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Die
Gegenwart.
Hrgan für die Interessen des Iudenthums.
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miiiifttation Ritter-
gafle Nro. 40.^ — 1
wodi» alle Briefe ». *
Geldsendungen zn
richten sind. /
Dir „Gegenwart" er¬
scheint am I. und
1.'». eines jeden Mo¬
nates.
Aro. S. Prag 1. Mai 186S. H. Lchrg.
Inhalte
Leitartikel: D!« Mnnkacser Affaire. — Ein Wort zur Befchneiduug
— Das Judenthum in der Muflk. — Beantwortung der sogenann¬
ten Interpellation de» -errn Sch.
Locales.
Auswärtiges.
Bom Büchertische. — Nachtrag.
Inserat
Die MunKacs'er Affaire.
Mit gerechter Entrüstung mussten wir vernehmen, daß
vor Kurzem in Munkacs ein Ereigniß stattfand, welches
geeignet ist, das Judenthum zn verunglimpfen und auf die
Individualität eines Rabbiners ein wenn gerade nicht in¬
teressantes, doch nicht ehrenhaftes Schlaglicht zu werfen. Der
Rabbiner dieses Ortes hat für sich daS Recht in Anspruch
genommen, gegen zwei dortige Aerzte NamenS vr. MoSko-
wicö und vr. Silberberg, weil dieselben am Samstag öf¬
fentlich geraucht haben, einen aus der Rumpelkammer des
Mittelalters hcrvorgcholteu Bannfluch zu schleudern, dessen
Folgen wirklich bei den in Munkacz seflhaftcn Israeliten
nicht ausblieben, und zn dem Finale führten, daß die ex-
communicirten Aerzte einige Tage darauf mitten in der
Stadt angegriffen, mit Schimpfredeu aller Art überhäuft
und mit Steinen beworfen wurden. Diese Insulte hätten
leicht zu einer tragischen Katasttophe geführt, wenn nicht
die städtische Sicherheitswache eingeschritten wäre, unter de¬
ren Schutz sich die Jnsultirten begeben hätten. — So sehr
wir stets bestrebt sind, das konservative Judenthum zu schü¬
tzen und nicht mit irgend welcher Reformpartci zu liebäu¬
geln, die cs absolut nur mit sich selbst, mit dem Judcn-
thume am allerwenigsten gut meint, so müssen wir, der
Humanität und dem Rechtögefühle Rechnung tragend, ent¬
schieden gegen jene Machthaberci auftrcten, die dem Fana¬
tismus entsprungen, mittelalterliche Maßregeln heraufbe¬
schwört, die der Jude heute so oft der Zeit und den ab¬
göttischen Verehrern jener inquisitorischen Zeitepoche zum
Borwurfe macht, Niemand 4st, und glaube er sich auch dazu
auSerkohren, berechtigt, mit der Knute des Fanatismus, einem
Menschen moralische Pflichten zu vindiciren, wenn dessen
freier Wille, dessen Dcnku/zskraft nicht mit der Anerkennung
jener harmonisch sich verbinden. Traurig ftir den, der sich,
entgegen geheiligten Principien, für tolerant, für der Zeit
und den Verhältnissen gerecht hält, wenn er mit gewisser
Ostentation den Gebote««, der Religion und den Vorschriften
durch inkorrekte Handlungsweise Hohn spricht, aber insolange
der Hohn sich in seinem engsten Kreise bewegt und das
gefammte Judenthum, die gesammte Judenheit, und die
Ideen der Humanität von demselben nicht alterirt werden,
insolange hat dieser Hohnsprechende mit sich, mit seinem Ge¬
wissen und mit iiiemanden Anderem abzurechncn. In der
Thal hat ein Rabbiner das Recht, die Moral zu «vccken
und zu fördern, für Aufrechlhaltung der Religion, und für
Kräftigung desJndcnthuinS zu sorgen, insofcrne cS sich um
den allgemeinen Eharakter handelt; er hat auf das Gemüth,
auf das Herz, durch eine der Vernunft und Religion ent¬
sprechende Sprache cinzuwirken, insofern die Individualität
ins Auge gezogen wird; zu barbarischen Mitteln zu greifen,
um durch dieselben eine wilde, ungezügelte Rotte gegen d ie
Huinanität und jedes menschliche Gefühl zu'Hetzen, und den
Menschen, der wenn auch noch so gesündigt, zur Besserung
und z««r Selbstveredlung fähig ist, zu steinigen, oder ihn
vogelfrei zu erklären, liegt nicht in den Intentionen eines
Rabbiners, der vor Allem der Religion Rechnung tragen
muß und dazu berufen ist, das Wort Gottes zn verkünden.
Allein aus einem Munde, dem geheiligte Worte entströinen
sollen, einen Fluch zu hören, widerstrebt nicht nur der Re¬
ligion Israels, es widerspricht dein Sittlichkeitsgcfühle. Wer
aber den Gesetzen der heiligen Religion und den der Sitt¬
lichkeit zu wider handelt, ist nicht der Ehre würdig und hat
auch keinen Anspruch „ehrwürdig" zu heißen. Waü würde
der bannschleudernde Rabbi in Mlmkacz dazu sagen, wenn
wir ihm die Mittheilung machen, daß Männer jüdischer
Vertretungen, welche bekanntlich kultuelle und rituelle In¬
teressen der Gemeinde zu vertreten haben, nicht nur sans
göne auf offener Strasse am Sabbath sich rauchend unter
die jüdischen Spaziergänger drängen, sondern noch «veiter
gehen, und au öffentlichen Plätzen, den rit««cttcn Speise-
Vorschriften Hohn sprechend, sich an nicht kultuellen, ritu¬
ellen Speisen delektircn? Nach der Mnnkacz'er Affaire
zu schließen, würde der Rabbi, da einzelne Steine nicht hin-
reichten, vielleicht einen ganzen FelSblock mit Gigantcnstärke
auf sie schleudern lassen! Zu solchen Sisiphusarbeitcn kann
und darf sich kein Mensch hcrgeben, in dessen Her; die Näch¬
stenliebe «vohnt, in dessen Brust der Geist der .Humanität
waltet; die jüdische Religion bildet keinen Polizcistaat und
die Ausübung derselben steht nicht unter dein Korporalstocke
eines einzeln. Wenn cs jedoch gegen die Vernunft und ge¬
gen alle gesunde Logik gesündigt heißt, daß Männer, welche
kultuelle und rituelle Interessen vertreten, öffentlich jene
Vorschriften überschreiten, die in das Ressort des Rituellen
gehören, so können wir dennoch jene jüdischen Repräsen¬
tanten, die auf der einen Seite durch Entiveihung des Sab-
baths und hoher Festtage tolerant, aufgeklärt und intelligent
erscheinen wollen, auf der andern Seite vergilbte Edikte au-
jener Zcitepoche, in welche Judenvertrcibungen fallen, her¬
vorholen, uin gegenüber liberalen Institutionen von Seite
der Regierung, Heirathssteuern zu fixiren, eben so wenig
mit den« Banne belege»«, oder gar in die Acht erklären, alS
eS nach göttlichen und weltlichen Gesetzen dem Rabbiner in
Munkacz nicht zusteht, im 19. Jahrhunderte, zwei gebil¬
dete Männer in die Zwangsjacke de- Rabbiner- in Mun¬
kacz zu stecken. 8.