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gaffe Stro. 408 —t,
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richten sind.
Die „Gegenwart" er¬
scheint am 1. und
15. eine- jede« Mo¬
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ligst berechnet.
Die
Gegenwart.
Hrgan für die Interessen des Judentums.
Nro. 18.
Prag 15. September 1869.
Inhal t: i
Leitartikel: Die Juden vor den Wahlen 'in den böhm. Landtag. —
Die Repräsentanz hat ausgeschrieben. — Ebräische Nöthen in Böh¬
men. — Literarischer Bericht: Die Literatur über K. WagnerS
Pamphlet: ,daS Judeuthum in der Musik.*
LoraleS. Auswärtiges. Buntes. Bom Büchertische.
Feuilleton. Inserate.
Die Israeliten vor den Wahlen in den böhm.
Landtag.
Indem wir heute das Thema der bevorstehenden Land¬
tagswahlen besprechen, laufen wir zwar Gefahr, nicht im
Sinne einiger jener Glaubensgenossen zu handeln, denen es
mehr um das egoistische Prinzip, daS ihre ehrsüchtige Exi¬
stenz bedingt, zu thun als um da« geordnete Wesen,
welches die künftige Stellung der Israeliten zn ihren Lands-
leuten zu präcisiren geeignet ist'; allein es ist eine unbestreit¬
bare weil nicht wcgzuleugnende Thatsache, daß der böhmische
Landtag als die große Interessenvertretung unsere« Vaterlan¬
des auch für die Israeliten desselben von unberechenbarer
✓ Wichtigkeit und die daran geknüpften Wahlen als nothwen-
dige Prämissen erscheinen, welche jene Consequenzen nach sich
ziehen, die die nahe zu chaotisch gewordenen Zustände ordnen
und wieder inS Gleichgewicht bringen könnten.
Den böhmischen Israeliten traf und trifft so oft der
Borwurf den Bestrebungen der Majorität der Bevölkerung
hemmend entgegenzutreten, indem er sich angeblich der Mi-
norität anschlicßt und nach deren Pfeife tanzt. Wir haben
Feuilleton.
Bilder aus dem Oriente.
(drr „Gegenwart" berichtet.)
Am 28. September 1867 fuhr der französische Dampfer
„Junon" in den Hafen von Alexandrien (Egypten) ein. Hier an-
gekommcn, hatte ich erst die Schwierigkeiten meiner Paßangelegen-
hcitcn seitens der Hafcncontrolle und meines ConsulateS bcizulegen,
hernach quartirte ich mich ein in die Machmudich, eine der Haupt-
straßrn Alex., welche einerseits zu der „Piazza," dem schönsten Piayc
in ganz Egypten führt, woselbst alle Consulatc sind, anderseits über
eine Brücke, die sich über einen Nielarm zieht, auf der man zunl
Bahnhose, zu den engl. Maschinenfabriken, zu einem ausgezeichne¬
ten Garten nebst Harem dcS JSmael Pascha, zu mehreren Palm-
Hainen n. dgl. gelangte. — Ich hatte mich von meiner frühem
Herrschaft getrennt, um wo möglich hier eine Beschäftigung zu sin-
den. Sin vornehmer Spanier, mit dem ich mit der engl. Sprache
gut fortkommen konnte, nahm mich mit nach Kairo. Diese Stadt
ist ungewöhnlich groß, zeichnet sich besonders durch die vielen fchö-
nrn Moscheen au- und man zeigt hier noch PotipharS HauS nebst
Hem Kerker Joseph -, welche- aber krine-weg- fichergrstellt werden
ll. Iahrg.
schon einmal in diesen Blättern den Standpunkt der böh¬
mischen Israeliten klar gemacht und haS Gewicht auf das
Dankgefühl derselben gelegt, das sie für die empfangene ihnen
wohl abgetragene längst verfallene Schuld der vollsten Gleich¬
berechtigung beseelt. Mit uns, glauben wir, dürfte ein jeder,
sein.freiheitlicherGefichtökreiö mag ausgedehnt oder enge begrenzt
fein, übereinstimmen, daß man sich gegen die Freiheit selbst
versündigt, wenn t^an sic von sich stößt. Dieß hauptsächlich,
der Grund mit dem viele Israeliten Böhmens ihre Beraf-
fungSfreundlichleit erklären; denn in der Erschütterung des
politischen Systems erblicken sie leicht eine Erschütterung ihrer
uach Jahrhunderte langem Drucke erlangten Freiheit, die in
der That unter allen Umständen nicht gerne aufgegcben wird.
Freiheit ist Leben, wer die Freiheit verliert, verliert auch
das Leben. Und gerade ist es der Jsraelite zumeist, der für
die Freiheit Alles zu opfern bereit ist.
In Oesterreich in den Märztagen war der erste der
auf dxm Wahlplatze der Freiheit fiel, ein Jude, ein mäh¬
rischer Jude, mit dem letzten Seufzer hauchte er die erste
Idee für Freiheit und Aufklärung aus. Und dieß genügt
wol zu beweisen, daß der Jsraelilc die Freiheit sich und an¬
deren zu gönnen weiß.
Wer wahrhaft frei sein will, kann keine Sklaven neben
sich dulden, wer sie duldet, ist trotz der Freiheit der Sklave
seines Egoismus.
Wir haben alle ob Ehrist oder Jude, ob Böhme
oder Deutsche einerlei Leiden, einerlei Thräncn, keiner kann
sagen, daß er sich cincö besonder« WolseinS erfreut; wir
haben einerlei Lasten und Verpflichtungen, denen wir zum
allgemeinen Wohlc und Erhaltung des Staates Nachkommen
«Een und in dieser alle gleich treffenden Belastung sollte
kann. Besondere historische Merkwürdigkeiten fehlen; hingegen ist
Kairo reich an mnhamcdanischc Sehenswürdigkeiten, so z. B. der
Mamelukcnplatz, nebst vielen Moscheen, Grabmälcrn, GrabcShöhlcn,
der Citadclle u. dgl. Nach sechsstündigem Ritte zu Pferde gelang¬
ten wir bei den Pvramidcn an, welche hier in der Sandwüstc einen
schönen Anblick gewähren; da ich jedoch daü Reiten nicht gewöhnt
war, fiel ich unterivcgs und beschädigte mich bedeutend, musite da¬
her eine viertel Stunde vor denselben zurückblcibcn. Ich kehrte den
andern Tag sehr unzufrieden nach Alexandrien zurück, lieber die
Israeliten lAschkenasim) daselbst, über ihre .tuständc näinlich will
ich einen dichten Schleier ziehe», denn eS gebietet der Anstand eine
solche Eharakterzcichnung nicht zu entwerfen; die Scphardtm hin¬
gegen größtcnthcilS Kausieutc auS Italien, Frankreich und dem
Oriente sind sehr respektable Leute, welche allen Abscheu vor der
crsteren Klaffe haben, und denen sich auch die ordentlichen deutschen
Israeliten angeschloffcn haben. Sic bcsipcn gemeinschaftlich eine schöne
neue Synagoge außerhalb der Stadt in der Nähe der Pferdebahn
die nach Ramlch führt. Hier wurde näinlich eine Höhle entdeckt,
in welcher inehrcre uralte hebräische Schriften vorgefunden wurden,
auf diesem Plaße steht nun die Synagoge, welche die „Elta-schul"
genannt wird. Die Erremonien daselbst find sephardisch und ich
habe am Simchath-Thorafeste daselbst unter dm schönen reich an
Gold, Silber und Edelsteinen geschmückten Thorarollrn auch die da-