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schreckt ihn nicht seiten dds ungenügende Resultat der an¬
dern Leite, und nach beiden Richtungen -hin lernt er nicht
aus, so sehr er auch nach der absoluten Meisterschaft ringen
mag. Die vor ihm fitzende Corporation besteht auch in
Hinficht der Capacität aus sehr verschiedenen Elementen;
allen soll er gerecht werden uud doch, die Gcsammtheit als
solche veranbnngen. Der stumpfe Geist setzt ihm tausend
Schwierigkeiten entgegen, der energielose Wille ein zweites
Tausend. Vergebens sehnt er sich nach dem „Nürnberger
Trichter": die .Kunst, den Meu chen Verstand uud Willens¬
kraft einzublaien, ist noch nicht erfunden worden. Einer
schwachen Intelligenz einige Regsamkeit 'und größere Kräftig¬
keit zu verleihen, ist ani Ende'noch die geringere Aufgabe,
den Willen anzuicuern, die bei weitem schwerere. Und doch
isl der Mensch im letzten Grunde schon auf den Schulbänken
seines Glückes Schmieds d. h. von'seinem Wollen hängt
schließlich sogar der Erwerb eines gediegenen Wissens und
Könnens ad. Der Junge lenit 5. B. trotz des besten Un¬
terrichts und der allseitfgsten Bemühungen nicht einmal
orthographisch richtig schreiben, wenn er sich nicht ernstlich
vornimmt, die widerlichen Fehler, welche einem gebildeten
Menschen zur Unchre gereichen, energisch abzuschütteln.
„Der Men'ch ifT - rei geschaffen, ist frei, und würd' ,eriu
Ketten geboren", d. h. es hängt sein Himmel und seine
Hölle von seinem Willen -Und von seinem Wollen ab, und
diese Freiheit ist es, an der' alle Erziehung oft erbärmlich
scheitert. —^Haben wir nun bei den- Geistern, welche sowohl
nach der Seite des Erkennend - als auch nach der des Wollens
hin schwach constrnirt fuib : ,; nach bestem Ermepen untd Ge-
wiffeu unsere Schuldigtest gethan, so weiß man uns ost
—für die anstrengendste Arbeit gar wenig Tank. Man unter
stützt uns von Seiten des Hauses häufig nicht, thnt eher
das Gegeiuheil, sieht aber nach den Resultaten und wirft
den Stein aus uns, wenn wir prätentiösen Auiprüchetz nicht
zu eist-prechen ini Stande waren.. Selten erhebt sich ein
Men'ch zu der vorurt!>eils'.o'en Ansicht, daß er einen dum¬
men und schwachen Jnngep hqt, wenn auch der Augen¬
schein noch '0 'ehr'r'-det..! Je-der hält sich st-lbst für ein
Lumen, setzt'voraus, daßj' das Product seiner Liebe ihm
ähnlich sei, und stoßt den -mit Verachtung zurück, der ihn
eines Besseren zu belehren unternimmt.
(Schluß.folgt.)
LoUen die Mädcken am Unterrichte
im Hebräischen in dem Maape Theil
nehmen, wie die Knaben?
Der herkömmlichen Sille nach war das weibliche Ge¬
schlecht vom Unterrichte im Hebräischen ausgeschlossen, und
hielt man das blo-'e Lesen für genügend. Erft später lern¬
ten die Mädchen auch das llebersetzen der Gebete und jetzt
wird unter den Lehrern darüber gestritten, ob auch Kennt-
niß des Pentateuch irötbug ist, oder nicht. Es dürfte diese
Frage eine vielseitige Besprechung' verdienen, wozu diese Zei¬
len die Anregung sein sollen.
Es sragt sich ganz einfach: Ist die Erreichung des
Zweckes, den dieser Unterrichtsgegenstand hat, auch für das
weibliche Geschlecht nöthig?
Das Ziel dieses Unterrichtes rst, dem Kinde den Ur¬
text der h. Schrift verständlich zu machen und es zu be¬
fähigen, mit Gefühl zu beten. — Ob die Volksschule dieses
Ziel bis jetzt erreicht Hat,*) darauf kommt es bei unsrer
Frage nicht an, auch nicht darauf, ob die hebr. Sprache
Custussprache bleibt**) oder nicht. Bleibt sie. es nicht, so
witd der materielle Unterrichtszweck einst wegfallen; so lange
sie, es aber ist, muß dieser beachtet werden. Das Verständ¬
nis! des Pentateuch in der Ursprache ist darum nöthig, west
er Hie Basis für den Religionsunterricht, also auch für die
religiöse Praxis ist und weil ohne diese Kenntniß der wich¬
tigste Bestandtheil des Gottesdienstes, minn nxnp, nutzlos
bleibt. Ich frage nun: Ist n'p blos für das männliche
Geschlecht? Soll nicht auch das weibliche Antheil nehmen?
Und wo liegt, in der religiösen Praris ein Unterschied zwischen
Knaben und Mädchen? Einige Ceremonien, von denen das
weibl. Geschlecht dispenfirt ist.- bedingen noch keinen Unter¬
schied. — (llnd riHp? Red.s
Man wendet ein, das Mädchen müsse mehr fühlen,
dqr Knabe mehr denken lernen.***) Da dieser Unterschied
zchischen beiden Geschlechtern durch die Natur begründet und
der späteren Bestimmung gemäß ist, also eine naturgemäße
u rd zweckmäßige Erziehung denselben berücksichtigen muß, so
antworte ich: „Dieser Unterschied muß nicht nur bei diesem
einen Lehrobjekt, sondern stets und überall beachtet
njerden. Daraus folgt aber nicht, daß der Lehrstoff ver¬
schieden sei und der Pentateuch in der Ursprache, selbst
n enn er vorzugsweise das Denken und weniger das Fühlen
aaregt — was aber falsch rst — wegbleiben muß. Es
n ürde dieses zur Folge haben, daß l) ckds weibliche Ge¬
schlecht am n'p keinen Antheil nehmen und durch eine Pre¬
digt nicht in dem Grade, angerqgt werden konnte, als das
männliche. L) Daß der Lehrer auch beim llebersetzen der
Gebete Knaben und Mädchen trennen müßte, da jene durch
läufigere Uebung diesen vorauscilen, ein Umstand, der durch
das „Zeitraubende'^ uachtheilig wirkt.
Früher übersetzte man cr-d nx ernenn „lehrt sie euren
Söhnen (statt Kindern), ja man ging so weit, den Grund-
i ltz ailszusteUen: r*:': mn iro rx T^-cn »
wer iemer Tochter Thorä lehrt, lehrt sie Falschheit.
Da man nun die Frauen nur zu npirv n?n nu ver¬
pflichtet hielt, so bedurften sie früher nicht des Hebräischen.
Waren sie ja vom Gebete dispenfirt und zweifelte man
nach n^^n "a 's r-z-z n:tr: sogar an deren Verpflichtung
zuin Tischgebet. Man ist anderer Ansicht geworden. Die
Mutter ist vor Allen berufen, ihre Kinder zu Erziehen, ihr
Einfluß auf dieselben ist von noch größerer Bedeutung als
der des Vaters, und, bedingt gar o't ihr Lebensglück, meistens
aber ihr religiöses Gefühl. Die Mutter legt die ersten
Keime der Tugend in die zarten Kinderherzen; die Mutter
lehrt die Kinder zuerst beten. Und diese Mutter sollte der
heiligen Urkunden unsrer Religion weniger bedürfen als
der Vater? Die jüdische Mutter, deren Gefühl durch das
Verständniß der Bibel im Urtexte um so inniger, um so
jüdischer wird, soll diese Kenntniß entbehren? Seht euch
•) Simon Nr. 41 fc. Bl.
**) Dr. (Strfnberg Rr. 24/25 1S*>3.
***) Kiingcnstkin, der Unterricht im Hebräischen.