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seinem kreise ganz fremden Gebärde das Haupt
bcheckte" und das 40. Kapitel des Jesajabuches
als Ersatz für eine religiöse Einleitung der Feier
vorlas. Das Prophetenwort wirkt« aus Schauspie-
lermund im Schauspielerton hier unerträglich und
w«kt« Gelächter. Die Schreiberin schließt mit
dem Satz«: „Und deshalb sollten- wir auf die
Vortäuschung eines noch nicht vorhandenen In
Haltes lieber verzichten als mit unserer tiefsten
Sehnsucht unbewußt Spott treiben."
Ludwig Bähr • erwidert Helene Hanna Thon
in derselben Zeitung. Er geht von der gleichen
Einstellung zum Zionismus aus — er ist für
ihn ursprünglich nur Surrogat für die Religion,,
da er ,/nis der inneren Leere entstammt, die
durch den Mangel eines religiösen Gefühls her
vorgerufen ist, wenn er uns auch später mehr
wurde." Er tritt für Rücksichtnahme auf die
religiösen Kreise ein uird verurteilt es, um nur
ein Beispiel zu nennen, daß in der zionistischen
Kolonie Beth-Alpha der Grundstein für den Ge¬
meindestall am Rosch-Haschanah gelegt worden
ist. Die Begründung seiner Rücksichtnahme auf
die Religiösen ist aber nicht wenige» beschämennd
als Helene Hanna Thons Ablehnung einer sol
chen Rücksichtnahme. Er erllärt einfach, — Reli¬
gion aus Politik! —, daß der Zionismus die
religiösen Kreise des Judentums nicht entbehren
kann. Er hofft, daß die rückständigen Teile des
Judentums durch die nach Helene Hanna Thons
Worten vorhandene Mehrzahl der modernen na
ttonal empfindenden Juden so gehoben werden,
daß „vielleicht zur Fünfzigjahrfeier der Uni¬
versität wieder ein Rabbiner ein Gebet sprechen
wird; aber dieses Gebet wird dann jedenfalls
anders aussehcn, als das bei der Universitätser¬
öffnung, vielleicht gar kein Gebet in dem Sinne
mehr sein, wie-wir es heute verstchen, und es
wird wenige mehr geben, denen es lächerlich er
scheint, weil man sich weiter — und zueinander
entwickelt haben wird." Man braucht eben vorerst
noch die Andern, wie es ja die amerikanischen
Verhandlungen über die Bildung der Jewish
Agency unzweideutig ergeben haben. „Die heutige
Lage in Palästina ist so verzweifell, daß eine
energische Aktion ohne Verzug ausgenommen wer¬
den muß. Mehr als je ist es notwendig, alle
positiven jüdischen Kräfte dafür zu gewinnen"
(Jüdische Rundschau vom 25. Januar, Seite 45).
Die Aussprache in dem offiziösen Blatt des
Zionismus darf auch außerhalb der Partei nicht
übersehen werden. Sie ist gewiß nur ein per¬
sönliches Bekenntnis zweier Zionisten, gewinnt
aber an der Stelle ihrer Veröffentlichung ernste
Bedeutsamkeit. Zionismus als Religionsersatz
oder, wie Bähr sagt, als Surrogat für Reli¬
gion — das ist ein tief erregendes Eingeständnis.
Wir kennen aus der unmtttelbaren Vergangenheit
den Wert der Surrogate, die fast ein Jahrzehnt
lang als Ersatz für die lebensnotwendigen Be¬
st 2 —
dürfniffe allerdings in blendender Aufmachung
und unter llingenden Namen für schweres Geld
angeboten und gekauft worden sind, und die zu
einem guten Teil den Verfall deutscher Gesund
heit und Volkskraft verschuldet haben. Eine
Talmi- oder Surrogatreligion, Religion aus Poli¬
tik — das werden auch alle ehrlichen National
juden eingestehen - ist schlimmer als der offene
Abfall!
Wichtige Beschlüsse des Deutsch-
israelitischen Gemeindebundes«
Einberufung des Gemeindetags.
Am 27. Januar 192/ trat der Ausschuß des
Teutsch-Jsraelitischen Gemeindebundes zu einer
Sitzung zusammen. Gegenstand der Beratung war,
zu der Frage des „Reichsverbandes der deut¬
schen Juden" Stellung zu nehmen.
Ter Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Ge¬
meindebundes hat sich während der letzten Mo¬
nate zürückgehalten, um nicht den Versuch der
Schaffung eines Dachverbandes zu stören. Nach¬
dem dieser Weg durch die einstimmige Ablehnung
sich als ungangbar erwiesen, hat der Ausschuß
es für notwendig gehalten, nunmehr die Be¬
schlüsse des 15. Gemeindetages vom 23. Jan.
1921 zur Durchführung zu bringeU. Die mehr¬
stündige Aussprache in der Sitzung des Aus¬
schusses hatte das Ergebnis, daß der folgende
Antrag Freund einstimmig angenommen wurde:
„Tie Ueberleitungs-Komission des Deutsch-Israe¬
litischen Gemeindebundes wird beauftragt:
1. Mit den Landesverbänden in Verbindung
zu treten wegen der in Paragraph 2 Abs. 2
: letzter Satz der Verfassung vom 23. Januar
1921 vorbehaltenen Vereinbarung;
2. Tie Ueberleitungs-Komission wird ermäch¬
tigt, den Gemeindetag einzuberufen.
Paragraph 2 Abs. 2 der Verfassung vom 23.
Januar 1921 lautet: Mitglied des Bundes kann
auch eine Vereinigung von Gemeinden sein, wenn
sie die Rechtsstellung einer öffentlichen Körper¬
schaft besitzt. In diesem Fall« werden sowohl
die Rechte (Paragraph 20, Ziff. 1), als auch die
Pflichten (8 4d) der der Bereinigung angeschlos¬
senen Gemeinden ausschließlich von der Bereini¬
gung ausgeübt. Insoweit eine derattige Bereini¬
gung von Gemeinden die Gesamtvertrctung der
Gemeinden eines Landes bezweckt, und die über¬
wiegende Zahl det Gemeinden des Landes um¬
saßt (Landesverband), bleibt die Regelung des
Verhältnisses zwischen Bund und Landesverband
der Vereinbarung Vorbehalten.
Die Arbeitsgemeinschaft der südd.
israelitischen Landesverbände.
Am Sonntag, 6. Febr., tagten in Stuttgart die
Vettreter der südd. isr. Landesverbände. An der