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Halbjähriges «loa*
aencat für Prag und
die Proviaj iallasive
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Inserate werden bil¬
ligst berechnet. ^
Die
Hrgan für die Interessen des Iudenlhums.
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gaffe Nr». 408 — l
vobia alle vrirfe n.
Geldsendnugen zu
richten sind.
Die „Gegenwart" er*
scheint am l. and
15. eines jeden Mo«
«atrs.
Prag 1. April 1869.
II. Jahrg.
Nro. 7.
Inhalt:
Leitartikel: Erledigung, — Das Kreisrabbinat und ds» Schlächter'
amt. — Eine Ehrenadreffe an einen Caffeler Synodenarrangeur --
Eine amerikanische Traurede. — Journalistik.
Lorales. — Auswärtiges — Nekrologie.
Feuilleton. - Inserate.
Erledigung
auf das von 180 Gemeinde-Mitgliedern an die prager
Cult.-Gem.-Repr. eingebrachte Gesuch.*)
Indem wir auf die beiden Sitzungsberichte in der hen-
tigen Nummer dieser Blätter verweisen, enthalten wir unö
jeder Diskussion über dieselben, und dem geehrten Leser die
freie Beurthcilung überlastend, beschränken wir nnS heute
auf die Anführung des Wortlautes der auf das von 180 geach¬
teten Gem.-Mitglied. eingereichte Gesuch erfolgten Erledigung.
N. E. 179.
J„ Erledigung der von Euer Wohlgeboren und einer nam.
haften Anzahl P. T. Herrn Contribucnten der Cultusgcmeinde an
die Repräsentanz unterm 14. März l. I. gerichteten Petition um
Abänderung des in daS prager Eultusgemeinde-Statut aufgenom-
menen WahlmoduS beehre ich mich mit Nachfolgendem die Beschlüsse
*) welches wir in der vorigen Nr. unserer Blätter wortgetreu
brachten. (Die Red.)
bekannt zu geben, welche die Repräsentanz nach sorgfältiger und wie
eS die Wichtigkeit der Angelegenheit mit sich bringt, eingehender
Prüfung der in der Petition ausgesprochene» Wünsche i» ihrer am
21. Mürz l. I. abgehaltenen öffentlichen aiGcrordentliehen Sitzung
gefaßt hat.
ad I DaS Verlangen: eS möge auch den nicht nach Prag zustän-
digen EultuSstcuerzahlern ebenso wie den einheimischen Eontribucnten
das active und paffive Wahlrecht zukommcn, wurde im Principe
als ein gerechtes und billiges anerkannt und zugleich eine auS drei
Mitgliedern bestehende Commiffion eingesetzt, welche in einer binnen
acht Tagen abzuhaltcndenRcpräsentanzsitzung darüber zu berichten hätte,
unter welchen Bedingungen den nicht einheimischen Steuerzahlern
daS Wahlrecht zustchen solle.
ad II Dem Wunsche nach Verschmelzung der gegenwärtigen drei
Wählergruppen zu einer einzigen, eventuell dem Wunsche, daß die
3 Wählcrgruppen an einem und drinselben Tage zu gleicher Zeit
und in verschiedenen Localen die Wahl vorzunrhmen haben, konnte
nicht entsprochen werden, weil in dtk ersten Richtung das
Princip der Interessenvertretung wie bei anderen
*) In der öffentlichen Sitzung vom 2t. Mär; 1869 wurde nur
dal active Wahlrecht koncrdirt, da« paffive wnrde, wie un« mitgetheilt
wird, gewiffer unvorhergesehener Eventualitäten wegen, nachträglich ohne
jede Sitzung ringeränmi., Wie man jchoch wissen will, soll di« konces»
sion an Bedingungen, die von der Steuerklasse und der Länge des
Aufenthalte« der Fremden abhängig gemacht sind gekullpst sei». (D. Red.)
Feuilleton.
Die Hamburger Iudenbörse.
von Otto Spiklberg.
Wien hat seinen Tandclmarkt, Leipzig seine Meffe, Hamburg
seine Judcnbörse. Ein eigcnthümlicher Raine! Keine Verspot¬
tung christlicherscits liegt darin; die Kinder Israels haben wirklich
einen Ort für sich servirt, an dem sic Handel treiben, an dem die
Armen ihre Einkäufe machen. ES liegt mitten iin jüdischen Vier-
tcl und bildet zwei bic> drei Straßen der häßlichsten Gattung. Letz-
tcre haben kein Trottoir, wenig Gaffenrcinigung. ihre Häuser sind
alte Lchmbuden mit spitzen Giebeln, aus dem vorigen Jahrhundert
hcrstannncnd; der Fortschritt der neuen Zeit hat sic wenig berührt,
und welchen Nutzen hätte dies auch für die handelnden Abraha-
mite», die diese Häuser für sich in Beschlag genommen? Sic ge-
ben auf das Aeußerlichc nichts; ihr Dichten und Denken ist nur
darauf gerichtet, diese äußern vier Wände inwendig recht voll zu
pfropfen mit HandclSwaaren und in der That, der Leser kann sich
kaum einen bunteren Wirrwar von allerlei Gegenständen vorstrllen
alS er hier zu finden ist. Tagtäglich ist Markt, von Sonntag Mor-
gen an bis Freitag Abend ist hier eine Weltausstellung eigener Art
zu besichtigen, ohne Entree, ohne Katalogsorientirung, ohne störende
Fürstcnbcsuche. Wir können uns ungehindert die tausenderlei Sa¬
chen betrachten, welche ihre Verkäufer aufs bloße Ctcinpstaster zur
Ansicht auSgebreitet; spalierförmig ziehen • sich die Verkaufsstellen
längs den Straßen hin, rechts und links erheben sich mehrere Fuß
hohe Thürmc von alten Spitzen und Bändern, dazwischen stehen
die Schiebkarren mit Uhrkctte», „goldenen" Ringen, kleinen Nippe«,
und anderen billigen Luzusgegcnständen. Dichtan kommen hölzerne
Gestelle in Galgenforin, darauf baumeln alte Rocke, Hosen, Westen
u. s. w. so friedlich, vom Winde leicht bewegt, in daS kaustustige
Menschengewühl hinein, hundert Hände befühlen sic, hundert Au-
gen betrachten sie, und daneben stehen ihre Beschützer, die sic ge-
bürstet, die sie gereinigt, ehe sie ihr AcußercS öffentlich zur Schau
tragen dürften. Es ist eine feierliche Handlung, mit der der Han¬
delsmann seine Wichsborstcn über den schäbige» abgetragenen Rock
streift. Er hat ihn an der Hausthür hängen, und früh morgen«,
wenn der Tag graut, sehen wir ihn schon tüchtig die irdische Klei-
dcrhüllc bearbeiten, dabei stellt er Forschungen an, naturhistorische
und goldsucherjschc, er befühlt die Nähte, untersucht die Taschen
in ihrem tiefsten Grunde, und wenn er nicht« gefunden, streicht er
wieder von neuem darüber hin. ES leuchtet sein Gesicht, und in
den verwegensten Schwenkungen ergeht sich der bürstende Arm. wenn
der Gegenstand des stillen Vergnügen« von der Gattung ist, bei
der der Mann de« Trödels ein gut Geschäft zu machen glaubt.
Der arme Bündcljude ist der selbstvergnügteste Mensch, den Ich je-
mal« auf GottcS Erdboden gesehen; er macht sich eine kleine Welt
in seiner bescheidenen Handelssphärc zurecht, ist hieriir der Herr- ,
scher, Erzvater und Gesctzgrbcr; sein Ergeiz beschränkt sich auf ei- jx
nen fröhlichen EchabbrS, auf eine gute Schaledsuppe, und hat.ocifcu
diese sammt dem Barche« im Magen, dantt er seinem Gott, Tonnen
er es ihm wohl schmecken lieh. Er ist neben dem Muselmar
der einzige Gläubige, der mit Inbrunst zu seinem '
betet. Ein Synagogenbesuch hat für mich immer etwas E