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Berliner Wochenschrift für Jüdische Angelegenheiten.
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Freikag, bnt 31. Januar.
Ri. 5.
Zweiter Jahrgang. 1868.
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Inhalt»
Leooor Rrichrnheim. Sirrrspiadmsni: Preßbnrg, Tarnow, Jaffy.
— Der babvlomschr Jisaja. (Schluß.) — virmischli».-Inserate.
| Leouor R^chenheim. j
Durch ritten leider allzufrühen Tod hat unsere Stadt und
unsere Glaubensgenossenschaft am Sonntag den 26. d. eine» ihrer
thätigsten, wohlwollendsten und freigebigsten Mitglieder verloren.
Selten gab e- ein humanes Interesse gemeinnützigen oder privaten
Charakters, bei dem Leonor Reichenheim sich nicht mit offenem
Herzen und offener Hand in erster Reihe beiheiligte. Für Staat
Stadt, Gesellschaft und Gemeinde trat er in allen erforderlichen
Fällen mit Ueberzeugungstreue und Thatkrast ein. In der poli«
tischen wie in der gewerblichen Sphäre machte er seinen schnellen
Verstand und seine reichen Erfahrungen und Kenntnisse jedem
Fortschritt zum Besseren dienstbar, und erwarb sich nicht blv» bei
Freunden feiner Ansichten und Bestrebungen treuen Anhang, fon-
dern auch Aufmerksamkeit und Anerkennung seiner reichen Vorzüge
im Kreise seiner politischen Gegner. — Leonor Reichenheim war
am 8. Mai 1814 in Bernburg geboren. Seit 1858 gehörte er
dem Abgeordnetenhause als Vertreter des Wahlkreise- Waldenburg
an; 1867 wurde er von demselben Kreise in de» konstituirenden
Reichstag gewählt. Eine Reihe von Jahren war R. auch Mit«
glied der hiesigen Stadtverordneten-Dersammlung, von welcher er
im vorigen Jahre zum Stadtrath gewählt wurde. (B. Z.)
Am Mittwoch Vormittag fand die Beerdigung unseres tief
betrauerten Mitbürger- unter ganz ungewöhnlicher Betheilignng
statt. Vier- bi- fünfhundert Personen hatten sich im Sterbehause
eingesunden; die weiten Räume der Billa des Verstorbenen im
Thiergarten reichten weithin nicht au», das Tranergefelge zu
fassen, welche» sich durch den Garten und die berühmten Treib«
Häuser zu vertheilen genöthigt sah. Unter den Anwesenden war
das Abgeordneten-Hau» durch die Präsidenten, Schriftführer sowie
Vorstände und hervorragendsten Mitglieder aller Fraktionen
vertreten. Line Deputation des Magistrats und der Stadtver«
ordneten, den Oberbürgermeister Seydel -und den Gtadtverord-
nelen.Vorsteher Kochhann an der Spitze, der Nestor der Uni«
verfltät, Deputationen der Berliner Schützengilde, verschiedmer
Vereine rc. waren anwesend. Die Mitglieder de» MinffteriumS
waren nicht erschienen; dagegen bemerste man die Staat-minister
a. D. Graf Schwerin und von Patow. — Der mit Blumen
und Kränzen reich geschmückte Sarg stand in einer aus exotischen
Gewächsen gebildeten Halle von brennenden Kerzen umgeben.
Die Söhne und Brüder de» Verstorbenen standen zunächst. Der
Aestor derjüdischenReligionSschule, Herr De. Kirschstein, welchem
die Erziehung der Kinder anvertraut war, und der deshalb dem
Verstorbenen nahe stand, hielt auf Wunsch der Familie die Ge«
dächtnißrede und sprach in kurzen, warm empfundenen und die
ganze Versammlung tief ergreifenden Worten ungefähr folgende»:
״E» ist ein theurer, viel verehrter Mann, an dessen Bahre
wir hier traurend stehen — e» trauern, die seinem Herzen am
nächsten sind gewesm, daß ein Herz voll Liebe »nd Zärtlichkeit
für sie zu schlagen aufgehört, es trauern die Genossen seiner viel׳
verzweigten Wirksamkeit, daß ein treuer, hingebungsvoller, daß ein
rüstiger Mitkämpfer aus ihren Reihen ist geschieden, es trauert
eine große Schaar, die einen liebevollen, stet» hilfsbereiten Wohl«
thäter in ihm verloren, e» trauern der Freunde Biele um den
vielgeliebten Hingeschiedenen, und unter ihnen der, dem die schwer«
zen-volle Ehre zugefallen, all dem großen Schmer; und Leid ein
Dolmetscher zu sein.
In der Blüthe seiner Jahre ist er nnS dahingerafft, im
stästigsten MannfSalter hat ihn Gott von uns genommen. Er
konnte mit feinem klaren, ungetrübten Geiste noch so Vieles wirken,
er konnte mit seiner rastlosen ArbeitSstaft noch so Diele» schaffen,
und Gott, der Herr, hat ihm ein Halt geboten!
O Gott, allweifer Vater, deine Wege sind nicht unsere
Wege,'deine Gedankest sind nicht unsere Gedanken; was du in
deinem Rathschkuß über «n» verhängst, da» ist zu unserem Besten,
in Liebe giebst du und in Liebe nimmst du, imd, ein liebevoller
Vater, hast du auch ihn nach ruhelosen Kämpfen in deinen ewigen
Frieden ausgenommen,' hast in ewige Ruhe ihn gebettet. Ihm hast
du wohlgethan — wir erkennen e» nicht und fühlen e- doch, und
fühlen, daß für un- die Trostlosen und die Trostbedürftigen, die-
der einzige Himmel-trost. Ihm hast du wohlgethan, aber in uns
nagt der frische Schmerz, der Verlorene ist so lebendig noch in
unserem Geiste, nnd er lebt nicht mehr, mit allen unserem Em«
pfinden hängen wir an ihm dem Empfindungslosen, und in unseren ^
Erinnerungen Hallen noch die Worte seiner Liebe wieder, die *•y
ickmer jetzt verhallt sind. X
Aber vergangen ist doch nur, was vorzüglich in ihm ge» ^
wesen. ES dorret das Gra», e» welket die Blume, aber was
von Gott stammet, ist unvergänglich. E» fällt die Hülle, e» ver-
west der Leib, aber der GotteSgeist, der in dem Leib gewirkt, er
hat gemäß seinem Ursprünge Ewige» und Unvergängliche- ge«
schaffen. Und von diesem GotteSgeist in ihm, dem theuren Hin«
geschiedenen, wollen wir in Liebe und Dankbarkeit sprechen, da-
Innerste, da« Grundwesen seine» Leben» un» enthüllen, und so
au seinem herrlichen Lebensbilde trotz unsere» Trennungsschmerzes
un« erfreuen und un« erheben.
WaS wir vor Allem an ihm bewundern und ehren, da» ist
sein großer ArbeitStrteb, seine große Arbeitslust. In der Arbeit
fand er den größten Reiz de- Leben», in der Arbeit den einzigen
Genuß. In frühester Jugend, der Kindheit kaum entwachsen, 14
Jahre alt, verließ er schon die Schule, um in selbstständiger Thä«^
ttykit sich selbst den Lebensbamu zu pflanzen. Denn, den wir
ich Wohlstand nur gestnu^ «1- «abhängig und frei von de»
Lebens niedrige« Mühen tMGoögeii, ed war im Wohlstand nicht