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fast zu sagen, die intelligenteste israelitische Bevölkerung in
Len vsterreich. ungarischen Ländern, sind theil- durch histori¬
sche- Ueberkommen, theil- durch die politischen und geogra¬
phischen Verhältnisse viel zu sehr von den kosmopolitischen
TageSfragen occupirt, um noch solche, die speeifisch religiöser
Natur und geeignet sind, dem Frieden in dm Gemeinden
einen offenen Krieg zu erklärm, auf ihre Schultern zu la¬
den. Der Friede, der al- ein den wechselseitigen Verkehr
umschlingendes Band, die hie und da von einander abwei¬
chenden Religion- Anschauungen nicht bi- tur totalen Di¬
vergenz bringt, .ist eben ein integrirender Theil der jüdischen
Religion, und so dieser Friede gelockert oder gar gestört
würde, wäre an eine Verschmelzung der Ideen nie zu denken
und da- Resume wird Zerklüftung und Zwiespalt hervorgeru-
fmer Partheien, die heute in Böhmen verschwindend klein
find. Die böhmischen Israeliten im Vergleiche zu denen bei¬
spielsweise Polens oder Ungarns stehen auf der Höhe der
Cultur, die von sich da« Gewand alter Gewohnheiten von
selbst abgestreifd haben und noch abstreifen werden, ohne
daß je eine Synode ihnen Gesetze octroirt hätte, und der böh¬
mische Israelit« geht unter den vielen Wegen, die ihm Gott,
die Natur, die Vernunft vorgezeichnet, eben den Weg, der
ihm auf Grund des ihm von Gott verliehenen freien Wil¬
lens als der beste dünckt, und wenn auch die verschiedenen
Bahnen der Anschauungen, einem Schienennetze gleich, von
einander abweichcn, sie finden in Einem Punkte dennoch
ihre Vereinigung. _
ES möge von den Herren Philipsohn, Adler und Consorten
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all in ähnlichen Füllen ähnlich gewirkt haben smögen. Sein Groß,
vater, der geborene Italiener verkehrte wenig mit seinen englischen
Glaubensgenossen und war im besten Falle gleichgiltig gegen sie;
die Triebfeder deS endlichen Bruches war seine Gemahlin. „Meine
Großmutter," sagt der Minister-Präsidcnt, „die schöne Tochter einer
Familie, welche viel durch Bersolgung gelitten, hatte jenen Wider-
willen gegen ihre,» Stamm ringcsogcn, den die Ehrgeizigen nur zu
sehr geneigt sind, zu fassen, nachdem sie die Erfahrung gemacht,
daß ihre Geburt sie zu einer niederen Stellung in der Gesellschaft
vrrurtheilt. Daö Gefühl der Erbitterung, das eigentlich dem Ver¬
folger allein gelten sollte, wird, wo die Empsindlichkeit bis zu ei-
mm gewissen Grade gereift ist, nur zu oft an den Verfolgten aus¬
gelassen. und die Ursache der Verletzung, die man empfindet, wird
nicht sowohl in der Bornirthrit und dem bösen Willen deS Geg-
nerS, al« in der Ucberzcugung und dem Gewissen deS unschuldig
Leidenden gesucht."
Es dauerte jedoch dieser innere Widerspruch in der Familie DiS-
raeli siebzehn Jahre, bis dieselbe den Entschluß faßte, ihr bisherig;-
religiöses Band aufzngrbcn. Im Jahre 1782 fand ihr Uebertritt
zum Ehristenthume statt. Benjamin DiSraeli, der Großvater, war
inzwischen zu einem für die damalige Zeit sehr großen Vermögen ge¬
langt und erwarb in der Nähe von London ein Gut, daS er mit
einem Park im italienischen Geschmack auSstattcte, und wo er im
achtzehnten wie in» neunzehnten Jahrhundert, seine vornehmen, seine
literarischen und seine künstlerische» Freunde (Sir Horacc Mann
George Eanning. Charles Lamb, Coleridge u. A.) empfing, italie-
nifchc Canzioncttcn sang und (nach der Darstellung seines Enkels)
„trotz einer Gattin, die ihm niemals seinen Name» verzieh, und
eines SohncS, der alle seine in Bezug auf ihn gemachten Finanz.
Pläne vereitelte, eines langen ungestörten Glückes genoß. Jur Jahre
1817 starb er. fast neunzig Jahre alt, mit Befriedigung auf sein
umfassendes Leben znrückblickcnd."
Der vorgedachte Sohn deS älteren Benjamin DiSraeli, „dem
Vater bis zur letzten Stunde seines Lebens ein Räthsel," war Isaak
DiSraeli, einer der liebenswürdigsten Literaten und Kulturhistorikcr,
der Verfasser, der in zahlreichen Auflagen über England, Amerika
und die ganze ftulturrcclt verbreiteten w Curiosities of Litera-
ture,“ die einen wahren Schatz von Belehrung enthalten und die
obwohl ihr wissenschaftlicher Standpunkt durch dir Forschungen und
Entdeckungen des letzten Drittel-Jahrhundert» weit überholt ist, noch
lange eine LicblingSlecturc und ein Nachschlagcbuch der Engländer
bleiben werden. Isaak DiSraeli starb im Jahre 1848, 82 Jahre
alt. auf seinem Landsitze Bradenham in Buckinghamshirc, wo der I
recht löblich gedacht sein, der jüdischen Religion einen neuen
Schnitt zu gebm, sie wie der taiUeur de mode nach einem
neuen Schulchan-Aruch Journal, der Zeit und dem Cultur-
grade anpaffend zu machen, haben sie jedoch darüber nach¬
gedacht', daß Epigonen die Philipsohn Adler'sche Mode
wieder umstoße» könnten, veil diese mit ihrer Zeit nicht
mehr parallel laufen würden? Dieser Gedanke würde in
der That die erhitzte Masse in der Phantasie etwa- abküh¬
len , die reformatorischen Gelüste ein wenig abschwächen und
die neuen Ideeneroberer zu dem Entschluffe führen, die re-
formatorische Diktatur nicht für sich in Anspruch zu nehmen,
die heute weniger an der Tagesordnung ist als vor 400
Jahren. Recht schön mag sich da- von den modernen Re¬
ligionscäsaren entworfene Bild machen, wir halten es nur
für ein solche-,-da- sich durch die Brechung der Lichtstrah¬
len auf einer Seifenblase formirt, die plötzlich vor dem
Auge de- Beobachters zerplatzt. E- dürftm wohl unter den
böhm. Israeliten solche geben, welche eine recht-gläubigere
und widerum solche, .welche eine aufgeklärtere Richtung in
ihren Religion-begriffen einschlagen, glaubt man etwa durch
eine Synode oder ein durch dieselbe erfolgte- Octroi diese
freiwilligen Denker auf einen andern Weg zn lenken? Wahr¬
öse Kluft zu schaffen, die gottlob heut ein Böhmen noch nicht exi-
stirt, oder einen Vulkan zu kreiren, deffen Krater Zwietracht
und Feindseligkeit in feuerströmender Lava spuckt. Die Con-
scquenzen eine- solchen Concil- können leicht einen Congreß
in unserem Baterlande zur Folge haben, der gleich dem in
junge Benjamin DiSraeli, unter Erinnerungen an John Hampden,
den großen Verth eidiger der Volk-rechte und der parlamentarischen
Regierung deffen Tochter einst Besitzerin diese- Gute- war, aufge-
wachsen und erzogen worden ist. ES waren inzwischen nicht die po-
litischen Nachfolger John Hampden'S, sondem die aristokratischen
ToricS der Grafschaft, mit welchen der Verfasser der OuriositieZ
ok I^iterature hauptsächlich verkehrte, und so machte sich auch
der junge DiSraeli bereit- ftüh mit den Prinzipien der englischen
Conservativen vertraut, deren sittliche und Rechtsanschauungen al-
lerdingS nicht mit denen der Partei, welche sich in Preußen und
Oesterreich „conscrvativ" nennt, verwechselt werden dürfen. Benja-
min DiSraeli. wiewohl er als Politiker, wie alS Roman-Schriftstel-
ler, seiner Vorliebe für da- historische StandeSrecht und die über¬
lieferte Romantik deS Mittelalter- stet» treu gebliebem hat doch auch
niemals seine Anhänglichkeit an die Volksrechte und" an die Frei-
heit Altenglands verleugnet. Ebensowenig hat er jemals die Schwä¬
che gehabt, sich seiner jüdischen Abkunst zu schämen; vielmehr be¬
zeigen sowohl sein .EoningSby" und andere seiner schriftstelleri-
schen Arbeiten, alS feine Abstimmungen im Parlament, sowie seine
Wirksamkeit im Derby-Ministcriuni, dem er angehörte, daß er die seit
zwei Jahrtausenden über daS Volk, auS welchem daS Ehristenthum
hervorgegangen, gehäufte Schmach und Schande tief empfunden, und
zu dem humanen Bestreben der Zeit, dieses Unrecht gut zu machen,
redlich daS ©einige gcthan hat.
Der Großvater deS Großkanzlers, der auS Italien in Eng-
land eingewandcrte Sephardi, obwohl der Gründer deS RufeS der
DiSraeli in diesem Lande, mag doch bei seinem Ableben vor einem
halben Jahrhundert noch keine Ahnung von dieser Richtung und
Stellung seines Enkels gehabt haben. Ihn hatte eS geschmerzt, daß
sein Sohn nicht in die HandelSfußtapfen seiner Borfahren hat ein-
treten und dadurch die Familie zu noch größerem Reichthum hat
bringen wollen. Sohn und Enkel des alten Benjamin wußten sich
auf andern Wegen größere- Ansehen zu erwerben, al- man dukch
bloße Rcichthümer zu erlangen vermag. An die Stelle der Di-ra-
eli S und der am Londoner Geldmartte biS dahin herrschend ge-
wesenen sephardischen Namen traten die NothschildS, die Gold-
fmithS u. s. w., und daS Seeptcr de» GeldfürstenthumS der Lon-
‘ doner Börse ging auS ,den Händen der spanisch portugiesischen in
die der deutschen Israeliten über. „GS war die» nicht unsere Be¬
stimmung," sagt mit ironischer Bescheidenheit der jetzige Premier¬
minister Englands in den LrbenSabriffen, die er von seinem Gro߬
vater und seinem Vater geliefert hat,