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Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde
Nummer 6
H
Herrn N. H. Offenburg zum 70. Geburtstage
■ rr N. H. öffenburg, Mitglied des Vorstandes der Ge¬
meinde und Vorsitzender dos Delegierten-Kollegiums des
Synagogen-Verbandes!, vollendet am 2>>. Siwan. d. i. am
151 d. M.. sein 79. Lebensjahr. Wenn ainh der Juliilar in
seiner Bescheidenheit sicher lim den Wunsch hat. daß des-
Tages, an welchen] er das biblische Alter erreicht, jn der
Oeffentlidikeit nirlit gedacht wird. so kann <lie Gemeinde
doch an diesem Ereignis ni<4it stillschweigend vorübergehen.
Sil- empfindet es als; ilire Ehrenpflicht, dem Wirken des
Jubilars, und /war gaiut besonders an dieser Stelle, \<>r aller
Odffentlirhkeit, «Ii»- verdiente Würdigung zuteil werden
/n lassen«!
Pie Anfänge m>ii N. H. Offenburgs öffentlicher Tätig¬
keit liegen betfeits Jahrzehnte zurin-k. Fr war zuerst in der
sräphisch? 11 Waisenpflege tati^r. und zwar mit solcher Hin¬
falle iiinl solchern Erfolg, <laü er im Jalire 1927 als "einer
Je: 1 ersten mit der Stolten-Plakctte vom Haiiihurgischcn
Senat ausgezeichnet wurde. Später als in die Jugendfürsorge
traü er auch in die Arbeit für die Gemeinde und den Syn¬
agogen verband ein. Am 9. März 1919 wurde er in das
Dolegicrtenkollegitim des Synagogen verband es gewählt, in
welches er auf Grund der Wahlen vom Dezember 1923 und
Dezember 1929 zurückkehren konnte und in dem er seit'
■ein 4. Januar 1928 ununterbrochen das Amt des Vorsitzen¬
den bekleidet. Am 8. März 1928 wurde er an Stelle Leo
M * n d> 1 t«a s , dessen audi in diesem Zusammenhang
Kedarht sei. in das Repräsentantenkollegium der Gemeinde
berufen, aus welchem er nach Ablauf der Wahlperiode
ausschied, um am 24. März 1981,' nach einjähriger Unter-
breirhung. in die Arbeit für die Gemeinde als Mitglied ihres
Vorstandes zurückzukehren. Seit dieser Zeit bat Herr Offen- ■
bürg im Dienste der Gemeinde eine umfangreiche Tätigkeit
entfaltet: zu seinen Arbeitsgebieten gehören die Gemeinde- 1
Kommissionen für «las Wohlfabr.tswesen, die Fremden¬
pflege und das Begräbniswesen, die kraiikenhaiisfürsorge,
die Verwaltung Vi ilhelminenhöhe, die Depositenkasse
milder Stiftungen der Gemeinde, das Israelitische \ orsdiufi-
lnstitut. Abteilung Darlehenskasse, die Verwaltung des
Marcus-Nordhcim-Stiftcs sowie endlich diejenige der Volkw
küehe der Gemeinde: in einem grollen Teile der genannten
Kommissionen und Anstalten steht er auch heute noch au
der Spitze der Verwaltung. Üeberall, das darf -man ohne
Uebertreibuiig sagen, igt Herr Offenburg hingebungsvoll
und pflichtbewußt tati^- Öhp« Zeit. Mühe und Arbeit zu
scheuen. Allgemein verehrt und schätzt man in dem Jubi¬
lar den geraden aufrechten Charakter, den Mann des selb¬
ständigen und unbestechlichen Urteils, der von dem als
Recht Erkannten ni<ht abgebt und keine Kompromisse
kennt, den Mann, der selbstlos und anspruchslos nur den
Menschen und ihrem Wohle zu dienen bestrebt ist. I •
Wenn^ihm am Tage, an dem er das 70. Lebensjahr voll¬
endet, Glückwünsche und Dank dargebracht werden, so hat
er sie in reichem Maße verdient, um so mehr, weil er auch
in Zeiten persönlichen Leides seiner Pflicht gegen die All¬
gemeinheit treu geblieben ist. Möge Gottes Segen auf ihm
und seinem Wirken ruhen und sich an ihm hier und im
Heiligen Lande das Wort des Psalmisten erfüllen: 0*33 JUOI
bsiw bv abv yin 1 ?')-
>| Psalm 128. 6.
Jnhun
l-hi
ZumTode von Nahum Sokolow
\m IT. M.ii »t.irli in London in) Al.ter\on " Jahren Nahum
Snkcdow. Kahreqpräsiclent «k-r Zionistischen Organisation und
der.Jewidi igency, l'räsiclent des keren HajcSsod und Leiter
• i< r gesamten zionistischen Kulturarbeit. . , ' •
U riwi <l.is Leiten eine« Großen abgeschlossen i-t und man
•jiell e|n znsanynenfossen«les Bild \ou seiner Persönlichkeit
ai/ichea kann, wird man ihn gewöhiiTith in einer jruiiz be¬
st r 1,u 111 -ti Vorstellung in Frinneruug Inhalten. Beim Namen
Iii r/1 taucht jenes Bild au der Blicinhrücke in Basel auf,
■ 1 lik sieht ni• 111 mit der hochgcscholicrieh Brifle'nm Schrc-ib-
li^ilu eleu I 11 Ii I i 11 e r I! <i w .mi Lerupu.lt inmitten seiner
Schip*»».. Wu- wird dasS Bild von Nahum Sokolow aussehen,
•Wts jmi .ter Fachwelt charakterisiert ' Wir«! i'- da«. Bild cles
weltmännischen Diplomaten, das des Yolk-redncrs mit iler
lelie idj.'i ii Gfitc.id.is Bild dei Schriftstellers mit dem dicken
■ras/ikpl. »las Bild <les kongreßpräsüU-ntcn mit der ehernen
Stni Un loben der Meinungen'sein?' Schon diese Fragen auf-
weili ij. beißt Sokolow s vielsei£igie Persönlichkeit >n umreißen,
daß mini «-,,^,.11 kann, er hat so vielen Welten angehört, daß
die Curethniing /n einer ihn nie und nimmer erfassen wird.
I 1k Jilei 'peocrfknpl ller/l und dcl; vornehme VVestjude
No '«lau .Iis jüdische \nlk /lim Zionismus anfrieren, hallen
sie I is- •Muße (rliiik. \lUm licitei zu • f inilen. die nicht wie sie ;
v-n ., 1H.11 .i 11 «lifc Judeiifraire heranwagen, sondern ini jii- j
di.silieir \nlke w u r/eltcn. einen Ui.dik. einen Wci/maiin. einen
Sokitti) w. - Sie erst waren-die Dolmetsche} Ilcr/Uiher Ideen bei
lleu jidischen Missen im Osten, durch >ic er-t wurde llcr/.l
so/ is.igen ins Jiidjsihe ülx-rMt/t. Das waren die Volksniünut-r,
Iii- ^ 11 Juden i-ln-ii w :e zu. Juden reden konnten, nichts anderes
als Nurjlijlen, iiikI dii- sidi aus! diesem Niirjiideiitum
/u Staatsmännern und Diplom iton. zu Sendboten einer
Idee und /11 ije 11 erfolgreichen \ erfechte™ Icidcirschaft-
f.e linken fntw ijtfcelten. k t nter diesen fünf Männern, die
sinn» -et»nf..-11 und \1111 «teilen nur noch einer unter uns
^jne' a Rangoadniing herzustellen, wäre miißipe* Beginnen.
jz Sokobrws festzustellcm. d.irl mau sagen: er
in mi groA-r .und eiu£ricksv<i|ler Diplom.it
wie ller/l. kein s„ geniafer Dichter wie Bialik, alw-r man würe
scfion in Verlegenheit, zu s^, ? ,-„. j n wc-liher Hinsicht er irgend¬
wie Ml
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Ilm ilen t'lai
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einem anderen Badlgestanuen hatte. In einem war er vielleicht
mein als alle seine Weggenossen: er hatte die Verbindung zu
allen und jedem, was nötig war, um lür \11lk und Land 211
wirke-n. Kr kannte keine Furcht vor Königsthronen, er stand
angerührt tobenden Kon gr e ssen gegenüber, er war der uner¬
müdliche \rbciter im Büro, am Schreibtisch des Gelehrten und
Schriftstellers, er besaß aber auch die Gafie des Tmgangs mit
dem \olke. dem einfachen, wie den gelehrten. Kr genoß im
Westen das Ansehen des großen Wissenschaftlers und Schrift¬
stellers, 'und mit dem Rabbi des Ostens konnte er es an
Talmudgelehrsamkeit und Belesenheit aufnehmen. Für den
einen war er der Herr Präsident, für <h-n anderen Beb Nochum.
_ Kr war \erkorpernng und Halt für alle, «lie an irgendeiner
Stelle für nationale Gedanken und das Land arbeiteten, er War
Finanzmann mit den Kinan/männern. Parteimann in der Orjga-
nisation, Kolonisator im Lande, Autorität l«-i «len Forschern,
Staatsmann bei den Ministem, l'nd -u war Sokolow, obWohl
oder vielleicht sogar weif'ihm der letzte Funke ganz groner
Genialität fehlte, doch der bedeutendste unter dem Künf-
gesrim, das mit ihm (Jrtimlisr und Iiis heute Führer der
Zionistischen Organisation war.
Man würde aber die eigentliche Bedeutung Sokolows yer-
* kennen, wollte man sie nur auf den Nenner Zionismus bringen.
Kr war scholl vor Her/Ij als Schriftleiter der Hazc-fira (ler
Mittelpunkt eines schöpft*! ischen Kreises jiidisch-kiilliiieller
Werte. Verfasser eiue- rruiHtlegeiftlen hebräischen W'örler-
bmlics. Dichter von hohem Graden, ein \ olksdichter, «leri in
seinen am ; höchsten stebonden Werken mit Seh o tau m
AI ««che m und P'ere,z auf eine Stufe- gestellt werden darf,
<-r war durch zwei Menschen.1 her ragender Fels in der ,Fr-
ScheiiiUngc-n Flucht, krisenfest nnd doch immer voller nejuer
' IM.ine, ewig jung und uneriiiiiillüb NeueS, Jilaiiend. einer, «ler
das Vollenden nicht kannle. sondern initiier andere Fragen'mit
spicher (.ed inkenlrisHie in Angriff nahm, «laß man von Auto¬
ritäten auf jedem Gebiete hiiren konnte, hier wäre sein
eigentliches Feld» hier mußte er sein Bestes leisten.
Sokolow war geboren 1^61 in Wysz.ogr'od iii Polen, be-
siuute erst die Talmndhpdischolea seiner Heimat, eignete sich
d um Schnell aifdl profane Bildung an und übernahm schon in
»Ich a|driziger Jahren «lie Redaktion der damals weit ver¬
breiteten Zeitung Ha/efiia. Die -hebriiisthe Journalistik
wurde c im ihm erst /11 westeuropäischem .Niveau emporge¬
hoben. Bald schloß er .sich «ler Zionistischen Organisation an.
in «ler er im l^iufe der Jahre vom Generalsekretär bis /um