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fache Stimmenmajorität entscheidet. Und dem ohngeachtet be¬
steht diese liberale Vertretung aus gewiegten, thatkräftigen
und energischen Männern ! Soll sonach die prager (Gemeinde
hinter der wiener Zurückbleiben, soll sic sich dein Vorwurfe
anssehen, daß die Brüniirr Jsrarliten-Gemeinde als eine der
jüngsten bei einer Bevölkerung von nur 6000 jüd. Seelen
liberaler und dennoch zweckmäßiger verwaltet wird als die Prä¬
ger. Diese Schmach wird hoffentlich die Präger Cult. Gem.-
Repräsentanz nicht auf sich sitzen lassen und wer von ihren
Mitgliedern das Bewußtsein hat. für die Gemeinde und für
deren Wohl geleistet zu haben, der darf nicht zurückschreckcn,
in den Willen der Gemeinde cinzugchen, wer ihn fürchtet,
der ist nicht fähig, die Interessen der Gemeinde zu vertreten,
er hat sich dann au und für sich unmöglich gemacht.
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«Mliche israelitische Hultus-Kemeinde-Aepräsentanz
in ^ktig!
Die kultuclle» Bedürfnisse der ist. Lultusgcmeinde in Prag
finden ihre Deckung in der Cultnssteuer. welche sowohl die ringe-
bornen alS auch die zuständigen und nicht zuständigen jedoch hier
doinieilircndcn Israeliten, die entweder ein Gewerbe treiben, oder
überhaupt einen NahrungSzweig oder BermögcnSstand aufwciscn,
zu leisten, und an die ist. L. G. AintSkanzlei abzuführcn haben.
ES liegt in der Natur der^Sachc, daß alle jene, welche Cul-
tussteucr zahlen, an dem kultuellen Genüsse participiren sostten. 3u
diesem gehört unstreitig in erster Linie die Wahl der Mitglieder in
die ist: EultuS-Gemeindc-Repräseutanz, die nicht nur Vertrauens-
männer eingeborncr und zuständiger Gemcindemitglieder sein sollen,
sondern auch solcher, wenn auch nicht zuständiger, jedoch hier do-
micilirendcr Cultusstcncr zahlenden Israeliten, welche, da sic die La¬
sten mit trafen Helsen, auch das Recht zu wählen und gewählt zu
werden genießen sollten. Bisher ist dieß nicht der Fall, und ist den
zn Prag zwar nicht zuständigen, jedoch daselbst domiciljrcndeniCul-
tussteuer zahlenden Israeliten das aktive und pasiivc Wahlrecht nicht
ringcräuiiit, trotzdem die hohe k. k. Regierung im Vereine mit der
Reichsvcrtretung der k. 7. österreichischen Länder die Verfügung ge¬
troffen, bei Wahlen in den Landtag und in die Ttadtrcpräscntanz
-rofttft tli Ttncin 7>cr Thürnichc», die Hätts-Shnagoge. Die Wände
dieses Oratoriums sind mit Cchnitzwerkcn in Eichenholz ausgetä-
selt. der ncnuarmige Leuchter ist auS schwerem Silber, die Gesetz,
bücher sind in Sanimt »nid Gold gekleidet, aber das Schönste ist
die Inschrift auf der BnudeSladc: „Liebe Gott über Alles und
Deinen Nächste», wir Dich selbst."
Das Echlafzinnncr deS Baron JameS ist einfach mit grüner
Seide taprzirt. eine Chaiselongue und Lehnstühle, an den Wänden
etliche Gemälde, darunter ein prächtiger Leonardo da Vinci. Das
Bett, i» welchem der Baron schlief oder . /nicht schlief,, steht dein
Fenster gegenüber; neben dem Bette eine kleine Pendule, die Man¬
che» zu erzählen hätte, wenn Pcudulen erzählen könnten. Reben
dem Cchlafziininer rin Cabinrt mit dem Portrait der Mutter aller
Rothschild'», die fast hundertjährig ln der Iudengaffc zu Frankfurt
starb. „Ich loerdc l oo Jahre leben," pflegte die greise Frau oft-
mal» zu sagen — „die Mutter Rothschild» geht nicht unter pari
weg!" Dann die Portrait» des Baron Anselm, seines Sohne» Sa-
lomo» <vor 4 Jahren gestorben», seiner Tochter. der Baronin Ra-
thauicl und zwei Kinder-Portrait», heute dir beiden Chef» de»
Hause» Alpbonsc und Gustave. Was thut unter diesen Faun-
licn Bildern da» Portrait de» Kaisers?
In der Mitte de» viereckige» Schlöffe» liegt the hall. Die-
ser iminknsc Salon. 15» MclrcS hoch, wird von oben durch ein
Dach au» nupolirteiu Glas erleuchtet; ringsum, auf der Höhe de»
zweiie» Stock« zieht sich eine Galerie, — die Tapisserie» sind aus
der besten Zeit der „Gobelins" — die Cheminecs, deren Gesimse
von afrikanischen Herkulessen getragen werden, sind Monumente, wir
man sie nur noch im alten Louvre sieht. I>n Hintergrund ist die
Bibliothek, etliche 1000 Bünde, darunter viele seltene Exemplare von
Elzevir» und Aldus-Manucius — dann Fayance von Bernard Pa-
liffy, Portraits (das de» Hausherren) von tzlanhrin, Landschaften
den wahlberechtigten Steuerzahlern ohne Rücksicht auf die Zustän-
digkeit derselben zu dem Orte, wo die Wahlen stattfinden, das^ Wahl,
recht im weitesten Sinne zu verleihen.
Der bisherige in das prager isr. Cultus-Gemelnde-Statut auf
genommene WahlmoduS bestimmt drei Wahlgruppen. auS denen die
Gewählten hervorgehen, welche vier Jahre in der Repräscntanzver.
bleiben. Die alle zwei Jahre sich widerholende Neuwahl der neun
auSgeschicdenen Mitglieder der isr. C. G. R. erfolgt im Monate
Mai, so zwar, daß der 3. Wahlkörpcr alS der die meisten Wäh.
ler zählende am ersten Tage, der 2. am dritten Tage und der I.
Wahlkörper als der mit der geringsten Wählerzahl am fünften Tage im
SihungSsaale deS jüdischen Rathhausc» die Wahl begehen. Die
Wahl erfolgt mittelst Stimmzettel, die nicht persönlich überreicht
werden »nüffen.
Die Consequenzcn dieses Wahlmodus, die'der löbl. C. G.
R. bekannt sein dürfte», sind: das Durchdringen der in einem frü¬
hem Wahlkörper ausgestellten, nicht durchgedrungenen Candidatcn in
dein nächsten Wahlkörper zu ermöglichen, wa» uni so leichter ge¬
schehen kann, als die Wahlzeiträumc zwischen deil einzelnen Wahl-
gruppen eine Vorbereitung zur Wahlagitation und Ausfüllung neuer
Stimmzettel zulaffen. Dieser Vorgang hat nicht selten zu unerlaub-
ten Wahlumtriebcn, und wie es der löbl. C. G. R. noch erinnerlich
sein dürfte, im I. 1865 zu einer Wahlannnlirung geführt, welche
au» Gründen, die anzuführen, uns das Dccoruiil verbietet, und die
in einem, in demselben Jahre von einer großen Aiizahl Keineinde.
Mitglieder unterfertigten und überreichten, im C. G. Archive zwei.
selSohnc aufbcwahrten Gesuche enthalten sind, erfolgen mußte. Ein
weiterer an diesem Wahlinodus geknüpfter und nicht in den Inten-
tionen der prager Jsraeliten-Gemeindc liegender Umstand ist der,
daß nicht die einfache Stimmemnajorität entscheidet, sondern auch
diejenigen, welche diese nicht besitzen, bei freiwilligem oder ander¬
weitig veranlaßtcn Austritte eine» oder mehrerer Rcpr.-Mitgliedcr.
als Ersatzmänner vorrückcn, wodurch es sich schon und zwar in der
gegenwärtigen Repräsentanz ereignete, daß der Ersatzmann eines
mit einigen hundert Stimmen gewählten in der Zeit seiner Wirk-
samkeit durch den Tod von seinem Amte abberufcnen Mitgliedes
der isr. E. G. Repr. mit 4 sage vier Stimmen, die derselbe bei
der in der Jsraeliten-Gemeindc stattgehabten Wahl erhielt, zu Sitz
und Stimme in der isr. C. G. R. gelangte, was offenbar nicht
Dhk u. [T w. DaS Mobilar ist schwarz mit Elfenbein eingelegt, —
auf einem Tische Albums, auf einem andern ein monumeizsales silber-
ncs Dintenfaß und ein enormes goldenes, mit Edelsteinen geschmück¬
te» Siegel mit dem Wappen des Rothschild'schcn Hause» : eine
Hand 5 Pfeile haltend (die 5 Bankhäuser Paris, Frankfurt, Lon-
don, Wien, Neapel) mit der Inschrift: „Concordia, integritas,
industria" ....
Ocffnen wir das Album — diese Jndiscrction ist verzeihlich.
Napoleon III. — König Leopold — die Großfürstin von Ruß-
land. ... Weiter die Prinzcffin Mathilde, die Herzogin von Mouchy
(Anna Murat), Rouher,
Dagegen glänzt Berry» im Album und Roffini schrieb in'S
Album: „Der älteste Freund deS HauscS ist da gewesen, init seinem
Frcundcshcrzen und mit seiner Jägcrsiinte." Und Cham der witzige
Ieichncr des Charivari schrieb: „Xoin d'im (hier ist ein Hund
gezeichnet) qus e'v8t beau.“ —
Und nun: wenn Eie können, stellen Sic sich diese Halle
vor, von 5>00 Kerzen und 200 Gasflammen erleuchtet und sagen
Sic mit Mazarin : Mein Gott I und da» Alles muß man verlassen l
Sic begreifen, daß in diesem Schloße, welches die Wunder
von Aladin'S Lampe erneuert, noch gar Manche» zu sehen ist, vom
Salon zar Küche, vom RiesengcwächshauS zum Meierhof. . . .
AlS der Baron eines Tage» etlichen Mitgliedern des diplo¬
matischen CorpS die „honneurs“ einer seiner Muster - Meiereien
machte, frug er: „Mit waS kann ich aufwartcn, mit einem Glas
Milch, einem Glas Chainpagncr?" Oh! — meinte ein jugendlicher
GesandschastSattache — oh! ein GlaS Milch genügt auch.
— Geniren Eit sich nicht, erwiedcrte Rothschild, — geni-
ren Sie sich nicht, wenn Sie Champagner wollen.... die Milch
kommt mir theurerl B. B. C.