Page
HnIbjShrige- Abon-
,e«e«t für Prag nnd
die Provinz iullnsive
Zustellung in- Hau-
»der Postversenduag
ö. W. - -Ist. 40 kr.
für'- Ausland 1 Thlr.
fitrAmrrika 2 Dollar.
Inserate werden bil»
, berechnet.
Die
Gegenwart.
Grgan für die Interessen des Iudenthums.
Rrdaltion »d •»«
miniftratioa Ritter«
gaffe Rro. 408 — 1
wohin alle Briese n.
Geldsendungen zn
richte« sind.
Die „Gegenwart" er«
scheint am I. und
15. eine- jeden Mo»
uateS.
Nro. 5.
Anhalt:
Leitartikel: Auch eine Synode. — Eongreß-Briefe — Zustände in
Tunis.
Corresvondeuz r Au» dem westlichen Böhmen» Wien, Pest.
LoealrS. — Auswärtige-. —
Anast »ud Literatur. — Bom Büchertische.
Frnilletou.— Inserate.
Wieder eine Synode.
So wie an mehrere jüdische CultuSgemeinden, so
erging auch vor Kurzeman die prager CultuSgemeinde eine
von den Herren Philipsohn, Adler und Aub Unterzeichnete
Aufforderung zur Thcilnahme an eine noch in diesem Jahre
abzuhaltende Synode, für die der Ort noch nicht prücisirt
ist. So viel scheint denn doch gewiß, daß sie eine Forffetzung
jener in Caffel aufgenommenen Debatten bilden soll, wenn
gleich der Verlauf derselben dasselbe Resultat prognosticiren
dürfte, als jene, welche bloß als ein Vorspiel einer noch
nicht auSgespielten Komödie zu betrachten sind. Wir behan«
beln diese synodale Angelegenheit für viel zu wenig ernst,
weil daS Scheitern dieses an und für sich todt gebornen
Projektes mit eben solcher Sicherheit angenommen werden
II. Zahrg.
kann, als wir die Gewißheit haben, daß mit Faktoren wie
Philipsohn und Adler — der dritte in ihrem Bunde
ist eine zu wenig gekannte Größe — nicht gerechnet werden
kann. Gestehen wir wohl zu, daß die Philipsohn und Adler
auf der Höhe des Geistes stehen und vielleicht nach ihrem
Sinne das Zeug in sich haben, mit technischer Fertigkeit ein
Gebäude niederzureißen, eines können wir uns nicht versehen,
daß sie nicht die Kraft besitzen, ein neues Gebäude aufzu«
führen, das allen wohnbar wird. Ohne uns dieser modernen
Ingenieure wegen zu echauffiren, sind wir zwar nicht be¬
rechtigt, ihre Pläne im Vorhinein zu besudeln oder ihnen
gar ihre Freude zu verderben, die ihnen heute schon im
Geiste die Kränze der Unsterblichkeit flicht; allein da «S sich
darum handelt, daß diese Herren ihre Minen erweitern,
welche sie über die Grenzen ihres Territoriums erstrecken,
um in unserem engern Vaterlande eine religiöse Pulver¬
mine anzulegen, die in feiner Berechnung eines schönen Ta-
geS mit Philipsohn Adler'scher Reformlunte in die Luft
gesprengt werden soll, so ist eS unsere Aufgabe, die Herren
der Situation über die religiösen Verhältniffe der Israeliten
in Böhmen aufzuklären, an diese Aufklärung die Betrach¬
tung der Reformisterei im Allgemeinen anknüpfend.
Die Israeliten in Böhmen eine der intelligentesten
Prag 1. May 1869.
Feuilleton.
Die Familie des Premier-MinisterS Disraeli.
Wir glauben keinen bcffcren Ciceroni zu finden, mit dem wir
in die Familie des gefeierten Premier-MinisterS DiSrarli eintreten alS in
Julius Rodenberg'S Erzählung, die er in SteffcnS BolkSkalendcr
von 1868 mit gewohnter Meisterschaft in eine stilgewandte Hülle
kleidet und uns mit den Ahnen des großen Staatsmannes vertrant
macht, indem er die intereffantestrn Notizen über deffen Familie
bringt. Der gelehrte Rabbi Manaffe den Israel, der zur Zeit der
englischen Republik von Holland nach England, gjtz Abgesandter
seiner Glaubensgenossen gegangen war, so beginnt der geistreiche
Schriftsteller, hatte von seinen spanischen Vorfahren die Kunst der
diplomatischen Uebcrrrdung geerbt, mit Hülfe deren er dem Pro-
trktor einleuchtend zu machen verstand, welchen unheilbaren Schaden
daS alte Spanien fich zugcfügt, als eS die Juden mit ihrem Han-
delSgeist und ihrem beweglichen Vermögen austrieb, und welche
fruchtbare AuSsaat für die Zukunft Englands eS fein würde, wenn
dieses die jetzt größtentheil« in Aftika und in der Türkei, zum
Theil aber auch in Frankreich, Italien, Holland und Holstein (Al-
lona) zerstreut lebende scphardifchen (spanisch.portugicfischen) Ju-
den bei fich aufnehmen wollte. Obwohl nicht ohne Widerstreben,
faßte Tromwell doch den Gedanken nach seiner ganzen Tragweite
-auf. und wie die SchifffahrtS-Acte de» Protektor», so darf auch die DiS-
putation über Zulaffung der Juden in England, dir er im Dezem-
brr 1655 im Palaste zu Whitehall halten ließ und wobei fein Prin¬
zip der Duldung über die preSbyterianifche Hartnäckigkeit den Sieg
davon trug, al» eine» der mächtigen Förderungsmittel der nachma-
Ilgen englischen Handelsgröße bewachtet werden.
Also auS Holland kamen im siebzehnten Jahrhundert die er-
sten scphardifchen Juden nach England, denen bald auch zahlrei¬
che aschkenasischc ldeutsche und polnische) Juden folgten. Zu den
Sepharden gehörte auch die Familie DiSraeli, aber sie befand sich
nicht schon unter den ans Holland Eingewanderten. Vielmehr hatte
sie sich, als Torguemada's Jnauisitions-Edikte die Nachkommen Ab-
rahamS mit dem Blut-Banne belegten, zunächst nach Italien ge-
siüchtet, wo die großen Handelsrcpubliken klug genug waren, die
von Spanien verschmähten Reichshümer der Juden aufzunehmen.
In Venedig legte die Familie ihren früheren stolzklingendcn spani-
scheu Namen (Billarcal) ab, und. dankbar dem Gotte Israels, der
sie durch Leiden und Prüfungen ohne Gleichen geführt hatte, gab
sie sich den Rainen Disraeli, „einen Rainen, der (wie der jetzige
vornehmste Träger desselben in der Lebensbeschreibung seine» Ba-
ters, des berühmten Literaten Isaak Disraeli, sagt) niemals zuvor
oder seitdem von einer anderii Familie geführt worden, auf da»
ihr Geschlecht für immer daran anerkannt werden möchte."
Unter dem Schutze dcS Löwen von San Marco blühten die
Disraeli als Kaufleutr und BankliauSbesitzer in Venedig während
zweier Jahrhunderte, bis der große Aufschwung und HandelSruf ei¬
nes ihrer sephardischen Glaubensgenossen in London Samson Gl-
deon», dcsien Sohn unter König Georg II. zum Baronet unter ei¬
nem anderen Rainen erhoben wurde, den damaligen Banquier Dis-
racli in Venedig bewog, den jüngsten seiner Söhne, Benjamin, dm
„Sohn seiner Rechten," Großvater des gegenwärtigen Premier», noch
England zu schicken, um dort eine Filiale de» vmrtianischen Hand-
lungShause» zu errichten.
„Mit jener Feinheit (sagt Rodenberg), welche die Feder de»
jetzigen Premier» von England immer ausgezeichnet hat. erzählt er
un» die Geschichte de» Uebertritte» seiner Familie zum Christen-
thum — reich an typischen Zügen und Motiven, die wohl über.