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ligst berechnet.
Die
Gegenwart.
Hrgan für die Interessen des Iudenthums.
Redaktion und Ad¬
ministration Ritter«
gaffe Rro. 408 — 1.
wodin alle Briefe u.
Grldfenduagkn zn
richten sind.
Die „Gegenwart" er»
scheint am l. und
l5. eines jeden Mo¬
nates.
tlro. 15.
Pr-, 1. Äugust 18KS.
II. Jahr,.
Inhalt:
Leitartikel: Das Lbrrrabbinat. — Das neue Volksschulgesetz und dir
isr. Volksschule. — Ebräische Nöthen. — Der moderne Sokrate». —
Blicke auf das Judenthum unserer Zeit.
Corresvondenz Hostiwitz, Maricnbad, New-Hork.
Locales.
Auswärtiges.
Feuilleton. Inserate.
Das Oberrabbinat.
Es wird gerade jetzt ein Jahr, als wir die Frage des
OberrabbinatS ventilirten und in einem Artikel beleuchteten,
aus dem wir nothwcndigcrwcise, heute zu einem kritischen
Resultate zu gelangen, zuvor eine wichtige Stelle herauS-
zichen, um uns die Eonsequcnz unserer Anschauung nicht
streitig machen zu lassen und den Leser zu überzeugen, daß
wir damals, ohne noch die Person gekannt zu haben, die
daS Amt eines Obcrrabbiners in Prag bekleiden soll, mit
derselben Unbefangenheit, diese für eine Jsraeliten-Gcmeindc
hochwichtige Angelegenheit bcurtheiltcn, wie wir dieß heute
zu thun in der Lage sind. Wir machten zu jener Zeit die
jüdische Vertretung aufmerksam, wie bei der Wähl eines
Obcrrabbiners vorzugchcn sei, und sagten vor einem Jahre
-in- diesen^Blättern Folgendes:
Feuilleton.
Zurück zu Dir, Herr Zebaoth!
(Schluß)
Während sic so schmerzensreich da lag und auf die dunkleren
Schatten des Abends harrte, saß der ehrwürdige GrciS Josiah
Manaffc, ihr Großvater, in seinem weichen Lehnstuhl , und sah die
Schatten nahen, die der Nacht dcS Todes vorangchen. Sein Ge¬
sicht zeigte den edelsten Schnitt der characteristischcn Züge seines
Volkes, aber spitz und scharf, wie sic einem Patriarchcnaltcr gewöhn-
sind. Dünnes weißes Haar kam in spärlichen Ringeln unter dem
schwarzen Sammctkäppchcn hervor, das die hohe, schmalc und hun¬
dertfach gefurchte Stirn deckte, aber ein langer, silberfarbener Bart
filoß in zwei dichten Wellen bis auf die Mitte der Brust herab.
Ziehe das Rolcau empor, daß ich noch einmal die scheidende
Sonne sehe, sagte der Sterbende zu der alten Dienerin, die am
Fenster saß.
Sic that nach seinem Geheiß.
Er sah.in den leuchtenden Sonncnball und ein wehmüthigcs
Lächeln irrte um seine Lippen.
Ich werde sic hier unten nimmer Wiedersehen, Hannah, und
sehe jetzt schon wie durch einen Flor, der vor meinen Augen
schwebt.
Schont Euch, Herr Josiah. bat die Alte.
Laß nuch, Hannah, laß mich nur reden, entgegnete er, den
„ES wäre sonach angczcigt, daß die Rcpr. zu den vie¬
len mitunter weniger nothwcndigcn stommissionen eine neue ins
Leben rufe, die im Vereine mit einer Delegation ans der Re¬
präsentanz die rituellen Angelegenheiten, vor Allem jedoch die
Oberrabbinatsfragc zu bcrathen und zu beschließen Hütte, die
Mitglieder derselben seien aus Fachmännncrn zu bilden, —
wir verstehen unter diesen nicht Rabbiner allein, die ohncdieß
zuweilen eine Halhara in billiger und einfacher Weise be¬
kommen, sondern Männer, an denen die pragcr (Gemeinde
keine Roth hat, die einen hinreichenden Fond jüdischer (Ge¬
lehrsamkeit als deutschen Wissens und die nöthigc UrthcilS-
kraft besitzen über einen Mann ein Votum abzngcben, von
dem nicht nur ein allgemeines, sondern auch ein speziell tal-
mudischcs Wissen verlangt wird. Diesen Fachmännern sollen
noch andere ehrbare Elemcindcinitglieder bcigcscllt werden, um
auch über jenen Punkt leichter hinwcgzukoinincn, der mehr ei¬
nen praktischen Werth hat. Da sclbstcrklärlich ein EoncnrS
zur Besetzung einer Obcrrabbinerstellc nicht ausgeschrieben
werden kann, so stehe cs jedem Mitglicdc der Lkommission
frei, einen für die erledigte Stelle geeigneten würdigen Mann
in Vorschlag zu bringen. In diesem Sinne wollen wir der
Eommission nicht vorgrcifcn und seiner Zeit dieselbe vor ih¬
rem Zusammentritte gerne auf jene Momente aufmerksam
machen, die bei der Besetzung eines für die pragcr Jsracli-
tengcmcinde so bedeutungsvollen Postens ins Auge zu fas¬
sen sind, und wir glauben in der Berührung dieses liegen-
ich habe Dir ja mehr zu sagen, was mir in der Erinnerung eine
schmerzliche Freude macht. Sichst D», Alte, als ich hier faß und
schlummerte, da Hab ich einen schönen Traum gehabt; ich träumte
von ihr.
Bon Wem? rief Hannah und horchte hoch aus.
.Bon ihr, fuhr er smt, die ich nie mehr nennen wollte und
deren Namen nun doch in der Todesstunde anf meinen Lippen
schweben muß, von Judith, der unglückseeligen Judith'
Von Judith! seufzte sie. Denkt nicht an sie. Herr Josiah, daß
Euch die letzte Stunde nicht verbittert wird.
Ich habe sic doch sehr geliebt, sagte Herr Josiah milde.
Und ich nicht minder, fügte Hannah hinzu, um so schlechter
ist cs von ihr, daß sie uns solchen stummer verursacht hat.
Ich sah sie im Traume, meine arme Judith, fuhr er sinnend
fort, und sah sic wie sonst zu meinen Fniien sitzen und ihr Haupt
auf das ich segnend meine Hände legte, auf meinen .itnien ruhen.
Es war meine Judith und war sie doch nicht, denn ihrer Schön-
heit fehlte der schönste Schmuck, die langen, schwarzen Flechten,,
um die sic alle Töchter Juda s beneidet hatten. Und ach. sie tcu-
dcn Wittwcnschlcicr ihres Liebreizes und war bleich und traurig,
ja zu Tode traurig. —
Längst ivar die Sonne zur Ruhe gegangen nnd..cher alte Pa
triarch fast und sann und träumte und dachte an seinen Tod und
an seine Judith, nach der ec sich sehnte, daü der TodcSengcl ihm
Minute auf Minute schenkte, um seiner letzten Sehnsucht noch Ec-
fülliing zu gönnen. Und längst hatte Hannah die itanwe auf den
Tisch gestellt, aber er fast und sann und träumte und sehnte sich
nach seiner geliebten Judith.