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ungezügelten Monarchismus gewesen ist. Der
Berichterstatter erlaubt sich die Fragen: „Sind die
Werke Wagners eigentlich Musik oder Nationa¬
listenpropaganda? Während des Krieges wurden
auf alle außerdeutschen Musikinstitute, welche Wag¬
ners Werke aufführten, wilde Angriffe gemacht. Ver¬
geblich wiesen die Eingeweihten darauf hin, daß
Wagnerden preußischen Staat verabscheut hat, (daß
er an der Bewegung der Jahre 1848 und 1849
mindestens „mit seinem Herzen" teilgenommen)
und daß seine Werke von einem revolutionären
Symbolismus erfüllt find."
Vom Monarchismus zum Chauvinismus und
von da zum Antisemitismus ist in Deutschland
, kein weiter Weg. Daß Bayreuth diese Straße
'beschritten und bis zu diesem Ziele durchmeffen
hat, beweist der „Offizielle Festspielführer 1924",
deffen Herausgeber der Stuttgarter Dr. Karl
Grunsky ist. Allerdings ist diese Wegführung bei
der politischen Einstellung des Herausgebers nicht
auffallend. Ist doch Grunsky der Verfaffer des
Pamphlets „Wagners Verhältnis zum Judentum
(München 1920)." Es ist aber ein bedenkliches
Zeugnis für den Geist von Bayreuth, daß der
Antisemitismus in seinem offiziellen Programm
Aufnahme gefunden hat.
Im Vorwort zum Festspielführer erklärt Gruns¬
ky allerdings, daß er in der „Umschau", die dem
Führer angeschloffen ist, das Politische gemieden,
aber in sie das ausgenommen habe, „was sich
der Bayreuther Gesinnung öffnet (S. 5)." Zu
diesen Schöpfungen der „Bayreuther Gesinnung"
rechnet^: Hans von Wolzogens Streben nach
der „Deutschkirche", die „den Weg zu Jesus ohne
die alttestamentliche Gebundenheit" weisen will
(S. 285)." Zu den Bannerträgern dieser Ge-
sinnuna zählt er Artur Dinter, deffen Evangelien¬
harm ome hochgepriesefi wird (S.268,287). Neben
Adolf Bartels Literaturgeschichte (S. 300) wird
„die erste umspannende (!) Geschichte des Juden¬
tums von dem erstaunlich vielseitigen Gelehrten
undDichter(sollheißen:Vielschreiber)OttoHauser"
in der „Umschau" (S. 301) unter „Deutsches
Wesen" neben ähnlichen gleichwertigen Erzeuq-
niffen empfohlen.
Wohl weist Lienhard im Festspielführer/ in
einer feinen Parallele „Bayreuth und Weimar"
darauf hin, daß „Menschen, die vor Beethovens
Symphonien oder vor Wagners Festspielen sitzen,
während dieses erhöhten Zustandes wahrhaft
Menschen und wahrhaft Brüder im Lichte der
Ewigkeit sind. Auf melodischem Wege zieht eini¬
gende Liebe in das Herz ein" (S. 9). Und Hans
Schüler ergänzt seine Gedanken in dem Auffatz
„Die Politik der Liebe": „Was kann uns retten?
Sicherlich nicht der haßerfüllte Kampfder Parteien.
Ebensowenig die Gründung aller möglichen Mode¬
weltanschauungen, bei denen meist das Wahre
nicht neu und das Neue nicht wahr ist (S. 238)."
„Laßt uns den Geist der Liebe erwecken; ich glaube.
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dann lösen sich alle so brennenden Tagesfragen
von selbst (S. 239)."
Aber sölche Aeußerungen echter Kunsterfaffung
und gehobenen Menschentums verschwinden im
Festspielführer unter den Kundgebungen einer
engstirnigen Geschichtsklitterung. Zu ihren Wort¬
führern gehört bedauerlicherweise Prof. Adolf
Rapp-Tübingen mit seiner Behauptung: „Um
1770 und 1813 war es das „wälsche" Wesen,
gegen das die deutsche Erhebung auch im geistigen
Leben nötig war; später (!) kam dazu noch das
| jüdische, zusammen mit dem ganzen heimatlosen
i Großstsidtertum der Gegenwart (S. 164)." E«
> wäre intereffant, den geschichtlichen Nachweis
1 dieses „jüdischen Wesens" in der Musik Deutsch¬
lands kennen zu lernen, das „noch später dazu
gekommen ist." Es steht auf derselben Höhe, wenn
August Pühringer (S. 177) behauptet, daß Bis¬
marcks Reichsbau dem Verfall geweiht war,
„wenn neben dem lauteren deutschen Geiste, dem
er gewidmet war, auch allerhand Lumpenpack und
volksfremdes Händlergesindel „gleichberechtigt"
darin hausen und zuletzt sich gar Mehrheitsrechte...
anmaßen durfte." Pühringer berichtet, daß gerade
Bismarck und Wagner „sich von einer volksftemden
Allerweltspreffe verhöhnen und beschimpfen laffen"
mußten (S. 518). Ist eS denn Grunsky. Rapp,
Pühringer u. s. w. wirklich unbekannt, daß gerade
Juden getreu zu Wagner in seinen kritischen
Tagen gehalten? Ich will nicht die vielen Juden
nennen, die ihr Können in den Dienst der Bay¬
reuther Festspiele' gestellt haben. Aber ist es denn
schon vergeffen, daß GeneralmusikdirektorHermann
Levi, der bereits 1871 ein entschiedener Wagner-
Verehrer geworden (S. 391), von 1882 bis 1886
! und von 1889 bis 1894 Orchesterleiter in Bayreuth
gewesen, daß- also Wagner selbst keinen befferen
finden konnte als gerade den Rabbinerssohn? Don
Joseph Joachims Liebe zur Bayreuther Kunst
erzählt das Buch selbst (S. 188,193,194).-Die
kleine feine Schrift der Frau Kommerzienrat
Margarethe Strauß, der gegenwärtigen Leiterin
und Verwalterin der Bayreuther Stipendienstif¬
tung, über Frau Cosima Wagner wird auch von
! Grunsky anerkannt (S. 281). Ja, ein Judenstämni-
! ling, der an der Bergisch-Märkischen Zeitung in
Elberfeld tätige Dr. Carl Siegmund Benedict, der
Verfaffervon „WagnersLebensinBriefen",kommt
j in dem Festspielführer ausführlich (S. 154—160)
zum Wort. Benedict war es übrigens auch, der die
j von Wagner begründete Stipendienstiftungdadurch
neubelebte, daß er 1904 von Stuttgart aus Landes¬
und OrtSausschüffe der Stiftung ins Leben rief
(S. 234). Es scheint also der jüdische Geist der
Bayreuther Gesinnung gegenüber nicht gar so
ftemd zu sein!
Was ist denn eigentlich dieser gefährliche jüdische
Geist, von dem Rapp und Pühringer in Harmonie
mit GrunSky fabeln und faseln? Ist es der Geist
der Bibel, wie er sich in den Propheten offenbart.