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Die„Gegtiiwarl"er-
fcheiut am I. und
I.'i. eiuks jede» Mo¬
nates.
Uro. 14. Prag 15. Zuli 1869. " ^ LI. Lahrg.
Inhalt:
Leitartikel: Zwei Rumpfparlamente. — Blicke auf das Iudenthum un¬
serer Zeit. — Zur Charakteristik Richard WagnrrS.
Correfpondeuz Prag, Teplitz, Wien, Leipzig.
Locales.
Auswärtiges.
Lom Büchrrtische. — Feuilleton. Zuseratc.
Zwei Rumpfparlamente.
Es ist bereits das drille Mal während eines Biertcl
Jahrhunderts, daß einige exquisite Patres den Versuch mach¬
ten, dem Judenlhum: eine neue Faoon zu geben und so
wie cs die beiden ersten Male bei dem bloßen Experimcn-
tiren verblieb, so wird gewiß der Erfolg der dritten dieß-
mal in Leipzig abgespielten Reformkomödic kein durchgrei¬
fender sein. Wie die Herren Autoren dieses Rcligionsdra-
mas es auch gemeint haben mögen, ob in wirtlich ehrlicher
Absicht ob im Interesse ihrer hierarchischen Gelüste, mit de¬
nen sie eine neue Ausgabe dcS JudenthumS spekulirten, so
ist eS immerhin nicht zu verkennen, daß die meisten die Sy¬
node Besuchenden*) nicht der reelc Zweck sondern die bloße
Rcugierde nach Leipzig gezogen hat und mit sich das Be¬
wußtsein nach Hanse'getragen, daß ihnen die Sache nichts
geschadet aber auch nichts gcmttzt hat.
Es scheint aber auch, als ob jene Jmpressarios, die
die Religion bald nach Kassel, bald nach Leipzig verschlep¬
pen, eine bedeutende llukenntniß nicht etwa des JudenthumS
und seiner Wissenschaft, sondern vielmehr der Jndenheit ver-
rathen, bei der die Empfänglichkeit eine verschiedene, die
Widerhaarigkeit zuweilen eine bedeutende ist. lind abgesehen
von den ungeheueren resnltatlosen Kümpfen, die die oder jene
Reform in der oder jener Gemeinde Hervorrufen würde, »st
es Axiom geworden, daß eine Reform für die aus den ver¬
schiedensten Atomen bestehende Judenheit, von homogenen
Elementen angcstrebt, nicht Wurzel fassen kann. Würden
die Philippsohn, Geiger, u. s. w. gleich beim Keimen ihrer
Ideen den Weg der Mittelmäßigkeit cingeschlagcn und nicht
gleich mit Keulenschlägen aN die Pfosten dcü JtldcuthumeS
gerüttelt haben, würde»» sie in einen leidlichen Eoinpromiß
mit jenen auf der hohen Stufe der Intelligenz stehenden
*) Tic Zahl der aiiiveseuden Rabbiner erreichte kaum die Ziffer:tE>
die übrigen waren »bei»« Privatgelehrte, theüs dem »anfmannsitandc
Angehörige, Ivelche letztere zumeist de» ÄemcindetagcS wegen nach Leip¬
zig gekommen find.
Fkuilltton.
In Leipzig.
Hören Ce mal und sch n Ce mal, das war eine Hcrknlesar-
beit, die unsere i>atres fideles animarum fidelium vom 2‘J.
2uni bis inclusive !>. Juli vor sich hatten, da gab es ein sich Uc-
bcrbicten im Streichen aus dem Eodce Schulchan Arnch, da ivlir-
den Schlachten geschlagen, gegen die die Bölkcrschlacht von uano
dreizehn ein Mariviiettenspicl gewesen sein soll tind was das Fn-
tercflailteste an der Sache war, daß unser protestantisches Leipzig
hrrhalten mußte. Ja! Leipzig jene Stadt, wo einst das slavischc
Lipsk stand n»d die Parthe i» die Pleiße sich ergo», bewährte ih¬
ren Ruf als Wclthandclstadt auch dicßnial darin, daß viel gehan¬
delt wurde, nur mit dein llntcrschicde, daß die polnischen Juden
zu Hause bliebe», dafür Deutschland ein Eoiitingeiit von großen
und kleincil Männern lieferte. Es. war eine göttliche Komödie, Dan¬
tes ist dagegen ein Kinderspiel! Hatten wir doch hier schon ein
Turner- ein Schützenfest, einen Buchhändlerkongreß; das alles war
nischt gegen rmserc Rabbinersynode; ne das werde ich nie vcrgcs-
frn. Alle Stände waren in derselben vertreten, vom Fürst an-
gesangen, bis hinunter zum Goldschmid und selbst der Kauf-
mannstand bei dein die Wcrlhcimcr nicht fehlte. Hören 2e
mal und sehn Sr mal, ich war überrascht, wie ÄllcS nach den»
Takt ging, ganz wie bei einem Conrert, wo der Geige r die
Hauptrolle spielt und das harmonische Zusannnenspiel, wie man es
nie im hiesigen Gewandhause gehört hat. Weiß Gott I ich bin nischt
»m Stande Ihnen meine Urbrrraschung zu schildrrn, mit der ich
in den großen Salon im Hotel de Pologne eingetretcn bin. Stellen
Sie sich einen großen Tisch mit vier Ecken vor. obenan der h. L a-
z a r u s und rings nin den verhängitißvollen mit höllischen Din-
tenfässcrn und Federn ans dein inephitischcn Wedel, versehenen Tisch
geschämt die Männer, von denen jeder sich dünkte, cm Depntirter
der Borsehung. ein Glied anS dem Ratbe der göttlichen Krone zu
sein. Auf dein Tische srand eine P»rannde ans alten Folianten,
gestützt ans die sieben Pseiler des Fudentlinins, an der äußersten
Spitze der coipus jnris Judiionnn. Mit Eine», Male wurde
Alles wild sprang ans und wollie die -Pnramide über de» Hansen
werfen, sic sahen aber, daß cs nischt ging, kränkten sich nnd gingen
nin sich ;n zerstreuen ,» unser Siadtlbeatcr, u'.n in der Lande
Erholung zn sinden. Die ..Ritter von Geist" saßen da verthcilt in»
Parterre, in den Logen, jeder derselbeit mit zweiäugigen Kanoucu
bewaffnet, um durch ihre gehaltene Rundschau. die Welt z» über-
zeugen, wie angcnehiii es ist, daß sie nicht in, Cülibate sind. Da
sahen sic bezaubernde Schönheiten in den clegantestci» Toiletten und
sie dachten, es kommt nischt über die Natur und die schönste Re¬
ligion sei die Raturrcligio». Dann ging der Borhang der iveltbc-
dcntcndcu Bühne in die Höhe, das Herz der fahrenden Scholastcu
lachte als sie Ilriel Akostas »ad Rabbi Akiha s ansichtig ivurdcn,
der da sagte: Alles ist schon da gewesen ' Und cs ivurde applau
dirt voi» den großen Männcrir und Gutzkows Apotheose erschien
einem Feden im Geiste mid LanbeS Einfall anstatt der ..bösen
Zungen" die so oft Lchliinmes sprechen, Uriel Akosta zu Ehren der
großen Geister anfgcfnhrt zu haben, wurde beklatscht. Dann vcr.
liehen sic de» Tempel der Muse», und hielten gastrische Ercrzitien.
Und sie tagten dann wieder so lange bis cs Abend wurde uud
sie festbankcttirtcn, hören Ce mal und sehen Ce mal, nach den
Roten, die Ihr Sulzer niedergeschrieben hat und die Toaste waren