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GemeindeZeitung
für die Lsraeliiischen Gemeinden Württembergs
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III. Jahrgang
Stuttgart, 16. februar 1?2?
Nr. rr
Amtliche Bekanntmachungen.
Konfirmation der jüdische» Mädchen in
Stuttgart.
Anmeldungen zu dem am Mittwoch, 23. Febr.,
3 Uhr nachm., beginnenden Vorbereitungsunter
unterricht auf die am 7. Juni stattfindende Ein
segnung der jüdischen Mädchen werden in den
Dienststunden in der Jsr. Gemeindepflege, Hospi-
talstr. 36, entgegengenommen. Der Vorbe¬
reitungsunterricht ist lediglich für
Mädchen bestimmt, die öffentl. ringe
segnet werden sollen. Mädchen, die das
14. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, können
am Unterricht nicht teilnehmen.
Stuttgart, 10. Februar 1927.
Das Stadtrabbinat:
Dr. Rieger.
Religion aus Politik.
Die unsittlichste Entwürdigung der Religion ist
ihr Mißbrauch zu Zwecken der Täuschung —.
Religion aus Politik. Sie ist gemeinste Heuchelei
und niedrigste Scheinheiligkeit. Sie will Fröm¬
migkeit Vortäuschen, um die Nichtreligiösen irre
zuführen, welche die angeborene Achtung vor
dem Religiösen nie ganz abstreifen, und um die
religiös Eingestellten durch ein frömmelndes Ge¬
bühren zu gewinnen. Von dieser sittlichen unan¬
fechtbaren Voraussetzung verdienen zwei Aufsätze
in der „Jüdischen Rundschau" S. 27 und 43
unter dem famosen Titel „Religionsersatz" all¬
gemeine Beachtung. Sie offenbaren in Form und
Fassung eine Einstellung zum Religiösen, die von
jedem ausrechten Juden als tief beschämend
empfunden werden muß.
Helene Hanna Thon geht in dem ersten der
beiden Aufsätze von der von Nichtzionisten wie¬
derholt ausgesprochenen, aber von Zionisten als
Verleumdung angesprochenen Ueberzeugung aus,
daß eine Quelle des Zionismus und der Palä¬
stinaliebe „die Erkenntnis unserer Religionslosig¬
keit" ist. „Wir, d. h. dir Mehrzahl der modernen
national empfindenden Juden gelangten nach
Palästina, weil wir — im Bewußtsein, daß
uns der Glaube an einen persönlichen oder gar
nationalen Gott verloren gegangen ist - bier
neue, aus der Tiefe der Volksseele aufsprießendc
Werte zu finden hoffen, die uns die Leere unseres
Innern ausfüllen sollen." Es gäbe unter den
Zionisten solche, die sich aus der Berührung de?
Volkes mit dem Heimatooden das Erstehen von
Werten versprechen, denen gegenüber das, „was
wir bisher Religion nannten, als ein zu über
windenses und bereits überwundenes Stadium
der Menschheitscntwicklung erscheint." Schließlich
kommt die Verfasserin zu dem wenn auch
einseitigen, doch sichttlich zu rechtfertigenden
Ergebnis: „Ist aber die Religionslosigkeit der
Heutigen erkannt, so darf es ein Spielen uno
Schöntun mit den verworfenen und verlorenen
Formen . . . nicht geben. Alle derartige Ver¬
suche müssen scheitern und uns als Unwahrhaftige
entlarven."
Sie nennt deshalb die Jnnehaltung religiöser
Formen bei nationalen Feiern in Palästina Ent¬
gleisungen, die bei den Ernsteren Scham, bei den
Zynischen Gähnen oder Augurenlächeln Hervor¬
rufen. Sie erinnert dabei an die überaus pein¬
liche Szene bei der Feier der Universitätscröfs
nung in Jerusalem, als der aschkenasische Ober¬
rabbiner der Stadt das neue Unternehmen einseg
neu sollte. „Man war bereit, den Segensspruch
als eine politisch« Höflichkeit gegenüber
dem orthodoxen Judentum, allenfalls auch als
eine auf alle Fälle nützliche Verbeugung vor
dem unbekannten Gott achtungsvoll und in guter
Haltung hinzunehmen, wie man es in solchen
Fällen gewöhnt ist." Als aber „der Geistliche"
sein Gebet „über das in solchen Fällest üblich
akzeptierte Zeitmaß hinauÄ>ehnte" und als die
Festveranstalter ihn vergeblich zu bewegen such¬
ten den Hymnus abzukürzen, fehlte nicht viel, daß
„das überaus peinliche Gefühl in Gelächter um
geschlagen wäre." Es äußerte sich darin „das
Befremden über die Unwahrhastigkeit derer, die
ihn an eine ungeeignete Stelle gebracht."
Noch ärgerlicher war wieder nach Helene Hanna
Thons Empfinden die Szene, als anläßlich der
Jubiläumsfeier des Keren Kajemeth ein Mitglied
der Arbeiterschauspielervereinigung „mit einer