die von dem objcc-
tiven Richter als Ver'.ellmduiigcii erkannt werden! Und so ist cs.
ihnen denn auch gelungen — von Umständen unterstützt, die in
diesen Blättern schon früher erörtert wurden — die Kleingewerbe¬
treibenden von der einzig richtigen Refornnhätigkeit abzulenkc» und
auch auf diesem Gebiete eine Periode des Rückschrittes herbei-
-zuführen. Aber eben dieselbe Weltanschauung, die von den Finster-
lingeir so gehaßt und verfolgt wird, gibt uns die tröstende Ge¬
wißheit, daß die Zeiten der Reactio» immer wieder von dem
besseren Geiste überwältigt werde». Sie sind, nach Humboldt's
schöner Ausdrucköweise, nur Einbiegungen der große» Eurvc des
Fortschrittes, und nur denjenigen kann cs betrübe», gerade während
einer solchen Einbiegung zu leben, der noch nicht gelernt hat, „im
Ganzen zu resigniren". Robert Drill.
Der gordische Anoten.
Original-Mittheilunz des «Freien Blattes".!
g. ©arid)au, Ende Tecember I8!'3.
Ein Schauspiel in fünf Acten, das den Titel «Der gordische
Knoten" führt und aus der Feder eines Juristen stmnnit, der sich
hinter dem Pseudonym „Labor" verbirgt, behandelt auch die „Inden
frage" und verdient insofern vom Standpunkte der Bestrebungen,
deren Förderung das „Freie Blatt" gewidmet 'ift, eine Würdigung
an dieser Stelle. Wir haben es da mit drei Bärern und ihren
Töchtern, ferner einem gräflichen Schuldenniacher und einem scnti
mental angelegten Advocatcn zu thun. Einer älteren Frau begegnet
man im Schauspiel nicht. Biellcicht ist der Berfaffcr ein passionirtcr
Jäger und hat als folchcr das bekannte Borurkhcil gegen alte Weiber,
welches er auch auf das dramatische Gebiet übertrügt. Eine glückliche
Gestaltung nimmt indösscn das Schauspiel nicht an. Ein wackerer
Edelmann kommt mit seiner Tochter vom Lande nach Warschau.
^Gleich nach seiner Ankunft wird er von eineui ehemaligen Guts-
nachbar und derzeitigen Agenten ganz regelrecht betrogen, um einem
gräflichen Spieler Geldmittel zu verschaffen. Dieser Agent sucht in
seinem eigenen Jntcresie auch eine reiche Frau für den herab
gekommenen Magnatcnsprößling. und lenkt dessen Aufmerksamkeit auf
die Tochter eines jüdischen Banquiers: der Graf hat aber hinter dem
Rücken des Vaters ein Verhäliniß mit einer Tochter des Agenten, daS
bereits sehr weit gediehen ist. Das Banquicrsfräulcrn wirft sein Äuge auf
einen jüdischen Advocaten, der jedoch die Tochter des braven Edcl-
manncS liebt, sic mit Zusliminniig ihres BatcrS heiraten will und
daher den Entschluß faßt, sich taufen zu tasten.
All diese Zustände bilden den gordischen Knoten, und um ihn
durchzuhaucn nimmt der Verfasser zu einer Lhrfeige Zuflucht. Bei
einem Ballscstc im Hause des Banquiers kommt cs nach einer er¬
regten Scene zwischen der Tochter des Agenten, die..Mutterfreuden ent
gcgensteht. und dem gräflichen Bewerber um die Mitgift der Banquiers
rochier auch zu einem Auftritt zwischen dem Grafeistund^dem Advoeaicn,
der tuiällig Zeuge jener Scene gewesen ist. Ter Ad»ocat ist rede
gewandter ale der Gral, dieser aber, schlagfertiger, und sein Gegner
wird von ihm geotz>.steigt. Der thätlich Mißhandelte verlangt ritterliche
Genugkhuüng, diese wird dem Juden verweigert; „einen Juden schlägt
man., doch man schlägt sich nicht mit ihm" — sagt der Freier um
die Hand der jüdischen Banauierstochter. Der brave Edelmann springt
für den Auserkorene» seiner Tochter, mit besten Vater, einem wackeren
Arzte, er schon innig befreundet war. ein,und fordert den Grafen, der
ihn dann verwundet. Die Tochter des Agenten pflegt den im Zweikampfe
verletzten alten Herrn, wie sie überhaupt durch Werke der 'Nächstenliebe
und Selbstaufopferung ihre „Sünden abbüßcn" will; die Tochter des
braven Edistmanncs trägt stch mit dem Gedanken, ins Kloster zu
gehen, den» dcr^ Advocat nimmt sich das Malheur, nicht zum Duell
zugclas'.n worden zu sein, so sehr zu Herzen, daß er sich nicht für
würdig erachtet, ein Edelfräulein heimzuführcn, und feierlich gelobt,
fortan für seine Stanmicsgcnofscn unermüdlich zu wirken. Graf und
BanquierSfrqulein empfehlen sich als Verlobte, und der hochgeborene
Bräutigam kündigt eine Hochzeitsreise nach Monaco an.
Tie Vorzüge und Gebrechen des Schauspiels vom dramatischen
Standpunkte näher zu erörtern, ist hier nicht unsere Aufgabe. Wir
begnügen uns damit, zu erwähnen, daß die dramatische Arb.eit reich
an humorvollen, dem Leben sorgfältig abgelauschtcn Stellen ist, wiedcr-
j holen aber nochmals die Ansicht, daß das Ganze, gelinde gesagt, auf
l cincm Mißgriff beruht. Ein jüdischer dldvocat, der dem Duell eine
| solche Bedeutung beilegen würde, daß er, weil ihn ein aristokratischer
l Lump nicht für satiSfactionSfähig hält, auf sein LcbenSglück verzichten,
> ein ihm bis zur Selbstverleugnung treu ergebenes Mädchen opfern
j würde; ein jüdischer Advocat, der da sagt: „Wenn ich mich nicht
’ einmal ducUircn kan», will ich ein Jude bleiben und nur für Inden
! wirken" — flößt uns nicht Sympathien ein, die hauptsächlich ihm
; der Verfasser zuwcndcn. möchte. Auch führt dieser Advocat häusig eine
; Sprache, die geradezu widcrsipnig ist; ein eifriger Jude, der sich selbst
j rühmt, pflegt nicht zu sagen, er hätte stets int Geiste christlicher Liebe
! gehandelt. Weit bester zeichnete der Verfasser die Gestalt des jüdischen
] Banquiers: auS Gewohnheit und abergläubischer Furcht will dieser selbst
! nicht aus dem Judenthume austrctcn, aber er liebt die Juden nicht
> und wünscht, seine Kinder, über deren Seelenheil er sich kein graues
; Haar wachsen läßt, möchten in christliche Familien hincinhciratcn. Tie
j nach cincm sclbstcrlebten Roman lechzende Bauqnicrstochtcr ist eine
Figur nach bekanittcr Schablone; ungleich origineller erscheint ein sport-
lustiger Bruder derselben, der zwar kein activcr Thcilnchmer an der
dramatischen Handlung, aber ein scharfsinniger Zuschauer ist, welcher
auch die Bemerkung macht, daß die Vcrmögensgemcinschaft in Folge
einer Eheschließung aus einem Antisemiten einen Philosemitcn machen
kann. Lebenswahre Typen sind mehrere Gäste im Bauquicrshause, welche,
von Judenhaß erfüllt, dasselbe nur besuchen, um ein Eadcau oder ein
ausgiebiges Darlehen l-erqusznschlagcu. Aucrkcnuung verdient cs, daß
„I-abor" cs verschmäht hat, der polnischen Schriflstellertradition zu
folgen und durch 2Krballhornnng der Sprache, welche den Juden in
de» Mund gelegt ivird, einen Effect zu erzielen. Um so lebhafter ist,
unser Bedauern, daß er, nachdem er ein etwas zweifelhaftes Ideal von
cincm jüdischen Advocatcn ausgestellt hat, zur Lösung des „gordischen
KnotcnS" kein bestcrcs Mittel gewußt hat als eine — Realinjurie.
(Friede auf Erden.) Ein katholischer Priester und Freund
unseres Blattes schreibt u»S: Anläßlich des We'ihnachlSfestes sind
die leitende» Artikel der meisten Zeitungen auf das Thema der
himmlischen Botschaft gestimmt: „Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede den Menschen auf Erden!" So auch heuer! Man
knüpfte bei dieser Gelcg.mheit wohl auch hie und da an die Worte
des Ministerprogrammeö an, wo von den friedestörcnden Ele¬
mente» die Rede war. Und merkwürdig, wie sich die Antisemiten
seinerzeit durch jene Worte des Fürsten Windischgrätz sofort ge¬
troffen fühlte», so fühlen sie sich auch durch die öftere Wieder¬
holung und Erinnerung der himmlischen Botschaft unangenehm,
ungemüthlich berührt, noch ehe man sie als die Störefriede be¬
zeichnet hat. Um doch auch etwas zu antworten, schrieb ciu Wiener
Antisemitenblatt bei diesem Anlasse, cs sei ein jüdischer Mißbrauch
der Bibel, wenn • mau gegen sie, die frommen Antisemiten, die
Botschaft der Engel ausspiele! Diese verheißen zwar den Menschen
auf Erden den Frieden, aber nur jenen, „die eines guten Willens
sind", die. anderen (natürlich waren damit die Juden gemeint)
zu bekämpfen, könne nur Ehristeutugeud sei». Ich muß gestehen,
daß mich diese spitzfindige Parade umsomehr verblüffte, als sie sowohl
der deutschen. als der lateinischen katholischen Uebersetzung der
Bibel entsprach (vt pax ,-homiuibus, qui bonae voluntatis mint).
Sollten die Engel des Hiinmcls wirklich eine solche Einschränkung
in ihre Verheißung gefegt haben? Ich beschloß, den griechischen Ur¬
text nachzusehen und fand die betreffende Stelle hier (Luc. Il, 14)
in folgender Fassung: v-;« kv l>-<7> -/.a; izi *1
=■/ aviKojrv.; »Oov/.ia. Hier ist also der Wunsch nicht wie in der
Vulgata zwei-, sondern dreitheilig und entbietet: Gott in der
Höhe Ruhm, der Erde den Frieden und den Menschen gesunden
Sinn. Dementsprechend hat Luther die Stelle zutreffender überseht:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen". In dieser dem Original streng ge¬
rechten Fassung ist von einer Verclausulirung der Friedensbot¬
schaft keine Spur mehr zu erblicken, dagegen wird den Menschen
hier etwas empfohlen, was bei Antisemiten selten zu finden ist —
gutes Herz und gesunder Sinn. Ist. G. R—z.