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für's Ausland 17
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Inserate wrrdeu
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Die
Gegenwart.
Hrgan für die Interessen des Iudenthums.
RedaNion und Ad»
»iuistratio» Ritter»
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wohin alle Briefe u.
Grldseuduugeu ,n
richten sind.
Dir „Gegenwart" er»
scheint am 1. und
15. eines jeden Mo¬
nates.
Prag 15. März 1869.
II. Iahrg.
Uro. 6.
Inhalt:
Leitartikel: Ein gerechtes Verlangen. — Der Schluß des ersten un¬
garisch isr. Landeskongresse«.— Apologie für,Herrn Pater W.Fastrn»
Prediger in Wien. — Eongresi-Briese —
Correipoudeuz : Pardubitz, Reichenau, EreSlau.
Lokale«. —
Bomvüchertifche.
Feuilleton.— Inserate.
Ein gerechtes Verlangen.
Die große Bewegung, die allenthalben in Europa durch
das Triebrad der Eivtlifalion entstanden und Regierungen
und Böller durch die Aproximativmittel freier Institutionen
und liberaler Verfassungen, in ihrer sonst schroffen Gegen¬
überstellung aufgeklärt haben, wie die einen von den andern
abhängen und in ihren Wechselwirkungen nur gekrästigt,
Lebenofähigkeit besitzen können, hat in jedem einzelnen Men¬
schen da« edlere Streben Freiheit zu geben, sie zu erkennen,
wach gerufen. So wie jedoch die Böller sich in ihrem
Ringen nach Freiheit, in ihrem Streben nach einer ge¬
wissen Selbstständigkeit in ihrem WMMfk nicht auf¬
hallen ließen, so trat überall, ja im kleinsten Eomplex
und selbst in den Gemeinden eine ungewöhnliche Rührigkeit
ein, um nicht im Stillstände zu Grunde zu gehen.
Wer die .Zustände in unserer Israeliten Gemeinde
kennt, wie sie fett einer Reihe von Jahren in ihrer Zerris-
senhett und Zerfahrenheit nur zur ttaurigen Vegetation ei¬
nes jüdischen Gcmcindelcbens beitrugen, der wird sich gewiß
nicht der Rothwendigkeit verschließen, au« dem Winterjchlafe
des Indifferentisuius sich aufzuraffen, um noch bei Zeiten
daS wankende und baufällige Gebäude zu stutzen. Es liegt
Ehe^e^Nich^^unscre^ldsichtde^Gmielnde^hrer^Jndolenz
Feuilleton.
Im Schlosse Rothschild'- „kerrlvrv "
Rehmen wir die Straßburger Bahn, — steigen wir auS,
wenn die Eonducteure den Zug entlang „LagnyI Lagny I rufen,
und nach einer kurze» halben Stunde Weges sind wir zu Ferriere,
dem Schlaffe Rothschitd s. der starb, mit Rossini und Bcrryer l I
Das jetzige Schloß Ferriere auf dem Platze de» ehemaligen
Schlaffes des Polizei-Mi,Öfters Fouche Herzogs von Dtranto. gelc-
gen, »st das Werk de« berühmten englischen Architekten Paxton, de«
Erbauers des Londoner LristaU.Palastc». Das Gebäude selbst ist
vielleicht weniger gelungen, als der eS umgebende prächtige Park.
ES ist etwas schwerfällig mit feinen Thürmchcn, ohne ausgepräg¬
ten Styl mit seinen vier verschiedenartigen Facaden .... Eine
breite sieben Fuß hohe Terrasse, mit Basen und Statuen geschmückt,
umgibt da« Schloß: Löwen mit Gesichtern, die zu sagen scheinen:
„Fürchte Nicht«" schäum den Besucher an und eine wundervolle
wegen Borwürfe oder die jüdische Gemeindevertretung für die
derouten Verhältnisse in der Gemeinde verantwortlich zu ma¬
chen, diese wie jene werden ihr Bewußtsein finden, allein das
dürfte wohl jeder nnö zugestehen, der Wagen kann nicht mehr
fort, er droht völlig stehen zu bleiben, wenn sich nicht die
Kräfte erholen, Run wir müssen eS der Präger Israeliten-
Gemeinde zu ihrer Ehre zuerkennen, daß sie bei Zeiten noch
aus ihrer Lethargie ausgemacht, um thatkräftig zu wirken,
den fast erloschenen Ruhm dieser altchrwürdigcn Gemeinde
zu neuem Leben zu bringen. Der Anfang ist gemacht, und
wenn der Muth nicht sinkt, werden gewiß die edlen Früchte
der Rührigkeit nicht auSbleiben. Der Wendepunkt ist somit
eingetteten und wurde er durch ein von einer großen Anzahl
Eulsteuer zahlender Mitglieder der isr. Gemeinde unterfertigtes,
an die prager israelit. Eultusgemeindc.Repräsentanz gerich¬
tetes Gesuch inaugurirt. Wir lassen den Wortlaut des Ge¬
suches folgen, damit jeder sich fragen kann, ob die Anforde¬
rungen billig und gerecht sind, oder nicht'? Der E. G. Re¬
präsentanz hingegen sei eS anheim gestellt, diese Eingabe zu
erledigen, deren angesuchten Punkte zu bewilligen. Es han¬
delt sich hiebei nicht um die Personen, eS fällt was Anderes
in die Wagschale, — der Wunsch der Gemeinde. E« ist zu er¬
warten, daß die Männer, die in der jüdischen Vertretung
gewöhnlich daS Wort führen, dem liberalen Fortschritte hul¬
digend, die Rothwendigkeit eines neuen freisii»nigen W a h l-
moduS erkennend, warm für die Wünsche einer 15.000
jüd. Seelen zählende Gemeinde eintreten werden, deren Dol¬
metsch 180 geachtete Äemeiiidcmitgliedcr sind, die gleichfalls zur
Erhaltung der Gemeinde beitragen. Eö ist notorisch, daß die
Vertretung in der wiener Israeliten-Gemeinde bei einer Po¬
pulation von 30,000 Seelen ein höchst freisinniges Gemein-
destatut geschaffen, in welchem der Wahlmodus auf liberal¬
ster Basis beruht, demzufolge trotz der unterschiedlichen Cul-
tuösteuer-Bkrhältnisse nur Ein Wahlkörper besteht, nur ein-
der Gastfreundschaft wahrscheinlich, scheint anzudcuten : „Tretet ein I"
Treten wir also ein. Eine Doppelftiege fuhrt nach einem gro-
ßcn Salon: „Teppich-Salon" genaniit wegen der herrlichen Teppi¬
che, den Sieg Davids über Goliath in natürlicher Große — den
David wenigsten« — darstellend, welche die Wände bedecken. Diese
Teppiche gehörten, versichert man, einst der Republik Venedig und
sollen 500,000 Franc« gekostet haben. Die beiden monuinentalen
EhenüneeS sind von Fraurn-Büsten gekrönt; keine Königinnen, keine
Pcinzrffinnen, auch keine Copien au« irgend einem Museum — et
sind Familien-PortraitS und daruin nicht weniger reizend. — 2n
der Mitte deS SalonS steht ein Thron aus Ebenhol» mit brochir-
ter Seide bedeckt, hoch, hart, »inbequem zu besteigen, wie, sagt man.
Throne im Allgemeinen. Dieser Thron gehörte dem Kaiser von
China und komint, wie da« fainose Perlen-Collier der Kaiserin auS
dem^Eommerpallaste. Der Baron jedoch hat den Thron redlich er¬
worben, waS sich nicht von allen Thronen sagen läßt, er ist ein
Beutestück de- ...
Doch laffen wir China und die chinesische Expedition und
bleiben wir in Ferriere.