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Die
Gegenwart.
Hrgan für die nieressen des udenthums.
Nedaktion und Ad
miiuffratiou Nitter»
gaffe?kro. -Iftx — l
wobin alle Briefe n.
tiieldfrndnngrn zn
richten sind.
Die ״Gegenwart" er»
scheint am l. und
15. eines jeden Mo-
nates.
Nr». 10. ,Prag 15. Mai 1889. H. Iahrg.
Anhalt:
Lritartilkl: Rrpläjentan; und Intelligenz. — Ein jüdischer LandeSschut»
rath. — Znr BeschnciduiigSfrage. — Die Inden in Spanien.
Korrespondenz. Mittvaukce.
LoealeS.
Auswärtiges. Buntes.
Pom Büchertische. —
Feuilleton. Inserate. Nachtrag: Zur Etymologie des Wortes " מטצי־
״' . v
Nrpriisenlaiy und Intelligenz.
Wenn wir den Berathungen der Prager isr. CnltuSge-
meinde-Repräsentanz nie ein wichtiges Moment beigclegt
haben, so war es eben ihre, nicht unsere Schuld und so
wie unser Auge bei Beobachtung der schalen und indolenten
Behandlung, die jene Bertrctung der Gemeinde angcdechen
ließ, nie getäuscht wurde, so klären uns erst die letzten Be-
rathungen dieses jüdischen AreopagS über das Verhältnis
desselben zu seiner Gemeinde auf. Wir müssen bedauern,
daß die Repräsentanz die von einem integrirenden Thcile
der Gemeinde gewünschte Abänderung eines Gegenstandes
u-rit mehrMancrme als Takt und Connoifie behandelte, des-
fen Ernst an und für sich eine jede Ucbcrcilung verdrängen,
eine reifliche Erwägung zn Folge haben mußte. Um zu dem
so fadenscheinigen Resultate zu gelangen, das die aus der
Gemeinde hervorgegangcne Repräsentanz dieser Gemeinde in
markanter Weise und in Blitzesschnclligleit servirt hat, wol-
len wir dem lesenden Publikum die Thatsachen vor das gci-
stige Auge führen, damit jenes die ganze Situation erfasse,
und in dieselbe, so finster sie auch sein möge, Licht ge-
bracht werde.
" ־ K ׳״ "'
Feuilleton.
Raibliithen.
Mit dem Erwachen der Natur aus ihrem todesglcichcn Win-
tcrschlafe, die die Sträucher mit der l'laugcflicdcrtcn Toilette, die
Bäume mit dem weißen Blüthcnschmuck versieht, und die Wiesen
und Gefilde der wohlthuenden Stcrbcdccke entkleidet, um sic mit
dem grünen Teppiche zu schmücken und sie zu lachenden Fluren zu
gestalten, stehe ich da wie neu belebt, hüpfende» Herzens, fröhlichen
Gemüthcs, um die Blüthen zu pflücken, die so munter cmporsprin-
gen in unseren Gemeindegefildcn. Da blenden mich die ״ Ehren-
preise," in deren Kelch ein Landcsschulrath sitzt, da springt mir inS
Auge daS Tausendgüldenkraut, das sich neben dem bescheidenen Per-
gißineinnicht um die sckrctarische Belladonna schlängelt, da verstricke
ich mich in den Schmarozcrpflanzen, die mit Kreuzblumen aus der
Brust geschmückt, überall da sind, wo eine Danksagung, eine Zu-
schrist, ein Lobdekret zu sangen ist, da sehe ich diese ohnmächtigen
ES ist über ctffc:! Zweifel - erhaben, daß ein Thcil
der Männer der gegenwärtigen Repräsentanz, um nach be-
stem Wissen und Gewissen zu urthcilen, nicht durch das Ver»
trauen, dessen man zu dem Zwecke Gcmeindeinteresscn zu ver»
treten, bedarf, hervorgegangen ist, daß also die These: ״Diese
Männer sind Vertrauensmänner der Gemeinde" nichts als
Chimäre, als eitles leeres Ding ist; ja daß vielmehr diese
Herren zum größten Thcile durch künstliche oft unerlaubte
Wahlagitation, bei dem Gcmeindediener, HandlungSsnbjekte
und wie das ganze WahlzettclfSngcrkontingent heißt, in da-
SitzungSzimer des jüdischen Gemeindehauses hineinbugsirt
wurden. Dem gegenüber mußte daS groteske und bizarre
Motiv in der, auf die Bitte der Gemcindcmitqlicder die
drei Wahlkörpcr an einem Tage, in gleicher Zeit und abge-
sonderten Lokalen wählen zu lassen, ddato 22. März d. I.
erfolgten Erledigung, daß nur durch die Festhaltimg des al»
ten ChangirmoduS die Möglichkeit gewahrt wird,
den von der großen Mehrheit der Gemeinde
gewünschten Persönlichkeiten trotz aller Agi
tation den Ehrensitz^u sichern —eine bloßeJro»
nie, eiu znsammgcschwatzter GaklimathiaS sein. Zu dieser
Ehrensitzschmuggclei diente in bequemer Weise ein Wahlmo»
duS, der in den Annalen der Gcmeindechronik seines Gleichen
nicht finden düefte. Eine Verschleppung der Wahl von neun
! Repräscntanzmitgliedrrn durch beinahe acht Tage, in einer
j Art, wie sie zuj den probatesten ESkamotagestückchen zu zählen
wäre, mußte fast immer einen llufug unvermeidlich machender
sich den rafsinirtcn Gamins hätte zur Seite stellen können.
Der offene, ehrlich denkende Mann, der das unsystematische
Gebühren der jüdischen Vertretung mit dem Gcldc der Ge-
meinde nicht mit anschen, eine Amtskanzlci, die 7(KK) Gul»
den absorbirt, nicht verdauen und die ganze Administration
nicht billigen kann, der die Gemeinde und deren Interessen
höher schätzt als alles komödienhafte und automatcnartige
Zlvittcrbluincu hin und herbaumcln angehaucht von den schinci-
chetudcn Zephyren eines advokatischcn AdoniS, und angcwcht
von der Furcht, sich für das Ehrcnfcld unmöglich zu machen. Und
diese kostbaren Knospen erst, wenn sic aufspringcn und Remuuera.
tioncn ans Lickt der sonnigen Welt bringen, da hupfen sic muthig
hermn diese Schlingpflanze», während sie zu Nachtschatten für jene
Taschen jocrbcn, welche sich öffnen, um das thcuerc Unkraut zu näh-
reu! Poetisch wäre dich alles für mich,, wenn nicht das Geld so
prosaisch wäre!
Die Psianzcnwclt hat doch daS Eine voraus, daß die lieb-
liche Rose nicht eifersüchtig ist aus die tänschcirde Mvnatrose, die
echte Mohnblume aus die falsckc, besürchtend, die täuschende könnte
zur lieblichen, die falsche zur echten werden, daß die, die den Bor-
zug von der Mutter Natur haben, nicht de» Nationalzwisi in den
Bereich der BiüthcN- und Blumcnwclt zerre», und pathetisch sagen :
Sic die unseren Platz besser ausfüllcn. die wie Bcilchc» in Stille
und Bescheidenheit wirken wolle», für jene, welche die goldenen
Früchte zunr Altar des Veincinnützigen tragen, könnten unS unsere
politische Ueberzcugung rauben und ivir wären verloren. Sv sin-
gen nicht die Blumen, so zwitschern die seinen Bögel. welche sich