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Freie» Blatt.
die anlisemitische und die clericale Strömung längst zusammen-
gcsivsscn sind. Allein daS muß jedenfalls abgewartct werden, da
man doch den Reichöralh nicht sofort auflösen kann, weil den
Herren von Kalksburg Hohenwart nicht Ordre parirt. Wir zweifeln
aber, ob selbst dann, wenn sich bei den nächsten Wahlen die Ueber-
macht des demagogisch antisemitischen Clericaljismus über den alt-
oonservativen Herausstellen sollte, ob selbst dann die Stunde der
Führerschaft für die Antisemiten auch nur im Rahmen der heutigen
ciericalen Partei geschlagen hätte. Jedenfalls würden aber auch
damit »och lange nicht die gleißenden Zukunftsträume, welche sich
an den Namen der-dentsch-antisemitisch-flavisch-freisinnigen Gegen-
coalition knüpfe», ihrer Rcalisirung cntgegengehen. In dieser
Hinsicht werden hoffentlich die höflichen Absagen, welche die Polen
dieser Tage an die sonderbaren Schwärmer richteten, etwas er¬
nüchternd gewirkt haben. Die Herren hab.n offenbar zu frühe
Sturm geläutet. In Oesterreich ist Vieles möglich, aber ein Cabinet
Liechtenstein - Paschaty - Dyk-Lueger - Schneider;- Spincic dürfte uns
doch noch auf einige Jahrzehnte hinaus erspart bleiben. Die Anti¬
semiten richten sich nach der llhr des Prinzen Liechtenstein, diese
geht aber notorisch etwas voraus.
Diesfalls keine Veranlassung.
Am 2*. Mai beantwortete Ministerpräsidesit Fürst W indisch
grätz die Interpellationen der Abgeordneten Wrabetz und Noske
über die Hetzereien des Pfarrers Teckcrt. Offenheit und Wahrheit
im öffentlichen Leben sowie die Abwehr aller dert Frieden 'des Staates
und die allgemeine Wohlfahrt störenden Elemente — verkündigte das
Negicrungsprogramin des CoalikionSministeriunts am 23. 'November
1893. Zwei Monate später gab der Herr! Ministerpräsident der
Teputation deS BereineS zur Abwehr des Antisemitismus die Ver¬
sicherung, die Regierung werde auch der mosaischen Rcligionsgenossen-
schaft erforderlichen Falles den gesetzlichen Schutz angedcihcn lassen.
An Offenheit und Wahrheit läßt die Interpcllcitionsbcantwortnng in-
sofcrnc nichts zu wünschen übrig, als sie ihrem! Sinne nach klar und
deutlich ist. Tie Worte des Frcihcrrn v. Leitenberger, welcher
anläßlich' der jüngsten Versammlung des Abwchrvercines dessen Mit¬
glieder ermahnte, enge und kraftvoll zusammenzuwirkcn, da man von
der Regierung eine warme Unterstützung nicht zu erwarten habe,
fanden durch die Aeußerungcn des Chefs des Coalitionsministeriums
ihre.volle Bestätigung. Tie amtlichen Erhebungen haben, wie den
Interpellanten initgckheilt wird, nicht festgestellt, daß der Fall Teckcrt
zu jenen gehöre, welche einen gesetzlichen Schutz erforderlich machen,
und für die Regierung sei daher in dieser Sache die Veranlassung zu
einer weiteren Verfügung nicht gegeben. Ihrem. Programmpunkte, be¬
treffend die Abwehr aller den Frieden des Staates, und die allgemeine
Wohlfahrt störenden Elemente, trug die Regierung dadurch Rechnung,
daß sie am Schlüsse der Interpellationsbeantwortung in hypothetischer
Form ihr lebhaftes Bedauern über rhetorische Excesse auf der Kanzel
auSipräch. Tie Antwort des 'Fürsten Windischgrätz, welche im Ganzen
<nov>k>er iu m"4n. aber leider nicht auch t'optiter in re abgefaßt'
ist, lautet:
Ter Pfarrer von Weinhaus gibt seit vielen Jahren eine in
einer kleinen Anzahl von Exemplaren verbreitete Monatsschrift reli¬
giösen Inhaltes heraus, welche den Titel „Tci Sendbote des heiligem
-Josef" führt. In den Heften dieser Druckschrift per Octobcr, No-
vcmber uiid Tceembcr 1*03 roarcn unter b nt Titel „Kampf und
Sieg 10*3" drei Predigten abgedruckt, welche der genannte Seel¬
sorger ossenbar schon vor längerer Zeit in seiner Kirche gehalten
halte, und in welchen das in der ersten Interpellation besprochene
„Vaterunser in der Iudennoth" enthalten wvr. Am 15. Februar
1*04 ließ Pfarrer Tr. Teckcrt diese Confercnjreden separat abdruckcn
und in preßge''ctzlich vorgcschriebener Form als eine Broschüre unter
dem Titel: „Türkennoth und Iudenherrschaft!" erscheinen. Die
Staatsanwaltschaft in Wien hat die Pflichtexemplare der genannten
Truckichriften erhalten, geprüft und - in denselben einen Grund
ui e.iucr Amtshandlung nicht gefunden. Als aber
Pfarrer Tr. Teckert däS aus dem Coiftexte der oberwähnten
T inckfchriflen gerissene „Vaterunser in der Iudennoth" als ein
Flugblatt erscheinen ließ, sah sich dieselbe Staatsanwaltschaft ver¬
anlaßt, dieses Flugblatt wegen der deutonstrativen Auf¬
schrift und S ch l u ß b e m e r k u n g uny wegen der bei einem
Flugblatte zu besorgenden größeren Verbreitung auf Grund des
^ 302 .des Strafgesetzes mit Beschlagj ;u belegen. Das
LandeSgericht in Strafsachen in Wi^n hat mit dem rechts¬
n e m V o r g c h e n
»Anlaß nicht
ch angewiesen,
eit des Amtes
kräftigen Erkenntnisse vom 18. April 1894 diese Beschlagnahme
nach § 302 deS Strafgesetzes bestätigt und taS Verbot der
Wciterverbreitung ausgesprochen. Gliichzcitig wurde die
Amtshandlung wegen der Uebertretung deS § 23 deS PrcßgefetzcS
eingeleitet und Pfarrer Dr. Deckcrt wegen de: Uebertretung deS
8 23 deS PreßgefetzeS, begangen durch unbefugtes Vertheilcn von
Druckschriften, zu einer Geldstrafe verurtheil. Was aber den
Inhalt der vom Pfarrer Dr. Dcckert in der jlirche in Wcin-
hauS gehaltenen Predigten anbelangt, so haben die der
Staatsanwaltschaft diesfalls zugekommenen amtli hen Mitthcilungen
über dieselben zu einem behördlichen Einschreiten einen
Anlaß nicht geboten. Ich beehre mich ferner zur Kenutniß
des hohen Hauses zu bringen, daß ich nach Einbringung der
Interpellation es überdies für angemessen erach et habe, mit der¬
jenigen hierarchischen Behörde ein Einvernehmen zu suchen, welcher
der genannte Seelsorger bezüglich seiner beruflich:n Thätigkcit unter¬
geordnet ist. Nach dem Eindrücke, den ich gc oonnen habe, und
nach den Mitthcilungen, welche mir seitens )es .hochwürdigstcn
fürstcrzbischöflichcn Ordinariates zugekommen siiid, bin ich iu der
Lage, zu erklären, daß dem in der zweiten Interpellation bercgtcn
Vorgänge seitens der genannten Behörde keineswegs gleichgiltig
gcgcnübergcstanden worden ist. Das hochmifrdigste für sterz-
bischöfliche Ordinariat hat zwar zu e
auf Grund der kirchlichen Gesetze ein
gehabt, den Pfarrer DrRDeckert jed
künftighin bei Predigten der Heilig
und Ortes stets eingedenk zu sein. Djl das Strafgericht
mit dem in der ersten Interpellation besprochene t Vorfälle sich im
eigenen Wirkungskreise befaßt und dem Gesetze in der den Unter-
behördcn nothwendig und möglich erscheinenden Weise Achtung ver¬
schafft hat, ist für die Regierung die Viranlassung zu
einer weiteren Verfügung diesfalls nicht gegeben.
Ich sehe mich jedoch veranlaßt, beizufügen, daß die Regierung ihrem
i lebhaften Bedauern-darüber Ausdruck geben müßte,
wenn von Seite einer mit dem ernsten Amte eines 2 celsorgcrs bekleideten
Persönlichkeit bei einer gottesdienstlichen Handlung Töne leiden¬
schaftlicher Unduldsamkeit angeschlagen worden
wären, welche, an lebhaft erörterte Parteifregcn deS öffentlichen
Lebens anklingend, zumql in der gegenwärtigen von den ver¬
schiedensten Erregungen Und Widersprüchen erfüllten Zeit geeignet
sein müßten, eine ohuihiu in weiten Kreisen vor¬
handene Beunruhigung zu steigern.
Tie Antwort Sr. Durchlaucht auf die Intel pellationen der Ab¬
geordneten Wrabetz und Noske bewirkte cs, daß sich das gcsammtc
Coalitionsministerium eines solchen Beifalls der Organe deS Anti¬
semitismus uiit und ohne Feigenblatt erfreut, wie er.bisher nur dem
vom „christlich-socialen" Geiste beseelten HandelSmiiister zutheil wurde.
Eines der hiesigen antisemitischen Blätter, das in ntimen Beziehungen
zum Abgeordneten Schneider steht, der bekanntlich in Stcmpelsachen
Fachmann ist, spricht von dem „Stempel der Ruhe und Unpartei¬
lichkeit", den die ofsicielle Erklärung trägt, und i erweist darauf, daß
zwischen dem erforderlichen Falles zu g währeudcu Schutze,
der dem Abwehrvercine in Aussicht gestellt warnen war, und der
diesfalls nicht gegebenen Veranlassung-zu einer weiteren Verfügung
eine löbliche Eonformität bestehe. In seinem Freudenräusche hat daS
Antiscmitenblatt bei .Verkündigung der Intcrpe lationsbeantwortung
„sehr viele lange Gesichter und verdutzte Mienen" in den Reihen der
Liberalen wahrgcnommen. Wir glauben nicht, daß die Zahl der Opti¬
misten, welche nun eine Enttäuschung erlebt heben, sehr groß ist.
Dagegen können wir einem zweiten Antiscmiter blatte nicht Unrecht
geben, welches die Jnterpcllationsbeantwortung ils einen Sieg des
Antisemitismus feiert. Mit dem Herrn Ministerpr isidenten ist diesfalls
sogar jenes Blatt der „'Nationalen" höchst ;ufri:dcn, welchem öster¬
reichischer Patriotismus „Geschmackssache" ist. „Wir verhehlen nicht,"
sagt es, „daß uns die Antwort des Fürsten Windischgrätz einen
Riesenspaß gemacht hat; wir haben nie geglaubt, di ß er uns einmal eine
solche Freude bereiten werde." Für die „Wiener Abcndpost", zu deren
Aufgaben cs gehört, Zustimmungsäußerungen zu RegicrungSenuncia-
tionen zu sammeln, bietet nun die antisemitische Presse ein Reservoir,
aus dem sic reichliches Lob schöpfen kann. Wenn sie dies aber unter¬
läßt, so erscheint uns das als die treffendste Kriti der Intcrpcllations-
beantwortung, in welcher die antisemitischen Blätter auch alle „müßte",
„wenn", „worden wäre" typographisch auszcichi cn und überdies als
„fein ausgedrückt" beloben.