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atmest fitr Prag und
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Inserate werden bil¬
ligst berechnet.
Die
Gegenwart.
Hrgan für die Interessen des Iudenthums.
Redaktion und Ad¬
ministration Ritter-
gaffe Rro. 4ÜK —1.
wodiu alle Briese n.
iSeldsrndungen zu
richten sind.
Tie „tfirgeuwart" er¬
scheint am l. und
15. eines jeden Mo¬
nates.
Nro. 17. Prag 1. September 1869. II. Lahrg.
Inhalt:
Leitartikel: Deutsche und böhmische Judenfreundlichkeit. — Hambur¬
ger Briefe. — Ein Wort an die BeschneidungS-Cominission der Leip¬
ziger Synode. — Zur Abwehr.
Correspondeuz: Czkin.
Lorales.
Auswärtiges. Buntes.
Feuilleton. Inserate.
In der nächsten Nummer dieses Blattes begin¬
nen wir mit einem Feuilleton unter dem Titel „Bil¬
der aus dem Orient",die von einem israelitischen Touri-
sten,der Europa, Afrika, Asien und Amerika durch nahe
vier Jahre bereist hat, eigens für unser Blatt geschrie¬
ben wurden und dem Leser namentlich über die ethno¬
grafischen, geografischen und religiösen Zustände im
Orient, vorzüglich in Aegypten und Palästina in wahr¬
heitsgetreuer ausführlicher Weise, bei populärer aber
höchst interessanter Darstellung Aufklärung bieten.
' Die Redaktion.
Deutsche und böhmische IubensreunLUchKeit.
Nachdem bei der Existenz zweier Nationalitäten in Böh¬
men, der deutschen und böhmischen nämlich, so oft die Frage
ventilirt wurde, bei welcher von diesen sich die Juden einer
größten Beliebtheit oder vielmehr einer intensiver» Unbe¬
liebtheit erfreuen und diese Frage gewöhnlich mit der An¬
sicht erledigt wurde, daß sich hier, wie dort, die Partisane
trotz ihrer sonst schroffen Stellung zu einander, in jenem
Punkte, wo cS sich um die Loyalität für die Juden handelt,
vollkommen einigen, und sich über da« vielleicht schon ge¬
grabene aber noch nicht verschüttete Grab alter Bdrnrthcile
die Hände reichen, sei eö vor Allem unsere publicistische
Aufgabe, diese in das Triebrad der Zeit und der politischen
Aufklärung stark eingreifende und schneidende Frage einer
Beleuchtung zu unterziehen.
Weit davon entfernt, weder den Anhängern der einen
politischen Partei ein Mittel an die Hand zu geben über
die andere zu -triumphiren, noch die andere Partei, die sich
so gerne alS die Pächterin der Intelligenz gerirt, in ihrem
Glauben zu bestärken, der Jude lasse sich von dieser Phrase
bestechen und von verkappter Judenfreundlichkcit täuschen und
ködern, müssen wir zuvor die Situation der böhmischen Ju¬
den klar wachen, um zu unserer Untersuchung desto leichter
zu gelangen. Dieselben sind, wie es die geographische und
politische Lage nicht anders erheischt, zwischen zwei nationalen
Elementen so eingekeilt, daß sie in ihrem eingepferchten Zustande
für die letzteren ein ewiges Dilemma werden. Ans dieser
politische!? Zwangslage nun ergibt sich von selbst die schwie¬
rige weil unerquickliche Stellung der böhmischen Juden in
ihrem Baterlande und die aus derselben hcrvorgehende Di¬
vergenz in der politischen Anschauung der einzelnen, daher
es kommt, daß die inkorrekte Handlungsweise eines oder des
andern Israeliten, er, mag die Schuld oder—Niel-tschuld^ an-
derselben fragen, so scharf gesehen und bcurthcitt wird, wie
sie sonst im gewöhnlichen socialen Leben weniger Beachtung
hat. So kam es, daß dann die willkührlichen oder unwill-
kührlichcn Uebcrgriffc der Individualität Anfeindungen zur
Folge hatten, die sich zu bedauerlichen Exccssen steigerten und
oft von gegnerischer Seite zu einer politischen Bedeutung
zugespitzt, bei guter Gelegenheit benützt wurden, die intelli¬
gente Masse für die Ausschreitungen des zügellosen Mob
verantwortlich zn machen. Damit wollen wir keineswegs
Feuilleton.
Plaudereien.
in.
So oft ich unter dein Strich schreibe, dürfte der Leser den-
ken, habe ich Jemanden am Strich, den, wenn ihn nicht der ernste
Frost über den Strich schüttelt, doch die Schellenkappe drS Hu-
morS an gewisse Sünden erinnern soll, die er durchs Jahr begeht.
Da» Buch de» Leben» eines Andern liegt nicht so vor mir auf.
geschlagen, wie da» meinigc und daruin steht mir die Controlle
über andere gar nicht, zu wohl aber da» Haupt- und Cassabuch un¬
serer CultuSverwaltung, in denen, so unverantwortliche Posten, die
dem Budget entspringen. Vorkommen, daß eS fast nothwendig wäre,
über da» Jo »mal der Semeindeverivaltung einen verantwortlichen
Redakteur zu setzen, der bekanntlich S t tzsteisch haben muß. Die Sul-
Kurverwaltung macht auch hier eine Ausnahme in der Regel, so
wie sic cs mit der Abrechnung zu thnn pstcgt; sic rechnet nicht
ab zum neuen Jahre jüdischer, nicht zu dem. gewöhnlicher Zeit¬
rechnung und wenn, so geschieht die Abrechnung so „allgemein"
und „außerordentlich" daß man sich fragen muß, was geschieht denn
im Allgemeinen, Ordentliches. Die Gemeinde dagegen hebt ihr thrä-
ncnvolleS Auge zum Hinnncl empor und bittet : V ater u»-
König! Zeichne uns c iu in das Bu ch der R a h r »„ g
und deS guten Auskommens, daß wir einen Sekretär
aushaltc», auf daß er Bormittag in der Kanzle» müßig, »ach Tisch
ins Caffchau» »nd Abend in» Casino gehen könne, um daselbst
im Vereine mit seinem Vorsitzenden, Jellineks Preisfrage über
die Sprifegtsetze praktisch zu studiren, daß ivir einen Deputirteir
nach Leipzig schicken, um die Gesummtheit der deutschen Jude»
zu gemeinsamen Zielpunkte möglichst einigen zu können, daß wir
ein Waisenhaus ankaufen, uin einem Gläubiger zu seinen» Gcldc
zu verhelfen, daß wir einen Schulhof schrn Nöhrbrunnen stellen tön-
nen. um mit ihm leichter au- den laschen der Gemeinde schöpfen
zu können. Darauf betet die Steuerkommission: Vater und
Koni gl wir haben grsündigrt gegen Dich, weil wir
gesündiget gegen die Bäter und Mütter gegen die Witwen und