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Die
Gegenwart.
Hrgan für die Interessen des Iudenthums.
Redaktion und Afe-
miaistiation Ritter«
gafle Rro. 4Ü8 — 1
woliiii alle Briefe u.
Geldsendungen za
richten sind.
Die „Gegenwart" er-
scheint am l. und
l.t. eines jeden Mo¬
nates.
Nro. 3.
Prag 1. Feber 1869.
II. Iahrg.
Inhalt:
Leitartikel: Jude, Bürger, Pair. — Ursachen und Wirkungen. — Eon-
grrß-Briese. — Reflexionen eines zum JudenchumeUebertretenen. —
Ein Werl über Werth und Wesen der geistigen Bildung.
Correspoudeuz: Aus dem westlichen Böhmen.
LoraleS. — Auswärtiges. —
Feuilleton — Inserate.
Jude, Sürger, pair.
Ohne erst auf den Fortschritt der Israeliten in dem
kurzen Zeiträume von kaum zwei Jahren Hinweisen zu müs¬
sen. glauben wir eine angenehme Pflicht zu erfüllen, ein
wohl individuelles, jedoch das ganze Judenthum altcrircnde
hochwichtige Ereigniß zu besprechen, das durch einen Feder¬
ung deS erhabenen Monarchen hervorgerufen, das Gemüth
eines jeden Israeliten freudig bewegt. ES koncentrirt sich
dieses Ereignis auf die Ernennung Simon Winter-
stein's zum Herrenhausmitglied. Bon welchem Momente
und welcher Tragweite diese Nomination ist, braucht nicht
erst hervorgehoben zu werden, sie kennzeichnet den Juden in
Ftuillelon.
Aus dem jüdischen Familienleben.
Als Felix Mendelssohn einst an einem mondhellen
Septemberabend über den sogenannten Brühl in Leipzig schritt,
stieß er im auf. und abwogcnden Gewühl der charakteristischen Krup.
pen, welche zur Meßzeit diese verkehrsreiche Gegend bevölkern, auf
die patriarchalische Gestalt eines greisen Juden, der eben segnend
seine Hände auf das niedergebeugte Haupt eines vor ihm stehen¬
den Knaben legte und diesen sodann mit zärtlicher Innigkeit in
seine Arme schloß.
Derartige Genrebilder aus dem jüdischen Rcligions- und Fa-
milienlcbcn gehören während der Messe auf dem Leipziger Brühl
nicht zu den Seltenheiten und die Vorübergehenden beachten sie
kaum. Für den gemüthreichcn und leicht erregbaren Tondichter aber
hatte die niemals von ihm gesehene malerische Scene etwas so
Feierliche- und Ergreifendes, daß er überrascht stehen blieb und
die kleine Gruppe im Lichte deS Vollmonds betrachtete. Dem Greise
war der theilnahmvoll auf ihn ruhende Blick deS Fremden nicht
entgangen. Er griff verlegen an seinem breitkrämpigcn Hut und
sagte: „Verzeihen sie mein Herr, wir beginnen heute Abend eines
unserer hohen Feste, wo eS Brauch ist unfern Kindern und Enkeln
den Segen zu ertheilen. Aber wir find hier fremde Leute und nur
auf enge Schlafstätte angewiesen. Darum müssen wir häufig von
unfern Gebräuchen auf der Straße verrichten, was sonst der unserer
eigenen Behausung geschieht."
Der ruhige, gebildete Ton und das ziemlich reine Deutsch, in
welchem diese Worte von einem ärmlich gekleidete- ' ' '
Oesterreich in seiner socialen und politischen Stellung. Wir
glanbcn mit uin so größerem Rechte den Lebenslauf de»
ersten bürgerlichen jüdischen PairS dem geschätzten Leser nicht
vorzuenlhaltcn, um demselben zu zeigen, daß daS eurrieu-
lum vitne eines Mannes nicht immer von ererbten Reich«
tbümcrn, von sogenanntem Ahnenstölze, von überkommenen
Titulaturen abhängig gemacht wird, sondern die Selbstent«
wickelnng verbunden mit einer richtigen Anschauung und kon¬
sequenter Verfolgung augestrcotcu Zieles, selbst über steile Ab-
hänge und Klippen dennoch zur Höhe des Ruhmes führen kann.
Geboren den 10. Dezember lKlt» in Prag von israeliti-
schcn Eltern trat S i m o n Winter st c in nach Beendigung der
Gymnastalstudicn in ein dortiges Handlung shanS als Praktikant ein.
In den I84«»er Jahren kam er »ach Wien, wo er die ganze Schule
eines tüchtigen GcschäftSinanneS durchmachte und endlich an die
Spitze eines Spcditionshauses trat, das ein gutes Rcnoine sich er.
warb. Bald darauf in die Wiener Handels- und Gewerbekammer
gewählt, zeichnete er sich in dieser durch eine ungewöhnliche Kennt-
niß aller Verhältniffc so wie durch die klare und präeise Weise sei-
ncr Arbeiten aus. Am 2t». März 1 S<> 1 wählte ihn die Handels¬
kammer iii den nicdcröstcrr. Landtag und dieser letztere bald bar¬
sten. Er richtete seilt Auge auf das bleiche Gesicht des neugierig
zu ihm aufblickenden Knaben und erwicdcrte ii» seiner jooiale»
Meise-:—:,Es hat mich gefreut, daß sic den Knaben so lieb haben
und daß er Ihre Liebe so herzlich crwicdcrt. Aber er sicht schwäch-
lich und leidend aus. Warum haben Sic ihn so weit her mit sich,
gebracht?"
„Dainit er ein Mensch werden soll, lieber Heer, was bei uns
zu Hause, iin Jnnerir Rußland-, nicht inöglich ist." cntgegnctc weh-
müthig der alte Mann: „er ist meiner Tochter Sohn, rin gutes
und fleißiges Kind, die Freude unseres Lebens, cS kostet uns gro-
ßcn Schmerz ihn von uns zu lasse», aber bei uns ist » noch finster,
da muß er mit alb seiner Lust und Liebe verloren aehrn>. Daruin
habe ich meine letzten Groschen znsammcngerafft / j*rto ihn mit nach
Deutschland genommen. In Berlin ist eine große und reiche In-
dcngemcindc. Dort will ich mit ihm zu wohlhabenden Glaubens¬
genossen von Thür zur Thür gehen und so lange ein Bettler sein,
bis ich ihm einen Platz in einer guten Schule und den nothdürf-
tigen Unterhalt verschafft habe. Für das Weitere lvird Gott und
sein guter Wille ihm beistchcn. Ist doch auch der große Wcltwcisc
MoscS Mendelssohn einst alü ein blutarmer schwächlicher Judcn-
knabe nach Berlin gekonnneu und doch nach - übcrstandcncr Roth
tlnd Kümmernis einer der vcrchrtestcu Männer seines Vaterlandes
und ein Licht in seinem Volke geworden. Mögen seine Tugenden
incinem verlasieneit Kinde ein Vorbild bleiben, ich erzähle ihn» täg¬
lich davon und kann ihm in unserer Lage nichts Besseres zu-
rücklasscn."
Felix Mendelssohn suchte die Bewegung zü verbergen, welche
diese plötzlichen Erinnerungen an seinen Großvater in ihm hervor-
riefen. Einer Berliner Dame aber, welcher er später den ganzen
Vorgang erzählte, legte er das Geständniß ab, daß an jenem Abende
aflf den Straßen Leipzig« zum ersten Male eine Regung edlen
jhnenstolzrs durch feine Seele gezogen fei, daß er zum ersten Male
it Gefühl wehmüthiger Erhebung empfunden, bei dem Gedanke»