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Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten.
Freitag, den 17. Januar. Mg. 3. Zweiter Jahrgang. 1868.
Inhalt:
Sorreipondenfni: Berlin, Berlin, JtafftI, Bukarest. — Muntere und
trüb« Gedanken am Büchettifthr. (Fortsetzung.) — Der babylonische Jesaja.
(Fortsetzung.)-Inserate.
* Berlin, 1b. Januar. Die in voriger Rümmer erwähnte
Zuschrift enthält Folgendes:
״Herr Redakteur! Gestatten Sie einem Leser Ihres ge«
schätzten Blattes, der zugleich steuerndes Mitglied der Berliner
jüdischen Gemeinde ist, einige kurzen Bemerkungen über die Fi-
nanz-Berhältuifse der hiesigen Gemeinde.
Nachdem durch Gemeindebeschluß im Jahre 186b die
Summe von 36,600 Thlr., im Jahre 1866 die Summe von
50,000 Thlr. von der Gemeinde hypothekarisch ausgenommen
war, belief sich im letzteren Jahre die laufende Ausgabe an Zin-
sen für die Gemeindeschulden auf 23,364 Thlr. b Sgr.^ welche
Summe fast ganz genau ein Drittel der Summe der Ge«
meindebieiträge (incl. R ü ckstä n de) pro 1866 ausmacht und'
einer Schuld von ca. V, Million entspricht. Die Amortisa-
tion dieser Schuld figurirt in der Haushaltkübersicht mit der
Gesammtsumme von nur 2700 Thlr., d. h. mit ca. V«, P§t.,
während gewöhnlich bei Anleihen die Amortisationsquote % pEt.
bi- 1 pEt. beträgt.
Man wird zugeben müssen, daß dies ein sehr abnormes
Verhältniß ist. Weder die Finanzcalamität der Stadt Berlin,
noch die Nöthe Oesterreich« und Italien« sind so groß, daß
ein Drittel sämmtlicher regelmäßiger Einnahmen zur Zahlung von
Zinsen verwendet wird, ohne daß an Amortisation gedacht wer«
den kann. '
Nimmt mau hierzu noch die allgemeine Erwerbslosigkeit und
Noth, die steigenden Ausgaben der immer mehr «»wachsenden
Gemeinde, insbesondere da- durch den großen Zuzug ärmerer
Glaubensgenossen von Jahr zu Jahr anschwellende Armen« und
Schulen«Budget, so kann und will sich gewiß Niemand verhehlen,
daß nur durch ein starkes, öfter» wiederholte« Anziehen der
Steuerschraube da» blasse Gespenst eines Deficit- beschworen
werden kann. Nun, ein derarttge- Anziehen — und zwar kein
sehr gelinde- — hat in diesem Jahre stattgefunden; man darf sich
indeß nicht verhehlen, daß die betreffende Erhöhung der Beittäge
viel Unzufriedenheit und Murren in der Gemeinde erregt hat: so
dahveine nochmalige Erhöhung für eine ganze Reihe von Jahren
zU^ßü faktischen Unmöglichkeiten gehört. '
j! WaS un« in diese- Dilemma, in diesen unerquicklichen Zu«
fanb geführt hat, ist nicht zu erörtern, auch ist e- gar nicht
Zweck dieser Zeilen, Zwiettacht und Zank anzuregen, sondern
vielmehr: die Dinge darzustellen, wie sie sind, auf Gefahren auf«
merksam zu machen und unmaßgeblichm Rath zu geben. Wir
beschränken un- also darauf, in Kürze anzudeuten, wie e- viel«
leicht möglich wäre, die Finanzen unserer Gemeinde in eine bessere
Lage zu bringen indem die Schuldentilgung beschleunigt würde.
Wir sind der Ansicht, daß dies nur durch ein vernünftige«,
aber konsequente- Sparsystem dorchgeführt werden kann, und
wollen sofort aufzufinden versuchen, wa« in dieser Beziehung etwa
Positives geschehen könnte.
Zunächst und vor allem ist e- ein Posten von 1438 Thlr.
in der Uebersicht der Gemeindeausgaben, den ich nie ohne inner«
sten Unmuth und Entrüstung von Jahr zu Jahr wiederholt auf«
tteten sehe. Es ist die Ausgabe für ״Mazzoth." Wer auch nur
einigermaßen in Berlin zu Hause ist und Berliner Verhältnisie
kennt, der weiß, wa« es mst diesem ״Mazzoth für Arme" für
eine Bewandtniß hat. Die Armenkommission, die da» Jahr hin«
durch so sorgfältig, so genau und gewissenhaft in der Berabrei«
chung ihrer Spenden ist, in den Wochen vor Ostern, da wird sie
ergriffen von dem altrabbinischen Socibilismu«: ״Hol dichvin
jeethe vejeecbol“ heißt e« dann; die Gemeinde hält offen Ta«
fel; Jedermann, weß Stande« und Glauben« er sei, erhält Maz«
zoth! — Wir wissen wohl, daß dir» auf altem Brauche bericht,
und daß 'sich gar manche« Gute für diese« alten Brauch sagen
läßt. Aber Alle- wird vor der nicht zu widerlegenden, weil no«
torischen Thatsache zurückweichrn müssen, daß Hunderte, die dem
Schulchan Aruch längst den Rücken gekehrt, ja Biele, die gar nicht
dem Judenthuin angehören, nichtsdestoweniger ihre Portion Maz«
zoth ״fassen." ״Warum nicht? Die Judenmazze schmeckt auf
Brod oder mit Schinken belegt gar nicht übel." — Zugestanden,
aber mit demselben Rechte könnte man ESrogim auStheiien, oder
allsabbathlich die berühmte Schalentspeise. — Selbstverständlich
würden wirklich orthodoxe Juden — aber auch nur solche —
immer eine außerordentliche Berücksichtigung am Peffach« Feste
verdienen, aber der Posten als solcher muß unseres Erachten» ohne
Weiteres fort!
Eine zweite Gelegenheit zu einer kleinen Ersparniß scheint
mir in dem ״Dispositionsfond de- Borstandes" zu liegen. Daß
der Fond an sich überflüssig sei, wird Niemand behaupten wollen,
aber die Herren Borsteher, die die ihnen zur Verfügung gestellten
800 Thlr. alljährlich bis auf den letzten Pfennig verwenden,
werden auch nicht in Berlegenheit sein, die doppelte Summe
geeignet zu verausgaben. Ebensogut nun, meinen wir, würden sie
sich einzurichten wissen, wenn der Fond nur 400 Thlr. jährlich
bettüge. —
Der dritte und wichtigste Punkt, an welchem die Ausgaben
zu beschränken, beziehung-weise nicht zu steigern sind, scheint mir
die Gemeinde-Knabenschule zu sein. Ich will jedoch diese-
Echmerzen-kind nicht berühren, bis der erfahrene Beuttheiler (in
den früher» Nummern) seine Besprechung desselben zu Ende ge«
führt haben wird. Einstweilen werde hier schließlich noch auf
einen andern Punkt aufmerksam gemacht, nämlich auf von der
Gemeinde zu vergebende Bauten, Reparaturen >c. Hier könnte
sehr viel rrspatt werden, wenn, wie es bei allen Staat-« und