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tuftgefxn, was analog ist mit: wir haben nichts, eS bleibt
beim Alten. Doch, daß die Vertretung keine ernste Miene
machte, nach dem Willen der Gemeinde zu handeln, beweist
«nS neuerding- das Präliminare pro 1869, das uns ver-
'anlaßt dieser löblich denkenden löblichen Vertretung ein nur
zu l so lange zuzurufen, als die gutm-thig« Gemeinde den
Nacken herborgt, auf de» der Fuß der Willkühr gestemmt wird.
Um offen zu gestehen, waren wir auf ein zugestutzteS
Präliminare gefaßt, bedauern aber, uns beim Anblicke der
präliminirten Summen sehr getäuscht zu haben, die jede Illu¬
sion in barbarischer Weise zu Nichte gemacht, und so sehen
wir getrost der Genehmigung des Präliminares von Seite
der hohen k. k. Statthalterei entgegen, letztere damit entschul¬
digend, daß sie die israelitischen Gemeindeverhältnisse zu we-
oig kennt. Nachdem wir das Unvermeidliche nicht ändern,
daß noli we taogsre der Repräsentanz vor der Hand nicht
umstoßen können, begnügen wir unS heute die Quintessenz deS
Ziffernkomplexe-, der sich uns als Budget vorstellt, herauS-
zuziehen, beseelt von dem Tröste, eine Plage bringt oft
, Heilung.
Wir gelangen somit zum ersten Posten von 600 fl.,
der für einen anzustellenden Oberrabbiner eingestellt ist. Ohne
unS erst darauf einzulassen, ob wir einen solchen bcnöthigen,
oder nicht, glauben wir nicht zu fehlen, wenn wir, als im
verfloffenen Jahre dasselbe Manöver gemacht wurde, auf
die Worte deSBorsitzenden der Repräsentanz aufmerksam machen,
die die ganze'Sachlage etwas genauer charakterisircn dürften.
In einer Anwandlung von Frömmigkeit, die vielleicht über¬
rascht hatte, hat dieser in asketischer Weise, gegen den Antrag,
eine« RcpräsentanzmitgliedeS einen Posten aus dem Präli¬
bci der Messe begleitete», vernahm. Der Ruf deS kleinen Oppen-
heim drang selbst in das Kloster und wurden fast täglich im Refec-
torium Gegenstand deS Gespräches. Die Kirche — hieß eS unter
Anderem würde an den» jungen Judcnknabcn eine feste Säule
erhalten, denn fein ganzes Wese» vcrräth den Geist und wenn er
die Geduld und die Zähigkeit, die diesem Volke eigen sind, besitzt,
und die Anlagen seines BatcrS ererbt hat, so könnte er mit der
Zeit eine Zierde des LhristenthumS werden. Einst geschah es, daß
die fromme Gattin des edlen Rabbi den muntern David zu einer
Muhme schickte, ohne auf etwas anderes als auf dessen baldige
Rückkehr zu schließen. Allein welche Täuschung, welche düstere
Erfahrung I Die Sonne ging allmälig unter, der Tag neigte sich
der Rächt zu, und mit ihr drang Fiustcrniß in das Gcmüth des
besorgte» Rabbi, der wehklagend einen Schrei nach dem andern
aussticß, während die zitternde Mutter Thränen im Stillen vergoß,
in denen gleichsam der bittere Wermuth der Schuld, die sie an
der Bcsorgniß trug, lag. Der Himmel begann sich nach und nach
zu verfinstern und das dräuende Gewölk schien ein Gewitter zu
entladen, und daS dumpfe Rollen des Donners, das Echo des ge-
schchenen Unglücks zu verkünden. David Oppenheim, so stellte sich
erst später heraus, nahm, nichts ArgeS vorauöfehend, seinen Weg
vor dem Kloster vorbei, in welchem er erblickt, in dasselbe geführt
und nach Art deS jungen Mortara der Erziehung der Jesuiten
übergeben wurde. Während sich so der greise Oppenheim im Ver-
trauen auf den höchsten, seinem Schicksale ergab und Rebekka Thrä-
neu in daS gekränkte Herz geweint, wuchs der junge Oppenheim
heran, bis.er eine feste Stütze der Kirche wurde und durch Kopf
und Fleiß die neue Lehre so erfaßte, daß er unter dem Ranien
ProSpcr die Kanzel in der Kirche bestieg und sich den Ruf eines
heiligen Manne« erwarb. Bald drang sein Raine in die Hofkrcisc
und so kam es, daß er ein Günstling derselben wurde. — - —
So wie siel» die Zufälle im Leben oft begegnen, und oft man¬
ches Unglück Glück bringt, so ivurdc dieses in der neuen Stellung
de» Pater ProSpcr erst recht zur Wahrheit, als er am Hofe ge¬
wahr wurde, daß die Austreibung der Juden und die KonfiSeirung
ihrer Güter eine beschlossene Thatsache sei. Nicht ohne Wirkung
konnte diese Nachricht für ihn sein und eingedenk seines greisen Vaters,
seiner nunmehr erblindeten Mutter, von. denen ihn sein neuer Glaube
für immer trennte, sann er darauf, die Gefahr, die seinem bedräng-
tat ehemaligen Glaubensgenossen wie ein Damoklesschwert drohte
ajruct und venaat i
minare zu streichen, der nicht hineingehöre, indem ^gegenwär- ^
tig kein Oberrabbiner da ist, gestimmt, und folgendes in pie-
tistifcher Weise gesprochen: „ES geht durchaus nicht anzu-
nehmen, daß wir der Gemeinde gegenüber erklären, wir wol¬
len oder können keinen Oberrabbiner anstellen, das ist eine
Sache der UnmögliOeit. Wenn eine Gemeinde, wie die Pra¬
ger ein Jahr l-ng ohne Oberrabbincr lebte, so könnte dieß
auch im 2. und im 8. Jahre stattfinden. Es ergäbe sich da¬
raus, daß wir keinen Obcrrabbincr brauchten. Gehen wir
aber davon aus, daß wir ein:» Oberrabbiner anstellen müssen,
so müssen wir die Summe von 600 fl. ins Präliminare ent¬
stellen." Wie die Alten brummen, so die Jungen summen,
und so wurde im Vorjahre dieser Betrag mS Budget ein¬
gestellt.
Wußte doch damals die Repräsentanz was der Tenor
ihres Vorsitzenden zu bedeuten hatte, wußte sie wol, daß bei
einer Besoldung des 2. Rabbiner« mit 800 (pro 1869 1000)
der Oberrabbiner unmöglich mit 600 fl. angestellt werden
könnte, so mußte im Vorgefühle etwaiger Verwendung die¬
ses Betrages, ein noch in der Sphäre des Zweifels exksti«
render Oberrabbiner der Sündenbock sein, und 600 fl. für
unvorhergesehene Zwecke reservwt werden; ist jedoch die Re¬
präsentanz des VcrmögenSfondes von 45812 fl. 19'/« kr.
eingedenk, so wird sie ebenso herzlich lachen, als sich ein auf
das Obcrrabbinat reflektirender Gelehrte schämen müßte,
wenn er sich im Vorhinein so bloß gestellt wüßte. Man hat
nun da« Jahr unter manchen Mühsehligkeiten verlebt, man
hat ohne Obcrrabbincr gewirthschaftet und die bloße Idee
an denselben hat belehrt, daß 600 fl. da waren, heute aber,
so weit der der Gemeinde nicht zu Gebote stehende'Budgetetat
abzuwenden und die Schreckenscene, die grade nach den 10 Bu߬
tagen erfolgen sollte, zu verhüten. Das menschlich -Fühlen fing an
sich in der Brust des strengen Geistlichen zu steigern und der Ge-
danke an sein fiommes Eltemhaus an seinen angestammten Glau-
bcn stählte ihn in seinen Vorhaben. In einer stillen Rächt, in der
die Sterne am Himel erglänzten und der Mond die Straßen in
ein bleiches Gewand gekleidet, stahl er sich ohne bemerkt zu wer-
den, aus dem Kloster hinweg, um seinen frühem Glaubensbrüdern
als ein rettender Genius zu erscheinen. Es war, gerade am Bor-
abcnde des Versöhnungstages, den die Gemeinde in dem Bethause
beging. Die Jammcrtöne in demselben, daS Schluchzen der An- --
dächtigcn verlockte den Mönch immer mehr und mehr seine Schritte
dahin zu lenken. In förmlicher Heiligkeit war der innere Raum
des Bcthauscs gekleidet, die Strahlen der Lichter schienen in sein
Herz zu dringen, das zusammengepresst nicht einmal gestattete, sei-
nen Thränen freien Lauf zn lassen. Die schncewelhen Sterbegewän-
der, in denen die Andächtigen gehüllt waren, erinnerten ihn an de«
Lcbcus Ziel und der Sang der heiligen Lieder, der wie dumpfer
Klagcton auö dem Munde des greisen Rabbi erscholl, drängte ihn
in das Gotteshaus einzutrcten. — — — — — —
Pater Prosper war cingetrctcn, ein heiliger Schauer überllef *
seinen Leib, tausend Erinnerungen aus seiner goldenen Jugendzeit
tauchten in seiner Seele auf, er stürzte auf den Kuien und unter
heftigem Schluchzen rief er: „Schema Jisroel.“ Im Augenblick
war er von den Gemeindeglicdcrn umgeben, die in ihm den jun.
gen Oppenheim erkannten, der seinem väterlichen Glauben untteu
geworden. Der greise Rabbi verließ seinen Platz nicht, um sich in
seiner heiligen Handlung nicht zu unterbrechen, und als er befragt
wurde, was mit dem reuigen Sünder zu geschehen habe, gab er
daS Zeichen, daß ihm nichts leides widerfahren möge. Die Gemeinde
that so, wie ihr befohlen und der Mönch legte feierlich mit lau-
ter Stimme sein Sündcnbekenntniß ab. Während dieser Procedur
drangen tunniltuircnde Studenten in daS BcchauS, wo sie gleichsam
der gewaltige Arm GotteS vor Entweihung deS Hauses zurückhielt.
Der Mönch verlor sich durch das Gewühl der Menschenmenge und
brachte seine Reue dadurch zum Ausdruck, daß er durch seine Für¬
bitte beim Hofe daS mittelalterliche Editt rückgängig machte. Der
greise Oppenheim starb noch in derselben Rächt, dem sein traute»
Weib bald nachfolgte. ö.
J.
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