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de« Sünoensall> für einen Mythus, und habe sie
den Bindern dennoch so rrzählt,wi« sic da steht. —
Wir muffen nur das Wort „Mvthus" richtig verstehen. Jede
Geschichte ist eine doppelte: einmal «inesolche,die wirklich geschieht
in Zeit und Kaum; dann hat jede Geschichte einen inneren
geistigen Gehalt, der der Menschheit angrhört und sich nun
in jcdkpr Menschenherzen wiederholen soll. So ift's nun
ganz besonder« in der religiösen Geschichte. 'Nun ist ein
Mythus eine religiöse Geschichte, wo diese immerwährende
Geschickte, die im Menschenhcrzen immer lebendig bleibt,
dargestellt wird in einer geschichtlichen Hülle, obgleich sie
äußerlich nicht so dem Buchstaben nach in Zeit und Raum
geschehen ist — wie sa kein Mensch glauben wird, daß
Gott im Garten.spazieren gegangen sei —: aber die Ge¬
schichte des Sündenfalls ist eine immerwährende Geschichte;
jede« Kind erlebt, sie noch in ihrer Wahrheit und Wirklich¬
keit. Und die kindlichen Züge derselben kann der Lehrer
durck Hinweisung aus das Leben de« Kurve« immer wieder
begründen, erklären und dadurch die Geschichte lebendig
machen. Und darum ist sie, obgleich.sie nach ..reiner Mei¬
nung nickt so einmal wirklich'nach dem Buchstaben geschehen
ist, doch eine wirkhche Geschichte^ die im Menschen immer
wieder erlebt wird- Wenn die Schule eS erlaubt, namcnt- i
lich in Massigen Schulen, so ist es zweckmäßig, diesen reli- !
giösen Anschauungsunterricht in 2 Abtheilungen zu geben.
Der Lehrer erzählt diese Geschichten selbst im kindlichen
Tone der Schrift, doch nicht buchstäblich. Der Lehrer soll
vor allem aus dem Herzen erzählen und nicht aus dem
Grdäcktniß, er soll erzählen, was in ihm selber Leben ge¬
wonnen hat. Da« Wiedererzählen ist eine Gabe. Nicht
jrde^. Schüler hat diese Gabe und kann es. Diese Gabe
erfordert auch Uebung. Der religiöse Unterricht ist nrcht
zu dieser Uebung da. Der Lehrer muß sich bei den meisten
Schülern damit begnügen, daß ex durch Abfragen die er¬
zählte Geschichte zum geistigen Ergeuthum der Schüler macht
und nur Einzelnen/die die Gabe haben, das Wiedererzählen
überläßt. Wollte her. Lehrer dir biblischen Geschichten zum
Auswcndiglerneu aufgebcn, so würde er damit sicher das
religiöse Leben ertödtcu. Zn der ersten Abtheiluug gibt der
Lehrer die einzelnen biblischen Geschickten mit Auswahl, so¬
weit sie im Schaser lebendig werden können, in der zweiten
gsbt er die biblische Geschichte im Zusammenhänge und es
kommen auch die Geschichten, die nicht im strengen Sinne
rrligrösr Geschichten sind, die aber_ zur Vermittelung deS
Zusammenhanges und oes,Nerstäudnisses der religiösen Ge¬
schichte dienen, mit vor." ^
Schließen wir mit vrnselben Worten, mif welchen der
edle Redner — Oberhofprediger Schweizer ans Gotha —
schloß: „Und nun noch ein. Wort, lneine Herren. E» gibt
vielerlei Richtungen im religiösen Leben der Kirche uzrd in
der theologische» Wissenschaft. Wenn wir praktisch «erde»,
dann sehe» wir, wie diese Richtungen eigentlich alle zu
einem Ziele gehen. Im Mittelalter hieß es: Es gibt viele
! Wege nach Rom. Ich sage: es gibt viele Wege zu Gott,
j Der Rationalist, der nicht» sucht, als seinen Gott, unb
seine Kinder nur zum lebendigen Gott führen will,! und
der Orthodoxe, her dasselbe will, in der Schulklasse, wiö auf
der Kanzel kommen sie fast immer zu denselben Zielpunkten.
Nur daraus kommt es an, daß der Lehrer das Leben Gotte«,
feine Liebe im Herzen trage, und dabei die rechte, die ver¬
ständige Methode habe, um diese Liede und nur sie
in dem Kinde lebendig zu machen.
Dies« Ansichten find das Ergebniß meiner Forschungen
und vielmehr meine« Leben«, meiner Arbeit in Kirche
und Schule.
Und nun danke ich Ihnen schließlich für die lange
Geduld und bitte Sie um Verzeihung, daß ich diese so
lange in Anspruch genommen habe."
Die jüdische. Schule in Württemberg.
Kaptzel bei Buchau, den 24. Dez. 1864.
Erst heute komme ich dazu, Ihrem Wunsche.;» ge¬
nügen und meinem Versprechen.nachzukommcn, Ihnen > über
die iSrael. Schulen Württembergs und deren Lehrer re.
■ nähere Mittheilungen zu machen, die (als öffentliche regel¬
mäßige Lehranstalten) sich auch erst in neuerer und neuester
Zeit Bahn brachen; denn bis in den zwanziger Jahren
bestanden bei uns auch nur Winkelschulen, von welchen die
Regierung keine Notiz nahm, wie von so Manchem, was
die Israeliten betraf. —
Die erste Schulordnung in Württemberg, welche unter
dem edlen Herzog Christoph i. I. 1559 erschien, und
welche lauter:
„Die VolSschulen sollen fürnchmlich mit
Gebet und Ka^echiSmo und daneben Schreiben«
und Lesen« ihnen selb« und gemeinen Nutzen«
wegen, dergleichen mit Psalmensingen bester
baß unterrichtet und christlich erzogen wer¬
den," konnte um so weniger der Israeliten erwähnen,
als Württemberg, da« jetzt noch wenige Israeliten besitzt
(etwa 11,000), damals vielleicht kaum so' viele Hunderte
besessen haben mag, und als wir nirgends ein eigenes Bür¬
gerrecht hatten; sondern bloS als Fremde, des Schutze«
Bedürftige geduldet wurden, ja Leibzoll oder das sogenannte
Jude» - Geleitgeld zahlen mußten, das erst unter König
Friedrich i. I. 1808 aufgehoben wurde.