Seite
Gemetndezettung
für die LsraelilLschen Gemeinden Württembergs
S« zng»pr«>»:
«lnschllestlich e«ff<Ug«tt Ifitjrlldi 4 «Ottmark
«Injclnammtr LI «ottpfennlg
poststt,»<kNonto, 34t 59
Crfü|<int ffiltrUd) Mindesten» jroSlfmal
Verlag:
Israelitische verlagsaustalt <S. m. d. ks.
Fernsprecher Z.-JL I33t9 (nnr |flr Dtrlagsabtlg.)
Schrtfllettnag;
Stadtrabdtoer vr. «leger, Stuttgart
LliarloNenstrn-« 13.
stnzelgenprel»,
dl« einspaltig« >/ 4 Xletn^il« oder deren
Nmnn 30 «oldpsennig
fnmMennnzelgen and klein« pnMgen
dle NlelnzeU« to «oldpsennig
Neklnwe 1.50 «Ottmark
Sel wledertiolnngea Vergünstigung
I. Jahrgang
Stuttgart, '15. ssanuar 1??5
Nr. 10
Amtliche Bekanntmachungen.
Israelitischer Oberrat.
Stuttgart, 9.1.25.
Betreff: Wanderbibliothek.
Zur Begründung einer Wanderbibliothek für
die Rabbiner und Lehrer des Lande- hat der
Oberrat am 18. Dezember v. I. für daS Rech¬
nungsjahr 1924/25 einen Betrag von M. 300.—
bewilligt.
Diese Bibliothek soll alle Neuerscheinungen auf
pädagogischem Gebiet umfaffen. Die Bücher sollen
vom Sekretariat des Oberrats den Rabbinern
und Lehrern gebührenfrei zugesandt werden. Die
Weitersendung, die nach einer in den Büchern
vermerkten Reihenfolge zu erfolgen hat, geschieht
auf Kosten der Benützer der Bibliothek.
Der Oberrat hat als Kommission für diese
Bibliothek die Herren:
Stadtrabbiner Dr. R i e g e r - Stuttgart,
Bezirksrabbiner Dr. Berlinger - Hall,
„ Dr. Beermann -Heilbronn u.
Oberlehrer Rothschild- Eßlingen
ernannt, denen besonders die Auswahl der zu
beschaffenden Bücher übertragen worden ist.
Nördlinger.
Der Ruf nach einer neuen Religion.
Bei dem Zusammenbruch der Gegenwarts¬
kultur find auch die Quellen der Religion ver¬
schüttet worden. Eine lange Zeit schien es, als
ob die Menschheit diesen Verlust kaum empfände.
Heute mehren sich die Stimmen, welche dazu auf-
rufen, die verschütteten Quellen wieder freizulegen.
Einer der edelsten Rufer ist der Vorsitzende der
amerikanischen soziologischen Gesellschaft, der Pro¬
fessor der Universität Columbia Dr. Charles
A. Ellwood, dessen Mahnruf soeben in der Über¬
tragung von B. L. Frank-Wien im Stuttgarter
Verlag W. Kohlhammer deutsch erschienen ist.*)
Ellwood ist der Überzeugung, daß die foziale
Frage durch Wissenschaft und Erziehung allein
*) Ellwood, zur Erneuerung der Religion, Stuttgart
192», gebunden Mk 5.—.
nicht lösbar ist, daß es dazu als dritter Grund¬
kraft der Religion bedarf, allerdings einer Reli¬
gion, die dem Verstand sein Lebensrecht zugesteht.
Will diese Religion am Aufbau des neuen Lebens
Mitwirken, so muß sie ein soziales Programm
und nicht nur ein theologisches haben. Sie muß
aller Unmoral und Ungerechtigkeit des alten Wirt- -
schaftSsystemS entgegentreten und mutig eine dem
neuzeitlichen Bedürfnis entsprechende Gesellschafts¬
ordnung fordern.
Der Soziologe spricht mit dieser Forderung
eine Selbstverständlichkeit aus. Das gilt aber für
seine eigentliche Grundforderuny nicht, daß die
neue Religion eine wissenschaftlrch unanfechtbare
Grundlage und Begründung haben soll. „Eine
Religion, die mit den modernen Wissenschaften
nicht im Einklang steht, kann in Zukunft un¬
möglich die Religion der denkenden Schichten
bleiben" (S. 14). „Wenn Religion nichts ist als
Unterwerfung unter das Mysterium, dann ist ihr
Schicksal besiegelt. Wenn sie der Ausdruck des
Schreckens oder der Furcht ist, so ist das nicht
genug für die denkende Vernunft. Wenn daS
Denken die Oberhand gewinnt, dann muß die
Religion nicht allein dem Heiden, sondern auch
dem Geist genügen" (S. 18). Mit diesem Ver¬
langen steht Ellwood in erklärtem Gegensatz zu
der gesamten christlichen Theologie der Gegen¬
wart. Diese lehnt Neuerscheinungen wie die
Religionsphilosophie A. Görlands fast einstimmig -
ab. Die religionsphilosophische und religions¬
psychologische Arbeit von Otto, Max Scheler,
Scholz und Johanne» Hessen (die Religions¬
philosophie des Neukantianismus, 2. Auflage,
Freiburg 1924) und die theologische Dogmatik
der Barth. Gogarten-Gruppe, Wilhelm Herr¬
manns (Dogmatik 1924) und Martin Rade»
(Glaubenslehre 1924) weisen die neukantische
rationale und deduktive Methode der Religion»-
begründung, welche die Religion unter philo¬
sophische Maßstäbe zwingt, entschieden ab. Sie
fordern die absolute Selbständigkeit und die starre
Beibehaltung deS TranScendenzansprucheS der
Religion und erklären rundweg die Unvereinbarkeit
deS Christentum- mit rationaler Philosophie.
Ihnen steht über aller Philosophie die intuitive
I