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Gemetndezettung
für die israelitischen Gemeinden Württembergs
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I. Jahrgang
Stuttgart. 15. November 1^24
Nr. $
„Gott stößt die Gewaltigen vom Stuhl und
erhebt die Niedrigen".
Eine ernste alte Erzählung berichtet von dem
Könige, der den Satz aus der Bibel streichen
wollte: „Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und
erhebt die Niedrigen (Luk. 1.52)." Sein Schick¬
sal beschreibt die drastische Volksdichtung.
Jetzt soll nicht nur ein Satz, sondern die halbe
Bibel gestrichen werden, so will es Kaiser Wilhelm II.
Er hat als „Oberster Bischof der protestantischen
Kirche auch in der Fremde" dem Hofprediger
Dr. Vogel ein Schriftstück gesandt, indem er seine
Gedanken über die „Neugestaltung unseres Glau¬
benslebens, Religionslebens, Religionsunterrichts
bez. der Aufgaben unsere«! Kirche" ausspricht. Hof¬
prediger Vogel hat jetzt die Schrift des Kaisers
in der „Weltrundschau" vom 3.-8. Juli (77-81)
veröffentlicht.
Diese Veröffentlichung verdient nicht wegen
ihres Urhebers, sondern als einDokument religiöser
Halbbildung, die im Grunde Unbildung ist, ernste
Beachtung.! Der Kaiser schleudert herostratischen
Grimm auf das sogenannte Alte Testament, das
er bis auf wenige Stellen der Propheten und
Psalmisten beseitigt sehen will. Seine Losung
lautet frei nach Fritsch: „Fort mit Jave", dem
„zornglühenden, racheschnaubenden, alle Gegner
verderbenden, verfluchenden Judengott." „Die
Intoleranz, dieser entsetzliche Fluch, der auf dem
Christentum lastet und in einzelnen Konfessionen und
Kirchen hallst, woher kommt sie? Aus dem Juden-
tum". „Daher sage ich: Fort mit Jave!"
Selbstverständlich macht der Kaiser Jesum
nach dem bekannten antisemitischen Vorbild zum
Vollblutarier. Und nun kommt der Beweis, daß
Jesus den Judengott verworfen, der Beweis,
dessen kindliche Unbeholfenheit und sachliche Un¬
kenntnis nicht seines gleichen findet. „Niemals
braucht Jesus Christus den Namen Jave; nur
„Gott", am meisten aber „Vater"; das ist mir
Beweis genug!" Der Kaiser übersieht dabei nur
die Kleinigkeit, daß das Neue Testament nicht j
hebräisch, sondern nur in griechischer Sprache j
erhalten ist, in der es natürlich die von der
christlichen Theologie erfundene Lesung des hebrä¬
ischer» heiligsten Gottesnamens nicht geben kann. |
Jeder bessere Schulknabe hätte dem Kaiser sagen
können, daß zu JesuS Zeit dieser GotteSname
überhaupt nicht mehr öffentlich ausgesprochen
wurde, sondern das Ersatzwort Adonaj oder Echem.
Die neue Bibel muß nach des Kaisers Eisen¬
bartrezept mit dem Neuen Testament anfangen.
In der zweiten Hälfte wäre eine Auswahl der
Psalmen, Sprüche und Propheten aufzunehmen.
„Auszuscheiden stnd alle reinhistorischen Bücher,
die nur Schilderungen der jüdischen Volks- und
Sittengeschichte enthalten. Diese gehören in den
Geschichtsunterricht, nicht in ein deutsch - prote¬
stantisches Religionsbuch." Das deutsche Volk muß
lernen, wieder christozentrisch zu denken.
Ist das Jesusbild des Kaisers wirklich das
des Neuen Testamentes? Ist er wirklich kein Jude?
Sein Stammbaum bei Matthäus und Lukas
geht auf David und Abraham zurück. Er wollte
kein anderer sein als „der Sohn Davids". Der
ganze Matthäus will den Nachweis erbringen,
daß er ein Jude gewesen. Er sieht Abraham,
Isaak und Jakob im Reiche Gottes. In ihm
lebt die Welt des Alten Testaments. Es ist so,
wie Pastor von Harling (in „Friede über Israel",
August 1924) sagt: „Der, der den Gott des
Alten Testaments als jüdischen Nationalgott oder
gar als Schandgötzen schmäht, hat kein Recht,
den Vater unseres Herrn Jesu Christi seinen
Gott und Vater zu nennen".
Ist denn die BibelJsraels wirklich eine „jüdische"
Geschichte? Alle Geschichte ist Nationalgeschichte,
die Geschichte Israels ist die Geschichte Gottes
vom ersten Bibelwort an: „Im Anfang schuf
Gott Himmel und Erde". Sie ist Geschichte Gottes
von Adam an, der das Paradies verliert, bis
zu Noa, der aus der Flut gerettet wird. Sie ist
Geschichte Gottes, wenn Abraham nach Kanaan
berufen wird, damit er ein Segen werde, mit
dem sich alle Familien der Erde segnen sollen.
In Mose sprengt die Gottesgeschichte den engen
Rahmen der Familiengeschichte, um am Sinai
im Zehnwort Menschheitsgeschichte zu werden.
Gott sendet seine Propheten, deren Geschichte die
seelischen Bausteine des GotteSreiches auf Erden
geworden sind, die zu Wegweisern und Wortführern
der Menschheit berufen werden, bis sie ein Reich